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In Prenzlauer Berg : Gibt’s ein richtiges Leben im Richtigen?

Ralph Martin Bild: Julia Zimmermann

Ralph Martin hat über die Welt saturierter Geschmacksmenschen, die sich gegenseitig terrorisieren, ein Buch geschrieben. Eine Begehung des Tatorts am Kollwitzplatz.

          Man kann es sehen, wenn man will, es steht nicht nur in Büchern, es ist kein Witz und kein Film. Man kann mit der Straßenbahn aus der Mitte Berlins einfach hinauffahren und aussteigen, Eberswalder Straße, Prenzlauer Berg, ein Ort, der irgendwie immer zu zittern scheint vor Autos und Bahnen und Menschen.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Dann sieht man sie sofort. Die bärtigen Männer in ihren Plusterjacken. Wie sie mit dem Fahrrad über die Bürgersteige eiern, weil die Unwucht der Kindersitze, selbst wenn sie leer sind, jedes Kurshalten schwermacht. Und den Club der schönen Mütter: flache Schuhe, schmaler Mantel, müde Augen (oder große Sonnenbrillen), ein Kind an der Hand. Oder noch eins. Man geht die Danziger Straße entlang und zählt, Vater, Vater, Vater, Mutter, Vater, Mutter, Mutter, Mutter, Vater. Man wird überwältigt vom Klischee: Der ganze Prenzlauer Berg ist mehr oder weniger Mitte dreißig und hat mehr oder weniger Kinder. Es ist sicher nicht so, jede Statistik hält ja dagegen, dass plötzlich Abermillionen Kinder von Eltern mit Abitur geboren werden in der Bundesrepublik. Es ist nur eben so, dass sie offenbar alle nur hier wohnen wollen. Oder im Nordend, im Glockenbachviertel, in Eimsbüttel, in der Neustadt - oder wie das Viertel in Ihrer Stadt heißt, wo Eltern fünfzehnhundert Euro für einen Kinderwagen ausgeben und die Jungen Leopold, aber nicht Marvin heißen.

          „Papanoia“

          Ralph Martin hat vorgeschlagen, sich hier zu treffen. Er wohnt zwar nicht mehr am Kollwitzplatz, dem ground zero der neuen Elternwelt, aber sein neues Buch ist hier zu Hause. Es heißt „Papanoia“. Ralph Martin ist Amerikaner, geboren 1970. Er hat früher in New York in der Buchbranche gearbeitet und seither als freier Journalist auch für dieses Feuilleton geschrieben, er ist mit einer deutschen Fernsehjournalistin verheiratet, die beiden haben zwei Kinder. Wie das ist, als Amerikaner - und vor allem als Mann, dessen Frau das Geld verdient - in der Welt der schönen Mütter und bärtigen Väter Kinder großzuziehen, davon handelt „Papanoia“. Es ist ein auf amerikanische Art lustiges Buch, das sich kleiner macht, als es ist, und an Phänomenen, die es beschreibt, eher vorbeischlendert, als sie an sich zu reißen und in eine Gesellschaftstheorie zu pressen.

          Ralph Martin spricht zum Beispiel nicht von Generationen. Er appelliert auch nicht an Werte, er ruft keinen sogenannten Trend aus, er erzählt einfach seine Geschichten, und sie sind alle wahr, das muss reichen an Soziologie. Wie zum Beispiel die Geschichte, als seine Tochter Lulu eines Tages mit einer Barbiepuppe in die Kita ging und die anderen Eltern wochenlang nicht darüber hinwegkamen. Eine Barbie - hier! Oder wie Lulu zum Spielen bei Freunden eingeladen war und sie fragte, ob sie vielleicht fernsehen dürfte. Das Nachbeben war auch da heftig. „Sämtliche Kinder in unserer Nachbarschaft ernähren sich von salzlosen, zuckerfreien, unbehandelten Bio-Lebensmitteln“, schreibt Ralph Martin, es ist schon die zwölfte Seite seines Buchs - aber es wäre auch ein guter Einstieg in einen Roman gewesen, der nur im Verhängnis enden kann. So etwas wie „Ihr, die ihr hier eintretet, lasset alle Hoffnung fahren“.

          Ist auch wirklich alles bio?

          Prenzlauer Berg ist natürlich nicht die Hölle. Aber es ist etwas ins Kippen geraten, wenn Dinge, die eigentlich gut und richtig sind (wie Obst und Gemüse oder Hausmusik), jemanden, der Gitarre spielen kann und gern gut isst, plötzlich wahnsinnig nerven. Wenn ausgerechnet der Besitz einer Barbiepuppe zum Fanal für Meinungsfreiheit wird. Martins Buch ist nicht das erste, das eine homogene Welt saturierter Geschmacksmenschen beschreibt, die sich gegenseitig terrorisieren. „Prospect Park West“ von Amy Sohn, vergangenes Jahr erschienen, erzählt eine ähnliche Geschichte als Roman und aus Brooklyn: die richtige Wohnung, die richtige Anzahl Kinder, der richtige Biomarkt. Auch „Freiheit“ von Jonathan Franzen erzählt ja im Kern von Gentrifizierern, die sich das Leben schwermachen. Und die neue amerikanische Fernsehserie „Portlandia“ handelt von nichts als der Frage, warum es so öde ist, wenn alle alles richtig machen, ökologisch korrekte Kleider (keine Kinderarbeit!) tragen und Fahrrad fahren (Benzin böse!). Ob es also überhaupt ein richtiges Leben im Richtigen geben kann.

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