06.12.2008 · Pamela Druckerman hat eine Soziologie des Fremdgehens entworfen. Im Interview spricht sie darüber, ob Amerikaner wirklich keuscher sind als Franzosen, über das Land, aus dem die untreusten Männer stammen, und die Frage, ob sie selbst von einem Seitensprung erfahren möchte.
Von Melanie MühlPamela Druckerman hat als Treffpunkt ein Café im elften Arrondissement von Paris vorgeschlagen. Sie wohnt nicht weit entfernt, und so könnte sie, falls etwas mit den Kindern sein sollte, schnell zu Hause sein. Vor drei Monaten hat sie Zwillinge zur Welt gebracht, die ihr, wie sie sagt, wenig Schlaf gönnen. Ihre Augen verraten davon nichts und halten die ganze Zeit über Blickkontakt.
Frau Druckerman, Sie haben viele Länder bereist und in Ihrem Buch eine Soziologie des Fremdgehens entworfen. Von Männern aus welcher Region sollten Frauen auf alle Fälle ihre Finger lassen?
Wenn Ihnen Treue wichtig ist, dann empfehle ich Ihnen: Heiraten Sie keinen Mann aus Togo! Während der Recherche für mein Buch habe ich herausgefunden, dass die Männer, die am häufigsten fremdgehen, in Schwarzafrika leben.
Das meinen Sie doch nicht im Ernst?
Ich habe mit vielen südafrikanischen Männern über das Thema Untreue gesprochen, und häufig fiel irgendwann der Name Mswati der Dritte. Der König von Swasiland ist bekannt dafür, dass er eine große Vorliebe für junge Frauen hat. Als ich in Südafrika war, berichteten die Lokalzeitungen, dass Mswati gerade jede seiner zehn Frauen mit einem neuen BMW beschenkt hatte, für angeblich 820.000 Dollar. Mswati ist übrigens der Meinung, dass er durch die Vielweiberei regionale Traditionen bewahre. Vieler meiner Gesprächspartner, Männer wie Frauen, erzählten mir ebenfalls, ihre Vorfahren seien polygam gewesen.
Womit sie es sich ziemlich leicht machen, oder?
Es gibt eine Studie zweier namenhafter Historiker aus Johannesburg, die besagt, dass Vielweiberei im vorkolonialen Südafrika nur von sehr wenigen, nämlich Häuptlingen und reichen Männern, betrieben wurde. Als in den dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts schwarze Paare häufig längere Zeit voneinander getrennt lebten, da die Männer in weit entfernten Bergwerken arbeiteten, nahm der außereheliche Sex zu. Die Frauen praktizierten eine Art sexuellen Tauschhandel. Es ging dabei auch um Romantik, aber eben hauptsächlich um Geld. Auch heute gibt es viele Mädchen, die aus finanzieller Not für ihre sexuellen Dienste eine Gegenleistung fordern. Manche Männer bezahlen die Miete oder die Handykosten. Für diese Männer gibt es sogar Spitznamen wie „Wohnungsminister“ oder „Kommunikationsminister“.
Südafrika hat eine der weltweit höchsten Raten HIV-Infizierter. Führt die Angst vor Aids nicht automatisch zu mehr Vorsicht?
Das dachte ich auch und war erstaunt, als ich herausfand, dass das meistens nicht so ist. Trotz umfassender Aufklärungskampagnen verdrängen viele Südafrikaner die Gefahr von Aids. Auf den Totenscheinen liest man deshalb oft moralisch unverfängliche Todesursachen wie Tuberkulose. Natürlich muss man differenzieren. In Uganda zum Beispiel hat die Aufklärungsarbeit viel besser funktioniert als in Südafrika.
Weshalb?
Beide Länder hatten Zugang zu denselben Informationen. Entscheidend waren jedoch die Art und Weise der Informationsübermittlung. In Uganda wurden die Safer-Sex-Botschaften zum Beispiel untereinander verbreitet, also über Freunde, Bekannte oder Kollegen. Deshalb waren sie viel glaubwürdiger.
Sie sind Amerikanerin und leben seit fünf Jahren in Paris. Von den Franzosen heißt es, sie seien Experten, wenn es um Affären geht. Ist Fremdgehen in Frankreich ein nationales Hobby?
Nein, das ist ein weitverbreiteter Irrtum! Wie uns Amerikanern ist auch Franzosen Treue außerordentlich wichtig.
Trotzdem scheinen Amerikaner und Franzosen unterschiedlich mit Affären umzugehen.
O ja! Die Franzosen sind viel nüchterner und realistischer. Sie wissen, dass Liebesbeziehungen Krisen durchmachen und der Himmel nicht täglich voller Geigen hängt. Ahnt man in Frankreich, dass der Partner fremdgeht, schweigt man und wartet, bis die Geschichte vorüber ist. Beichten kommt nicht in Frage! Wenn in einer amerikanischen Ehe jemand fremdgeht, ist das ein brutaler Bruch. Der Film ist vorbei, das Licht geht an. Nichts, was vorher war, ist mehr von Bestand. Die Liebe wird in Frage gestellt und das gemeinsame Leben als eine einzige Lüge abgestempelt.
Das klingt ziemlich hysterisch.
In Amerika ist nach einer Affäre die Ehe praktisch vorbei. Der Betrüger wird aus dem Haus geworfen, und der Betrogene muss sich erst einmal darüber klarwerden, ob und wie es weitergehen soll. Ein Seitensprung ist in Amerika kein Fehler, er ist eine Sünde. Natürlich wird nicht jede von Untreue betroffene Ehe geschieden, manche überleben auch, aber es ist ein sehr langer und schmerzhafter Prozess. Für Jahre ist der Seitensprung das Hauptthema der Beziehung. Es folgen endlose Therapiesitzungen, in denen herausgefunden werden soll, wie es zum Seitensprung kommen konnte. Jedes einzelne Detail der Untreue kommt dabei auf den Tisch. Kennen Sie den Film „Unfaithful“?
Ja.
In einer Szene sitzt die Vorstadthausfrau, die ihren Mann betrügt, gemeinsam mit ihren Freundinnen in einem Cafe. Plötzlich tritt der junge Typ ein, mit dem sie schläft, und ihre Freundinnen schmachten ihn nichtsahnend an. Sie reden darüber, wie es wäre, mit ihm ins Bett zu gehen, und sind sich schnell einig, dass, egal, was passiert, es in einer Katastrophe enden würde, weil es immer in einer Katastrophe endet.
Ist das eigentlich eine neue Entwicklung in Amerika?
Dass dein Ehemann nicht nur dein Liebhaber, sondern auch dein bester Freund ist und deine Ehe dich absolut glücklich machen muss, ist eine relativ neue Idee. Ich denke, dazu hat vor allem der Therapieboom beigetragen. Ehrlich gesagt, hat mich das, was ich in meinem Land herausgefunden habe, wirklich überrascht. Klar wusste ich, dass wir, was Treue betrifft, sehr konservativ sind, aber ich hätte nie gedacht, wie viel Aufwand wir in eine Beziehung investieren, damit sie funktioniert und der Partner nicht fremdgeht. Es gibt eine gigantische, nicht profitable Industrie in Amerika, die sich nur um betrogene Menschen kümmert. Ich habe eine Gruppe gefunden, die wie die Anonymen Alkoholiker funktioniert. In allen Bundesstaaten treffen sich Betrogene und tauschen einander aus.
Für Ihre Recherche haben Sie vor allem Stadtmenschen aus der Mittelschicht befragt. Und Sie sind bis nach Japan gereist. Stimmt es, dass es dort nur Einzelfutons zu kaufen gibt?
Ja, stellen Sie sich vor: Doppelbetten muss man extra bestellen.
Um die Intimität japanischer Ehepaare scheint es demnach nicht gut bestellt zu sein.
Japanische Eheleute haben kaum Sex miteinander, und auch Romantik ist in japanischen Ehen eigentlich nicht vorgesehen. Nach der Geburt eines Kindes zieht die Mutter mitsamt ihrem Einzelfuton normalerweise ins Kinderzimmer. Dort schläft sie dann die nächsten fünf, sechs Jahre. Die Männer gehen, wenn sie Sex wollen, meistens in einen der Sexshops, die es in großen Städten ja massenweise gibt. In Japan wird übrigens niemand, der in einen bizarren Sexclub geht, schräg angeguckt oder als Perverser abgestempelt. Ein Scheidungsanwalt erzählte mir, dass Sex für Geld juristisch nicht einmal als Ehebruch gilt. Eine Regel aber gilt für alle Fremdgeher, egal, ob männlich oder weiblich: Dein Partner darf niemals erfahren, dass du ihn betrügst!
Wie gehen die japanischen Frauen damit um?
Ich habe in Japan viele ältere Frauen getroffen, die eine Affäre mit einem verheirateten Mann haben, den sie sehr selten sehen, weil er in einer anderen Stadt lebt oder beruflich viel unterwegs ist. Und mit selten meine ich tatsächlich nur ein paarmal im Jahr. Aber diese Frauen sind nicht unglücklich, im Gegenteil, sie sind glücklich. Für viele ist das eine erfüllende Beziehung. Ich kann das nicht verstehen. Stellen Sie sich vor, sie hätten einen Geliebten, der erstens verheiratet ist und zweitens ständig unterwegs, das wäre doch frustrierend. Aber in Japan gibt es eine romantische Idee von unerfüllter Liebe. Man kann es im Theater beobachten, in Romanen oder in Fernsehsoaps. Dieses Gefühl des sich Verzehrens, der Sehnsucht und aufopferungsvollen Hingabe genießt einen hohen Stellenwert. Für Frauen um die Fünfzig macht es das leichter, eine erfüllende Liebesbeziehung zu führen.
Aber jüngere Frauen geben sich mit diesem Liebesentwurf doch nicht zufrieden, oder?
Viele von ihnen sind Singles, was hauptsächlich daran liegt, dass Männer und Frauen unterschiedliche Erwartungen haben. Frauen mit Mitte zwanzig oder Anfang dreißig sind eher an Beziehungen nach westlichem Vorbild interessiert. Also im Idealfall, dass sich Mann und Frau die Erziehung der Kinder teilen, beide Verantwortung tragen und die Frau weiter arbeiten gehen kann, wenn sie möchte. Aber die japanischen Männer leben in einer paradiesischen Welt, wo ihre Aufgabe darin besteht, sich um den Job zu kümmern. Sie haben kein Interesse daran, irgendetwas zu verändern. Deshalb tun sich junge Frauen so schwer, einen Partner zu finden, und heiraten immer später.
Welchen Einfluss hat die Globalisierung auf das Liebesleben?
Die Globalisierung hat besonders in Asien zu einer wachsenden Mittelschicht geführt. Auch die Scheidungsrate ist gestiegen. Immer wenn es einen einschneidenden politischen oder wirtschaftlichen Wechsel in einem Land gibt, hat das auch Auswirkungen auf das Sexleben der Menschen.
Zum Beispiel?
Ich habe den Grenzübergang zwischen Hongkong und der Sonderwirtschaftszone Shenzhen besucht. Shenzhen war eine der ersten Städte, die Anfang der achtziger Jahre ausländische Investoren anzogen. Damals lebten dreißigtausend Menschen dort, heute sind es beinahe fünf Millionen, und die Stadt ist voll von Prostituierten. Viele Männer aus Hongkong erzählten mir, dass sie eine Freundin in Shenzhen haben, mit der sie eine Art zweites Leben führen. Natürlich spielt dabei Geld eine Rolle. In China hat eine sexuelle Revolution stattgefunden.
Was meinen Sie damit?
Denken Sie nur mal an das maoistische China. Dort war Ehebruch zwar nicht offiziell verboten, trotzdem war es gut, sich beim Fremdgehen nicht erwischen zu lassen. Niemand wollte den Eindruck erwecken, Probleme mit seinem Lebensstil zu haben. Im Kommunismus war kein Platz für Romantik. Als Mao starb, kamen die Menschen nach und nach in den Genuss von mehr Privatsphäre. Irgendwann sortierten sie auch ihr Liebesleben neu.
Wie schwer ist es, sich der sexuellen Kultur eines Landes zu entziehen? Anders gefragt: Wenn ein Russe nach Amerika zieht, verändert sich seine Haltung zu Affären dann zwangsläufig?
Witzig, dass Sie ausgerechnet danach fragen. Ich hatte in New York nämlich einen russischen Freund, der mich betrogen hat. Ich bin Amerikanerin, also habe ich mich von ihm getrennt. Als ich für mein Buch recherchierte, kapierte ich, dass er eben einfach nicht aus seiner Haut konnte. In Russland gibt es eine schöne Umschreibung für den Seitensprung: sich nach links davonstehlen.
Denken Sie heute anders über die Ehe als vor Ihrem Buch?
Absolut. Früher hätte ich es unbedingt erfahren wollen, wenn mein Mann fremdgeht. Seit ich in Frankreich lebe und mich intensiv mit dem Thema beschäftigt habe, würde ich es ganz klar vorziehen, nie von einem Seitensprung zu erfahren.
Zur Person
Pamela Druckerman wird am 14. März 1970 in New York City geboren. Sie studiert „International Affairs“ an der Columbia University in New York, in Japan und Mexiko.
Von 1997 bis 2002 berichtet sie als Auslandskorrespondentin für das „Wall Street Journal“ aus São Paulo, Buenos Aires, Jerusalem, Paris und New York. Sie lernt Japanisch, Spanisch, Französisch, Portugiesisch und Hebräisch. Danach wird sie Autorin für „The New York Times“, „The Washington Post“ and „The Financial Times“.
Pamela Druckerman ist mit einem Engländer verheiratet und lebt seit fünf Jahren in Paris. Das Paar hat eine Tochter und zwei Söhne. Ihr Buch „Fremdgehen“ ist im Herbig Verlag erschienen.