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Imre Kertész : Dünnes Eis, deutsches Wasser

  • Aktualisiert am

Will nicht politisch wirken: Kertész Bild: PRESSENS BILD

Der ungarische Literatur-Nobelpreisträger Imre Kertész hat auf seine Rede zum Tag der Deutschen Einheit ein großes Echo erhalten. Ein Gespräch mit Kertész über Literatur, Politik und die Energie der Stadt Berlin.

          Der ungarische Literatur-Nobelpreisträger Imre Kertész hat auf seine Magdeburger Rede zum Tag der Deutschen Einheit ein großes Echo erhalten. Kertész, der als Jugendlicher die deutschen Konzentrationslager Auschwitz und Buchenwald überlebte, hatte in Magdeburg die Erinnerung an die Überwindung der Teilung und an die europäische Einigung mit einem persönlichen Bekenntnis zur deutschen Demokratie verbunden. Diese sei "stark und reif" genug, "alle Herausforderungen zu bestehen"; deshalb habe er "ruhigen Herzens" eine Wohnung in Berlin gemietet. Zugleich kritisierte der Schriftsteller die mangelnde Einigkeit Europas angesichts der Bedrohung durch den irakischen Diktator. Die CDU-Vorsitzende Angela Merkel nannte die Rede "mutig"; der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung sagte sie, sie sei wie Kertész der Meinung, daß Deutschland die Pflicht habe, in zentralen Fragen für eine gemeinsame Haltung der Europäischen Union zu sorgen. (F.A.Z.)

          Was sagen Sie zu den Reaktionen, die Ihre Rede hervorgerufen hat?

          Sie haben mich sehr überrascht. Was ich gesagt habe, habe ich als Schriftsteller, als ein denkender Mensch gesagt, nicht als Tagespolitiker. Das war so etwas wie ein Geständnis: Ich wollte etwas über meine Absichten, meine Arbeit und über meine Beziehung zu Deutschland sagen, was ich vor so einer Öffentlichkeit noch nie gesagt habe. Und es reizte mich auch, meine Bedenken zu Europa in der gegenwärtigen Situation zu äußern. Aber das war nicht als Kritik an einer Regierung gemeint, als eine Stellungnahme gegenüber der laufenden Politik, über die ich gar nicht genügend informiert bin. Ich hatte mich vorbereitet, einen Essay vorzulesen, wonach das Publikum klatscht und dann nach Hause geht. Und nun spürte ich schon beim Lesen diese Spannung, diese Erwartung im Raum. Ich merkte, daß ich da in eine Szene hineingeraten war, in der ich auf dünnem Eis über ein tiefes Wasser gehe - eine Situation, an der ich natürlich nicht ganz unschuldig bin. Später habe ich in der Zeitung gelesen, daß ich eine politische Rede gehalten, daß ich die Regierung kritisiert hätte, und es meldeten sich Politiker zu Wort, die mir beipflichteten. Ja, das wollte ich alles nicht. Die Situation ist ein wenig komisch: Man schreibt etwas ganz Persönliches, und in einem tagespolitischen Kontext hört sich das plötzlich alles ganz anders an. Ich bereue nicht, diese Rede gehalten zu haben. Aber ich will das, was ich gesagt habe, auch nicht zu einer prophetischen Botschaft aufblasen.

          Aber warum freuen Sie sich nicht darüber, daß das, was Sie sagen, auch gehört wird? Woher kommt Ihre Aversion gegenüber der politischen Wirkung?

          Vermutlich daher, daß ich vierzig Jahre lang in einer Diktatur gelebt habe. Damals habe ich eine tiefe Abneigung gegen die sogenannte "engagierte Literatur" entwickelt. In einer Diktatur weiß man, daß jede öffentliche Bewegung, die man macht, entweder ausgenutzt oder falsch hingestellt, in jedem Fall manipuliert wird. Es konnte da keine Naivität, keine Unschuld geben. Eine Übereinstimmung zwischen einer Regierung und der Moral hätte man niemals für möglich gehalten. Deshalb hat mich die "engagierte Literatur", die ich damals las, von Jean-Paul Sartre und anderen, empört: Es ist eine falsche Literatur. Da verändert man sich selbst, da verändert man den Stil im Interesse einer politischen Linie, das ist weder Literatur noch Politik, das ist nichts. In einer Diktatur wird man mißtrauisch gegenüber der Politik. Am besten lebt man dort unbeachtet. Wer sich gut versteckt, der wird weise sein, sagt die römische Sage. Und so habe ich mich ferngehalten von der Öffentlichkeit im kommunistischen Ungarn und habe die Folgen getragen: Ich war nicht in der Nomenklatur, also wurde ich als Schriftsteller beiseite geschoben. Das war für mich natürlich nicht so gut, aber ich genoß auf diese Weise auch eine paradoxe Freiheit. Diese Freiheit ist jetzt weg, und das ist eine erfreuliche Entwicklung. Das Wort hat Gewicht in einer Demokratie, und für das, was man sagt, muß man einstehen. Das will ich auch, aber nicht in dem Sinne, daß ich in die Tagespolitik integriert werde. Dazu bin ich zu sehr Schriftsteller. Ich brauche die Distanz zur politischen Öffentlichkeit, um selber noch arbeiten, schreiben zu können.

          Sie haben, sagten Sie in Ihrer Rede, eine Wohnung in Berlin. Wie kam es dazu?

          Die Energie, die ich in Berlin fühle, ist für mich sehr wichtig. Das hat vielleicht auch mit meiner osteuropäischen Erfahrung zu tun, wo man lange Zeit in einer wirklichen Depression lebte. Das ist noch gar nicht genügend beschrieben, was es heißt, in einer Diktatur am Morgen aufzuwachen und immer wieder neu die Kraft sammeln zu müssen, den kommenden Tag möglichst kreativ zu führen. In Berlin brauche ich nur auf den Kurfürstendamm hinauszugehen, und ich fühle mich schon aufgenommen in diesen unpersönlichen, großen Strom, und ich kann sofort nach Hause laufen und schreiben. Tatsächlich habe ich den Roman "Liquidation", der jetzt erschienen ist, in Berlin zu Ende geschrieben.

          Im ersten Augenblick des Irak-Kriegs zerfiel alles, was man in Luxemburg und Straßburg geschaffen hatte.

          Imre Kertész am 3. Oktober in Magdeburg

          Westeuropa hat nur schwer und zögernd die paradoxe Bequemlichkeit aufgegeben, die es im Kalten Krieg genoß.

          Imre Kertész am 3. Oktober in Magdeburg

          Die Fragen stellte Mark Siemons.

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.10.2003, Nr. 234 / Seite 33

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