26.10.2011 · Ralph Martin hat über die Welt saturierter Geschmacksmenschen, die sich gegenseitig terrorisieren, ein Buch geschrieben. Eine Begehung des Tatorts am Kollwitzplatz.
Von Tobias RütherMan kann es sehen, wenn man will, es steht nicht nur in Büchern, es ist kein Witz und kein Film. Man kann mit der Straßenbahn aus der Mitte Berlins einfach hinauffahren und aussteigen, Eberswalder Straße, Prenzlauer Berg, ein Ort, der irgendwie immer zu zittern scheint vor Autos und Bahnen und Menschen.
Dann sieht man sie sofort. Die bärtigen Männer in ihren Plusterjacken. Wie sie mit dem Fahrrad über die Bürgersteige eiern, weil die Unwucht der Kindersitze, selbst wenn sie leer sind, jedes Kurshalten schwermacht. Und den Club der schönen Mütter: flache Schuhe, schmaler Mantel, müde Augen (oder große Sonnenbrillen), ein Kind an der Hand. Oder noch eins. Man geht die Danziger Straße entlang und zählt, Vater, Vater, Vater, Mutter, Vater, Mutter, Mutter, Mutter, Vater. Man wird überwältigt vom Klischee: Der ganze Prenzlauer Berg ist mehr oder weniger Mitte dreißig und hat mehr oder weniger Kinder. Es ist sicher nicht so, jede Statistik hält ja dagegen, dass plötzlich Abermillionen Kinder von Eltern mit Abitur geboren werden in der Bundesrepublik. Es ist nur eben so, dass sie offenbar alle nur hier wohnen wollen. Oder im Nordend, im Glockenbachviertel, in Eimsbüttel, in der Neustadt - oder wie das Viertel in Ihrer Stadt heißt, wo Eltern fünfzehnhundert Euro für einen Kinderwagen ausgeben und die Jungen Leopold, aber nicht Marvin heißen.
Ralph Martin hat vorgeschlagen, sich hier zu treffen. Er wohnt zwar nicht mehr am Kollwitzplatz, dem ground zero der neuen Elternwelt, aber sein neues Buch ist hier zu Hause. Es heißt „Papanoia“. Ralph Martin ist Amerikaner, geboren 1970. Er hat früher in New York in der Buchbranche gearbeitet und seither als freier Journalist auch für dieses Feuilleton geschrieben, er ist mit einer deutschen Fernsehjournalistin verheiratet, die beiden haben zwei Kinder. Wie das ist, als Amerikaner - und vor allem als Mann, dessen Frau das Geld verdient - in der Welt der schönen Mütter und bärtigen Väter Kinder großzuziehen, davon handelt „Papanoia“. Es ist ein auf amerikanische Art lustiges Buch, das sich kleiner macht, als es ist, und an Phänomenen, die es beschreibt, eher vorbeischlendert, als sie an sich zu reißen und in eine Gesellschaftstheorie zu pressen.
Ralph Martin spricht zum Beispiel nicht von Generationen. Er appelliert auch nicht an Werte, er ruft keinen sogenannten Trend aus, er erzählt einfach seine Geschichten, und sie sind alle wahr, das muss reichen an Soziologie. Wie zum Beispiel die Geschichte, als seine Tochter Lulu eines Tages mit einer Barbiepuppe in die Kita ging und die anderen Eltern wochenlang nicht darüber hinwegkamen. Eine Barbie - hier! Oder wie Lulu zum Spielen bei Freunden eingeladen war und sie fragte, ob sie vielleicht fernsehen dürfte. Das Nachbeben war auch da heftig. „Sämtliche Kinder in unserer Nachbarschaft ernähren sich von salzlosen, zuckerfreien, unbehandelten Bio-Lebensmitteln“, schreibt Ralph Martin, es ist schon die zwölfte Seite seines Buchs - aber es wäre auch ein guter Einstieg in einen Roman gewesen, der nur im Verhängnis enden kann. So etwas wie „Ihr, die ihr hier eintretet, lasset alle Hoffnung fahren“.
Prenzlauer Berg ist natürlich nicht die Hölle. Aber es ist etwas ins Kippen geraten, wenn Dinge, die eigentlich gut und richtig sind (wie Obst und Gemüse oder Hausmusik), jemanden, der Gitarre spielen kann und gern gut isst, plötzlich wahnsinnig nerven. Wenn ausgerechnet der Besitz einer Barbiepuppe zum Fanal für Meinungsfreiheit wird. Martins Buch ist nicht das erste, das eine homogene Welt saturierter Geschmacksmenschen beschreibt, die sich gegenseitig terrorisieren. „Prospect Park West“ von Amy Sohn, vergangenes Jahr erschienen, erzählt eine ähnliche Geschichte als Roman und aus Brooklyn: die richtige Wohnung, die richtige Anzahl Kinder, der richtige Biomarkt. Auch „Freiheit“ von Jonathan Franzen erzählt ja im Kern von Gentrifizierern, die sich das Leben schwermachen. Und die neue amerikanische Fernsehserie „Portlandia“ handelt von nichts als der Frage, warum es so öde ist, wenn alle alles richtig machen, ökologisch korrekte Kleider (keine Kinderarbeit!) tragen und Fahrrad fahren (Benzin böse!). Ob es also überhaupt ein richtiges Leben im Richtigen geben kann.
„Es ist nicht nur in Berlin so“, sagt Ralph Martin sofort, wir sitzen im „Kollberg 35“ vor zwei Tassen Kaffee mit Milch, die natürlich hier nicht so heißen, sondern Cortado; vor der Tür spielen Kinder auf dem Spielplatz, am Nebentisch reden Männer in Englisch aufeinander ein, später schreit ein Baby an einem anderen Tisch. „Ich bin in Hamburg gewesen, in München und in Bad Godesberg, es war überall so: Jede Stadt hat diese Schicht von Leuten, die so sind wie ich. Aber seit ich umgezogen bin“ - nach Kreuzberg -, „wird mir klar, dass diese Mischung aus Selbstgerechtigkeit und der Bereitschaft, anderen Leuten zu sagen, dass sie etwas Böses tun, wenn sie sich nicht wie alle anderen verhalten: dass das eben nicht universell ist. Es gibt Viertel, in denen die Leute einem nicht in den Einkaufswagen gucken und kontrollieren, ob alles bio ist, ob man zu viele salzige Sachen einkauft oder billige Würstchen.“
Und es gibt ein Viertel namens Prenzlauer Berg. Als er hier ankam, 2004, dachte Martin, er sei im Himmel. „Es war der schmerzloseste Aufstieg, den ich mir vorstellen konnte“, heißt es im Buch. „Wir zogen in eine wunderschöne perfekt renovierte Altbauwohnung in einer hippen, angesagten Nachbarschaft, wo noch vor ein paar Jahren alternde DDR-Rentner ihre heruntergekommene Zuflucht hatten; das konnte kein Glück sein. Das war Geschichte, der Triumph der Jungen, der Cleveren und der Stilvollen - worüber, das wusste ich nicht; doch ich triumphierte.“ Noch am Abend des Einzugs wird ihnen klar, dass sie in ein Haus schreiender Babys gezogen sind, bald haben sie selbst eins, und aus ihrem Haus der Geschichte wird der „Bunker“, in den nur noch Eltern ziehen, die eigentlich nur Eltern um sich dulden.
Vielleicht, oder nein: Sicher ist Ralph Martin empfänglicher für kulturelle Signale und Distinktionsgewinne (und subtile Demütigungen), weil er von außen zuschaut, als Ausländer und als „weitgehend erwerbsloser Vater“, wie er sich im Buch nennt. Berliner, sagt Martin, seien besonders besitzergreifend, wenn es um ihre Viertel geht. Kaum sind sie irgendwo hingezogen, beschweren sie sich schon, was daraus geworden ist. Die schmerzhafteste Episode im Buch handelt von einem Kinderspielplatz: Auf der Bank in der Sonne thronen drei junge Frauen, „Yogamütter“ nennt Ralph Martin sie. Die Yogamütter (Standardkleidung: „Turnschuhe, Jogginghose und Kapuzenpulli, darüber ein Mantel, der aussah, als wäre er einmal sehr teuer gewesen.“) ignorieren ihn und seine Tochter so brüsk, dass Martin zurückkatapultiert wird in seine Highschool, in die Zeit, als er ein Außenseiter war, ein nerd, und die höheren Töchter ihn nicht beachteten. Man muss nicht auf der Highschool gewesen sein, um diese Hierarchien zu verstehen: Leser vom „Zauberberg“ wissen genau, was der gute und der schlechte Russentisch ist.
Aber zurück zur Geschichte, nicht nur der von Lulu und Ralph Martin, auch zu der, an deren vorläufigem Ende ein Viertel steht, das, wie Ralph Martin sagt, die kulturelle Vorstellungskraft des Landes erobert hat - aber sie zugleich uniformierte. „Man wagt es hier nicht, zu viel zu träumen“, sagt er, und dass es das eine sei, in der Kita seinen Beitrag zu leisten, mitzubasteln, mitzubacken, dass es nur eben nicht übergreifen dürfe ins Private. In dem Viertel aus „Papanoia“ ist das Private aber komplett nach außen gestülpt.
Warum es so kam, warum aus einem Viertel der besten Absichten ein Ort wurde, an dem man sich beobachtet fühlt, abgecheckt, einsortiert, wenn man nicht nach den Regeln lebt, und wer diese Regeln aufgestellt hat, darüber rätselt Martin noch. Erst mal ist er mit seiner Familie weggezogen. Das Buch, erschienen bei Piper, beantwortet die Fragen nicht, aber es hat eine Heldin, die über allen Konformismus erhaben ist: Lulu. Die nach Fleisch ruft, Fernsehen will, Pink trägt, sich einen Bruder wünscht und eine Barbie hat. „Sie ist ich“, sagt Lulu über die Barbie. Diese Puppe, schreibt Ralph Martin, „war die Botschafterin einer anderen Welt; vielleicht keiner besseren, doch einer unendlich seltsameren und wunderbaren Welt als alles, was die Yogamütter sich vorstellen konnten“. Ein Mädchen, das mit jemandem spielt, mit dem niemand mehr spielen will - vielleicht ist das die Antwort auf alle Fragen.
Tobias Rüther Jahrgang 1973, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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