Wenn man einen Literaturkundigen fragt, was der Büchnerpreis sei, erhält man die einfache Antwort: die wichtigste literarische Auszeichnung in Deutschland. Etwas genauer heißt es im Vorwort zu einem Band mit den gesammelten Büchnerpreis-Reden, die Nation erkenne in Büchner nicht „die abgeschlossene Klassiker-Leistung, sondern das Beispiel eines Dichters, dessen Werk jeder Zeit, auch unserer, vorauseilt“.
Der Ingeborg-Bachmann-Preis dagegen, dessen Lesungen am kommenden Donnerstag beginnen, ist benannt nach der 1973 gestorbenen österreichischen Schriftstellerin, doch es war von Beginn an nicht ganz klar, in welcher Beziehung die Auszeichnung zu ihrer Namensgeberin stehen soll. Der 1977 unter entscheidender Mitwirkung von Marcel Reich-Ranicki ins Leben gerufene zugehörige Wettbewerb um die von der Stadt Klagenfurt gestiftete Auszeichnung nennt sich seit dem Jahr 2000 „Tage der deutschsprachigen Literatur“, wurde als Nachfolgeinstitution der Gruppe 47 konzipiert und bezieht seinen besonderen Reiz aus den unmittelbar auf die Lesungen folgenden Jury-Debatten mit Tribunalcharakter, die sich verselbständigt haben und auch zu einem Stück Fernsehkultur geworden sind.
Offen zur Schau gestellte Unkenntnis
Dabei könnte man es belassen und es als absurd bezeichnen, wenn es beim Bachmannpreis darum ginge, so wie Ingeborg Bachmann zu schreiben (oder im Falle des Büchnerpreises wie Georg Büchner). Und doch: Was könnte die Hinterlassenschaft der Namensgeberin sein? Welche Poetik wird in ihrem Geiste ausgezeichnet, und mit welchem diesbezüglichen Anspruch treten die Teilnehmer an? Dass die Geschichte des Wettbewerbs hierauf keine eindeutige Antwort zulässt, schon allein, weil es verschiedene Jurygenerationen und -konstellationen und noch viel heterogenere Texte gab, liegt auf der Hand.
Aber es gibt Indizien. Ganz klar geäußert hat sich zum Beispiel die Gewinnerin von 2006, Kathrin Passig. Auf die Frage, ob sie sich mit Ingeborg Bachmann beschäftigt habe, antwortete sie: „Überhaupt nicht. Ich weiß so gut wie nichts über sie, habe aber in Klagenfurt gemerkt, dass ich damit nicht allein stehe. Von fünf oder sechs der Autoren, die ich gefragt habe, hatte eine mal was von Bachmann gelesen.“ Nun war Kathrin Passig vielleicht ein Sonderfall in der Geschichte des Wettbewerbs, weil sie, worüber schon viel diskutiert worden ist, angeblich nur „zum Spaß“, nach Ansicht einiger auch mit dem Ziel der Subversion daran teilgenommen habe, also um zu zeigen, dass es eine ganz bestimmte „Bachmannpreis-Prosa“ gebe, mit der man reüssieren kann.
Natürlich kann man bei Literaturpreisen grundsätzlich einen Autor nicht oder nur schwer auf den Namenspatron festnageln. Aber in diesem Fall ist die so offen zur Schau gestellte Unkenntnis schon frappierend. Manche scheinen sich daran jedoch gar nicht zu stören.
Literatur muss existentiell berühren
Ein Kritiker deutete etwa Kathrin Passigs Antrieb durchaus treffend als „Albernfinden von Schwerkunstposen“, die sie mit ihrem Text und Auftritt kühl karikiert habe, sah sich aber veranlasst, noch hinzuzufügen: „Zur pathetischen Schreibhaltung der Hausheiligen von Klagenfurt, zu Ingeborg Bachmann, laufen da keine untergründigen Kanäle.“ Das ist schon starker Tobak: Wenn die Hausheilige derart abgekanzelt werden kann und sich der Wettbewerb so völlig von ihr entkoppelt hat, was soll dann eigentlich der nach ihr benannte Preis? Und nur zum Vergleich: Als Ingeborg Bachmann selbst 1964 den Büchnerpreis erhielt, sagte sie in ihrer Rede voller Respekt, sie sei es, wie jeder der vorherigen Preisträger, „nicht wert, Büchner das Schuhband zu lösen“. Ob sie je eine Zeile von Büchner gelesen hatte, war eine Frage, auf die man damals gar nicht gekommen wäre.
Wenn es nicht bedeutungslos oder nur von der jeweiligen Jury abhängig sein soll, wofür dieser Preis steht, worin könnte seine Bedeutung dann liegen? Einige Sätze, die darauf einen Hinweis geben können, hat die Dichterin hinterlassen. Einer der bekanntesten lautet: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“, geäußert in ihrer Dankesrede für den Hörspielpreis der Kriegsblinden. Man mag die Formulierung heute für pathetisch halten; sie kommt eben noch aus einer ganz anderen Zeit, die nun schon so fern scheint, der Zeit der „Gruppe 47“, um es auf einen Begriff zu bringen. Die Botschaft, dass Literatur existentiell berühren muss, ist hingegen nicht obsolet.
Ein weiterer Satz von Ingeborg Bachmann lautet: „Aber Darstellung verlangt Radikalisierung und kommt aus Nötigung.“ Er sollte einer grassierenden Oberflächenliteratur, die allzu oft formvergessen und „inhaltistisch“ daherkommt, ins Stammbuch geschrieben werden. Für Ingeborg Bachmann dagegen war die Literatur ein „nie ganz zu verwirklichender Ausdruckstraum“, bei dem „jede Vokabel, jede Syntax, jede Periode, Interpunktion, Metapher und jedes Symbol“ über Erfüllung oder Scheitern entscheiden kann, wie es in einer ihrer Frankfurter Poetikvorlesungen heißt. Was in diesen Vorlesungen ferner über „das schreibende Ich“ oder den „Umgang mit Namen“ in literarischen Texten gesagt wird, sollte jeder, der selbst einen verfassen möchte, einmal gehört haben.
Universität der Liebe und des Geschlechterkampfes
Auch erwähnen sollte man, dass das, was man sich heute unter Ingeborg Bachmanns Werk und Hinterlassenschaft vorstellt, noch immer nicht ganz ausgemacht ist und sein kann - die Fragmente des „Todesarten“-Projekts zum Beispiel, das den Roman neu denken wollte, sind erst seit kurzem kritisch ediert und erfüllen laut Aussage der Herausgeber nur die „Basisfunktion“ für die Forschung, während man gespannt auf die für 2025 vorgesehene Öffnung des bis dahin versiegelten Briefnachlasses der Autorin wartet.
Ein Aspekt von Ingeborg Bachmanns Vermächtnis, der jedoch schon heute offen zutage liegt, ist die schonungslose und unübertroffene literarische Darstellung von Paarbeziehungen. Wenn auf diesem Feld Max Frisch den Prüfungs- und Lebensstoff für das Gymnasium lieferte (wo man noch heute Aufsätze über seine Bildnisthematik verfasst), dann bot Bachmann wohl so etwas wie die Universität der Liebe und des Geschlechterkampfes. Mit einigen An- und Einsichten, die etwa in „Malina“ stehen, dürfte unsere Gesellschaft noch auf lange Zeit beschäftigt sein - und „Malina“ ist nur die Spitze des Eisbergs des „Todesarten“-Projekts.
Wir sind also mit Ingeborg Bachmann noch nicht fertig, und die Institution des nach ihr benannten Preises sollte es auch nicht sein.