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Ingeborg Harms Hunger als Muse: Hauffs „Geschichte von dem kleinen Muck“

16.01.2006 ·  Sie hat alles, was ein Märchen braucht: orientalische Ferne, einen dummen, aber grausamen König, magische Werkzeuge und eine tiefe Affinität zur Kindheit. Ingeborg Harms über Wilhelm Hauffs „Geschichte vom kleinen Muck“.

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Ich entdeckte das Märchen in einem vergilbten Folioformat bei meiner noch im neunzehnten Jahrhundert geborenen Stiefgroßtante. Es stammte von einer Firma, die ihre Kunden mit gemalten Bildchen belohnte, welche man in freie Stellen zu den Märchen kleben konnte.

Die Bilder waren oft kraß, wie der an den Torbogen genagelte Pferdekopf, den ich mir nur mit dem inneren Frösteln ansah, das nicht ganz sicher ist, ob der Kopf nicht jederzeit vor Schmerz zu wiehern anfangen konnte. An ein Bild zum kleinen Muck erinnere ich mich nicht, aber als er mir in einer mürben Ausgabe des Leipziger Reclamverlags wieder begegnete, kam er mir wie ein alter Bekannter vor, und ich las seine Geschichte gierig noch einmal.

Die Gabe Lebenstapferkeit

Sie hat alles, was ein Märchen braucht, orientalische Ferne, in der man in Turbanen auf Dächern herumspaziert, einen dummen, aber grausamen König, der an Verräter Seidenschnüre verschickt, magische Werkzeuge, die den Helden aus dem größten Dickicht heraustransportieren, und eine tiefe Affinität zur Kindheit, die dem Märchenleser versichert, daß er dem Land der Wunder ganz nah ist und es kein besseres Mittel als seine Naivität gibt, um über sie zu stolpern.

Mucks größte Gabe ist die Lebenstapferkeit. Als Zwerg ist er von Anfang an verzaubert und hat den Blick für das Unsichtbare. Doch er wird auch gehänselt und als um Liebe werbender Verschwender betrogen. Wiederholt steht er mit leeren Händen da und zieht von neuem aus, das Glück zu suchen. In jeder blitzenden Kuppel am Horizont sieht er ein nahes Zauberland, doch sein knurrender Magen sagt ihm, „daß er noch im Lande der Sterblichen sich befinde“.

Triumphierend optimistisch und todtraurig zugleich

Der Hunger ist seine Muse, eine elementare Kraft, die nicht nur den Trübsinn verscheucht, sondern auch in Geheimnisse einweiht, Eselsohren wachsen läßt und zu Sieben-Meilen-Pantoffeln verhilft. Der Hunger bringt Muck in Schwierigkeiten, aber wie das Leben, das sich selbst ernährt, holt er ihn aus allen wieder heraus.

„Die Geschichte von dem kleinen Muck“ ist triumphierend optimistisch und todtraurig zugleich, denn sie berichtet auch vom alten Muck, der die tückischen Menschen verachtet und seine Wohnung nur alle vier Wochen verläßt. Aber jeden Mittag steigt „mächtiger Dampf“ aus seinem Haus auf: Der Winzling mit dem Riesenkopf hat seinen Appetit nicht verloren, nur ist er weise genug, die Befriedigung seines namenlosen Hungers nicht länger im Lande der Sterblichen zu suchen.

Die Märchen von Wilhelm Hauff gibt es im Reclam Verlag für 14,90 Euro.

Quelle: F.A.Z., 16.01.2006, Nr. 13 / Seite 33
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