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Im Gespräch: Michael Jürgs „Bitte mit Vorratsdatenspeicherung!“

10.05.2011 ·  Michael Jürgs erhielt für ein Buch als erster Autor Zugang zum Inneren des Bundeskriminalamtes. Im Lichte seiner Erkenntnisse sagt er: Wir müssen der Polizei mehr Chancen geben, Kriminelle zu fassen.

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Herr Jürgs, fühlen Sie sich nach Ihren Recherchen sicherer als zuvor?

Ich fühle mich sicher, wenn ich das Gefühl habe, dass andere Menschen genauso aufpassen wie ich selbst. Wenn am Bahnhof schreiende Hooligans auf mich zukommen, dann fühle ich mich unsicher. In Hamburg, wo ich lebe, ist Sicherheit immer relativ. Selbst in der Innenstadt werden in U-Bahn-Stationen Menschen totgeschlagen. Wie gut das BKA aber die Gesellschaft schützt, das hätte ich vorher nicht gedacht.

In Ihrem Buch scheint es so, als läge das vor allem an den Mitarbeitern.

Natürlich gibt es auch Leute, die eine Fehlbesetzung für ihren Job sind und unserem Bild eines typischen Beamten entsprechen. Ich habe mich aber auf einige Abteilungen konzentriert – Internetkriminalität, Kinderpornographie und Terrorismusbekämpfung –, und wenn dort in der Kriminaltechnik auch nur einer unfähig wäre, würde das ganze System nicht funktionieren. Die Cybercops etwa sind Typen, die könnten genauso gut im Silicon Valley in einer Garage sitzen und Programme entwickeln.

Wie wird die Qualität sichergestellt?

Durch harte Ausbildungswege. Wenn zum Beispiel jemand kommt und sagt, er möchte Profiler werden, weil er gerade die Fernsehserie CSI gesehen hat, wird ihm erst einmal mitgeteilt, dass es mindestens fünfzehn Jahre dauert, bis er seinen ersten eigenen Einsatz bekommt. Das entmutigt die meisten.

Gerade in amerikanischen Krimis wie CSI staunt man über die technischen Möglichkeiten. Sind die realistisch?

Wenn dort ein Täter anhand von Fußabdrücken oder Erdproben aus Schuhen ermittelt werden kann, denkt so mancher, das sei schöne Fiktion, habe aber nichts mit der Realität zu tun. Beim BKA habe ich jemanden gefunden, der die DNA eines Baumes feststellen konnte. Dadurch konnte ein acht Jahre alter Mordfall gelöst werden. Die Technik, die wir in den Krimis sehen, ist in Wirklichkeit noch besser.

Sie waren der erste Autor, der so nah an die realen Ermittlungsbehörden herangelassen wurde. Aber auch Ihre Interviewanfragen wurden zuerst abgelehnt. Hat Sie das nicht entmutigt?

Für mich gab es nur eine richtige Herangehensweise: Wenn die „nein“ sagen, nehme ich das als Herausforderung. Irgendwann hat das BKA den Widerstand aufgegeben. Man ahnte wohl, dass ich auch ohne Hilfe das Buch schreiben würde.

In der Vergangenheit waren Sie ja vor allem für Biographien und Ihre Streitschrift gegen die Verblödung durch das Fernsehen bekannt. Wie passt das Thema BKA da hinein?

Ich bin als Journalist gesund halbgebildet. Die andere Hälfte, also das, was ich vorher nicht weiß, das ist das Spannende. Das war auch so, als ich über den Weihnachtsfrieden im Ersten Weltkrieg schrieb oder über Eva Hesse. Insofern war das BKA etwas, das mich gereizt hat. Auch, weil es eine unglaubliche Arbeit war, das komplizierte System so zu begreifen und zu beschreiben, dass ein normaler Mensch es versteht.

Sie scheinen jetzt zum Verfechter von Law and Order geworden zu sein.

Als ich diese Umschreibung das erste Mal las, hat mich das völlig verschreckt. Dann ist mir aber aufgefallen, dass Law and Order nichts anderes heißt als „Recht und Ordnung“. Das sind die Säulen der Demokratie, dagegen kann man nichts haben. Der Vorwurf bezieht sich vor allem auf den Bereich der Vorratsdatenspeicherung. Hier bin ich in einigen Bereichen sehr dafür, sie wieder einzuführen. Natürlich darf nur mit richterlichem Beschluss ein Zugriff auf die Daten erlaubt sein. Die Vorratsdatenspeicherung an sich ist aber oft die einzige Chance, die Schuldigen zu fassen. Wenn man sagt, man möchte sie nicht, dann kann man die Polizei nicht kritisieren, wenn sie die Täter nicht fasst. Schließlich hält sich die moderne Kriminalität längst an keine Regeln mehr.

Das Gespräch führte Matthias Schmidt.

BKA: Die Jäger des Bösen“ von Michael Jürgs ist erschienen im C. Bertelsmann Verlag.

Quelle: F.A.Z.
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