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Im Gespräch: Marie NDiaye Glauben Sie an Magie, Madame?

06.12.2009 ·  Mit 18 Jahren veröffentlichte sie ihren ersten Roman, in diesem Jahr hat sie den Prix Goncourt für ihren Roman „Drei starke Frauen“ gewonnen: Die französische Schriftstellerin Marie NDiaye, Jahrgang 1967, wohnt seit einem Jahr in Berlin, wo es ihr wieder gefällt.

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Marie NDiaye empfängt uns morgens im Le-Corbusier-Haus beim Berliner Olympiastadion; von ihrer Wohnung aus blickt man über den Grunewald. Die Schriftstellerin ist übernächtigt, aber ihre Stimme klingt ruhig, leise, hoch.

Madame NDiaye, wie ist es, den Prix Goncourt zu erhalten?

Es hat mich sehr gefreut. Nun ja, es geschieht nach fünfundzwanzig Jahren Arbeit, das ist nicht dasselbe, wie wenn er mir früher verliehen worden wäre. Aber es ist sehr schön.

Sehen Sie den Preis als Auszeichnung, oder glauben Sie nicht daran, dass Literaturpreise irgendetwas belohnen?

Tatsächlich ist das selten der Fall. In meinem Fall habe ich jedoch den Eindruck, dass der Prix Goncourt weniger ein Buch als vielmehr fünfundzwanzig Jahre Schaffen belohnt.

Hat er über die Verkaufszahlen der Bücher hinaus etwas verändert, zum Beispiel den Kontakt mit dem Publikum?

Das bemerke ich nicht, weil ich ja in Berlin bin. Was sich sicher geändert hat, ist, dass Éric Raoult ohne den Prix Goncourt nie das gesagt hätte, was er gesagt hat. Er ändert die Dinge insofern, als derzeit der mediale Scheinwerfer auf mich gerichtet ist.

Wie ist diese Geschichte vor sich gegangen? Der UMP-Abgeordnete Éric Raoult hat aus einem Interview zitiert, in dem Sie gesagt hatten, Frankreich sei unter Nicolas Sarkozy „monströs“ geworden.

Genau. Das Interview ist Ende August in der Zeitschrift Inrockuptibles erschienen. Er hat es vor zehn Tagen aufgegriffen und dabei so getan, als hätte ich dies nach der Preisverleihung gesagt. Ich habe das Recht dazu, auch als Preisträgerin, aber zudem hat er so getan, als sei die Äußerung aktuell. Und er hat behauptet, wenn man einen derartigen Literaturpreis erhielte, sei man zu Zurückhaltung verpflichtet. Es ist offensichtlich, dass er dies ohne den Preis nicht getan hätte.

Was halten Sie von der Reaktion des Kulturministers Frédéric Mitterrand, den Sie gebeten hatten, einzuschreiten?

Seine Reaktion war extrem feige und erbärmlich. Ich weiß nicht, ob Sie sein Interview in Libération gelesen haben. Er sagt im Wesentlichen, dass er nichts gegen die Äußerungen Raoults sagen werde, weil dieser nett zu ihm gewesen sei, als er Probleme hatte. Unglaublich. Was mich wiederum freut, ist, dass Mitterrand ein Mann war, den linke Intellektuelle und Künstler gern mochten, obwohl ich seinen Eintritt in diese Regierung kompromittierend finde. Jetzt merkt man, dass ihm das sehr schadet. Er hat kaum noch Anhänger, er hat schlecht gespielt. Er verteidigt vor allem seinen Posten.

Der Minister hätte eingreifen und Raoult zur Ordnung rufen sollen?

Ja, natürlich.

Erhalten Sie Botschaften der Unterstützung?

Ja, sehr viele. Es gab offizielle Stellungnahmen von Institutionen wie der Société des gens de lettres, der Ligue des droits de l'homme, der Maison des écrivains. Aber das ist alles so selbstverständlich, diese Äußerungen sind einfach nicht zu verteidigen.

Nun zu Ihrem preisgekrönten Roman: Warum haben Sie „Drei starke Frauen“, einen Roman, der zu zwei Dritteln in Afrika spielt, in Berlin geschrieben?

Ich habe das Buch bereits vor unserer Ankunft in Berlin begonnen. Der Anfang war geschrieben, die Struktur stand fest. Der Wechsel nach Berlin hat daran nichts verändert. Für die Zukunft weiß ich es nicht: Ich denke, Berlin wird in meinen Büchern erscheinen, aber ich weiß noch nicht, auf welche Weise.

Mögen Sie abseitige Orte? Hier ist es schön, aber Sie sind fern der Stadt. In Ihren Büchern ist das auch oft so.

Das stimmt. Hier geht man über die Straße und steht im Grunewald. Eigentlich mag ich Vororte nicht, in Frankreich könnte ich nicht dort leben. Hier ist es ganz eigen. Das Westend ist ein Wohnviertel, aber was so schön ist, ist, dass man über dem Wald wohnt. Wenn es im Zentrum wäre, wäre es noch besser. Es handelt sich um eine Entscheidung für ein Gebäude und seine Höhe. Berlin ist eine flache Stadt, es ist nicht leicht, oben zu sein.

Wie fühlen Sie sich in Berlin? Sie hatten die Stadt früher einmal im Zorn verlassen.

Ja, 1993 haben wir sechs Monate hier verbracht. Die Stimmung war schlecht. Kürzlich habe ich ein Interview mit Wim Wenders in Le Monde gelesen, darin hat er genau das gesagt, was wir damals gespürt haben: Er sagte, dass in den Jahren 1992 bis 1994 ganz Berlin schlechter Laune zu sein schien. Es war eine schwierige Zeit, jedes Wochenende zündeten Neonazis Autos an. Es war hart. Doch wir kommen sechzehn Jahre später zurück, und die Dinge haben sich verändert.

Zu Ihrem Werk: Ihr Stil ist in „Drei starke Frauen“ sehr geschmeidig. Sie greifen Themen mehrmals auf und entwickeln sie dabei immer weiter, in einer Art Spiralbewegung.

Das trifft es recht genau. Es ist schwierig, ich weiß nicht, ob es eine andere Erklärung gibt als die, dass es sich um schriftstellerische Reife handelt. Außerdem ist es langweilig, immer dasselbe zu machen. Man möchte sich verändern, freier im Umgang mit der Sprache sein. Mir scheint auch, dass ich auf einfachere Weise schreibe, weil ich mich freier fühle, einfach zu schreiben. Als ich jünger war, hätte ich Angst gehabt, dass ein einfacher Stil ärmer gewesen wäre. Jetzt denke ich, dass man recht einfach und zugleich fein, subtil sein kann.

Auch Ihr Ton hat sich verändert: Es gibt eine Art Freude, ja Glück.

Das ist auch Reife, menschliche Erfahrung.

Sie beschreiben oft das Gefühl der Scham: Ihre Figuren sind beschämt, betreten, sie werden rot. Sie können das gut, ich leide jedes Mal. Wie kommt das?

Warum? (Lacht) Ich weiß es nicht! Es ist schwierig, sein eigener Interpret zu sein: Man tut so, als wisse man mehr als ein Leser. Ganz im Gegenteil, man weiß manchmal weniger. Wenn ich etwa Situationen der Scham beschreibe, sage ich mir nicht: Ach, sieh' mal an, eigenartig, ich schreibe schon wieder eine Szene der Betretenheit. Nein, ich bin nicht meine eigene Deuterin.

Kennen Sie das Thema aus Alltagssituationen?

Nein. Aber Betroffenheit und Scham sind ja mit dem Feingefühl verbunden. Grobe Personen schämen sich kaum. Schriftsteller haben meist diese Sensibilität, weil es das ist, was sie interessiert. Ich glaube wirklich, dass man nicht zu intelligent sein darf, um Romane zu schreiben. Man muss eine relativ intelligente Person sein, aber man darf nicht versuchen, zu intelligent zu sein.

Die Scham betreffend vergleicht man Ihre Bücher oft mit Kafkas Romanen. Mögen Sie ihn?

Ja, sehr! Er ist mein Lieblingsautor. Es gibt andere, Faulkner, Proust. Aber Kafka ist wohl der Autor, dem ich mich am nächsten fühle, der meinem Herzen am nächsten ist, in seinem Werk und in seinem Tagebuch, das ja ebenfalls ein literarisches Werk ist.

In Ihren Texten spielt das Wunderbare eine große Rolle. Glauben Sie an Magie?

Nein, überhaupt nicht.

Aber in Ihren Texten kommen Hexen vor, Geister, die Auto fahren, Männer, die in Bäumen sitzen . . .

Tatsächlich glaube ich nicht an das Übersinnliche, ich glaube nicht einmal an Gott. Ich glaube an nichts Irreales. Ich bin äußerst pragmatisch. Aber ich mag ungeheuer gern Erzählungen, die von Magie handeln, Märchen, Mythen.

Wenn Sie nicht daran glauben, warum verwenden Sie dann das Wunderbare?

Mir gefallen diese Bilder aus ästhetischen Gründen. Das mag ich an Märchen: Ich finde Verwandlungen schön. Außerdem dienen sie in Märchen dazu, Dinge zu sagen, die man normalerweise nicht sagt. Das Märchen von der Eselshaut oder die Geschichten von Menschenfressern zum Beispiel sind oft Inzesterzählungen. Man kann sie als Erzählungen von Vergewaltigung von Kindern interpretieren. Das sind unsagbare Dinge, daher übersetzt man sie durch ein schreckenerregendes Bild, das finde ich sehr schön.

Sie sind im Zentrum Frankreichs geboren und aufgewachsen. Sie sind zur Hälfte Senegalesin. Kennen Sie Senegal?

Mein Vater ist Senegalese. Nein, ich kenne das Land überhaupt nicht. Ich bin ein Mal dorthin gereist, als ich zwanzig Jahre alt war. Das ist alles. Im Moment habe ich nicht vor, dorthin zurückzureisen.

Ihre Mutter hat Sie allein aufgezogen. Sie haben keine doppelte kulturelle Prägung?

Nein, das bedauere ich übrigens. Es wäre gut, aber es ist nicht der Fall.

In Ihren Texten ist die Frage der Herkunft sehr präsent, im sozialen, familiären, geographischen Sinne; oft ist diese Herkunft problematisch, besonders die familiäre.

Familiengeschichten finde ich sehr interessant, sie sind ein Kondensat der Welt: In Familiengeschichten findet man Tragisches, Groteskes, man findet Liebe und Hass. Oft sind Tragödien ja Familiengeschichten, sei es in Hamlet oder in Bérénice. Häufig sind es Tragödien über Thronfolgen, über schwierige oder unmögliche Heiraten. Nur selten ist man nicht in irgendeiner Weise in einem Familienroman oder in einem Familiendrama. Schließlich handelt es sich um eine offensichtliche und einfache Situation: Wir haben immer eine Beziehung zu Eltern oder Erziehern gehabt; wir kommen alle aus irgendeinem Milieu. Wenn man schreibt, ist das Thema das am leichtesten zugängliche, das unmittelbarste.

Sie schreiben auch gern über geographische Wurzeln: Ihre Figuren reisen in die Ferne, ob in „Rosie Carpe“ oder in „Drei starke Frauen“ - obwohl Sie persönlich das Thema nicht beschäftigt.

Nein, das ist richtig, aber was mich interessiert, ist das Thema der Unzugehörigkeit, sei es durch eine soziale Verschiebung oder durch eine geographische. Es reizt mich, Figuren in eine Situation zu setzen, wo sie leicht danebenstehen, was übrigens oft Scham hervorruft. Allgemein scheint mir, dass man in Romanen oder klassischen Filmen entweder Geschichten von Aufstieg und Fall hat oder aber Geschichten von Personen, die nicht da sind, wo sie sein sollten, die entgleist sind oder die anfangs auf den Gleisen sind und anschließend aus dem einen oder anderen Grund entgleisen. Das ist oft genau das, was interessant ist: nicht das, was gutgeht, was gerade ist, sondern das, was leicht abweicht, sich windet.

Schreiben Sie derzeit an einem Roman?

Nein, ich arbeite an einem Theaterstück.

Und wovon handelt Ihr kommendes Stück?

Es ist eine Geistergeschichte. Die Geister sind sozusagen die Vergangenheit, die wiederkehrt, zum Beispiel die schwierige Kindheit von Leuten, die jetzt normal und wohlhabend sind. Und es gibt Geister, die wie die Wiederkehr des schlechten Gewissens sind.

Also werden Sie einmal mehr übersinnlich.

Ja. Ich weiß nicht, wie der Regisseur das inszenieren wird. Es ist schwer, das Wunderbare im Theater zu zeigen, man hat da nicht dieselben Hilfsmittel wie im Kino.

Welche Stellung hat das Theater für Sie? Ist es ebenso wichtig wie die Romane?

Ebenso wichtig nicht. Ich habe mehr Freude an Romanen, aber ich schreibe sehr gern ein Stück zwischen zwei Romanen.

Was ist der größte Unterschied?

Am Roman mag ich, dass man völlig frei ist. Man muss sich nicht rechtfertigen, ob es nun um die Zahl der Figuren, das Budget oder die Länge geht. Im Theater gibt es Vorgaben.

Aber Sie schreiben doch nicht auf Bestellung.

Doch, jedes Mal! Dieses Mal ist es das Théâtre de la Colline. Es wird nicht ein Thema bestellt, aber es gibt Vorgaben die Zahl der Schauspieler betreffend. Das liegt daran, dass es meist eine Truppe gibt, die nun einmal bestimmte Geschlechter und Lebensalter vorweist.

Zur Person

Die französische Schriftstellerin Marie NDiaye wird 1967 in Pithiviers geboren. Mit achtzehn Jahren veröffentlicht sie ihren ersten Roman. Seit einem Jahr lebt und arbeitet sie in Berlin.

2001 wird sie mit dem Prix Femina für „Rosie Carpe“ und in diesem Jahr mit dem Prix Goncourt für „Trois Femmes puissantes“ („Drei starke Frauen“; erscheint im Juni 2010 bei Suhrkamp). Ihr Theaterstück „Papa muss essen“ gehört als einziges Stück einer lebenden Autorin zum Repertoire der Comédie- Française.

Marie NDiaye ist mit dem Schriftsteller Jean-Yves Cendrey verheiratet, dem Koautor mehrerer ihrer Theaterstücke; die beiden haben drei Kinder.

Die Fragen stellte Niklas Bender.

Quelle: F.A.Z.
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