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Im Gespräch: Marie NDiaye : Glauben Sie an Magie, Madame?

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Glaubt nicht an Geister, obwohl sie von ihnen schreibt: Die französische Schrifstellerin Marie NDiaye Bild: AFP

Mit 18 Jahren veröffentlichte sie ihren ersten Roman, in diesem Jahr hat sie den Prix Goncourt für ihren Roman „Drei starke Frauen“ gewonnen: Die französische Schriftstellerin Marie NDiaye, Jahrgang 1967, wohnt seit einem Jahr in Berlin, wo es ihr wieder gefällt.

          Marie NDiaye empfängt uns morgens im Le-Corbusier-Haus beim Berliner Olympiastadion; von ihrer Wohnung aus blickt man über den Grunewald. Die Schriftstellerin ist übernächtigt, aber ihre Stimme klingt ruhig, leise, hoch.

          Madame NDiaye, wie ist es, den Prix Goncourt zu erhalten?

          Es hat mich sehr gefreut. Nun ja, es geschieht nach fünfundzwanzig Jahren Arbeit, das ist nicht dasselbe, wie wenn er mir früher verliehen worden wäre. Aber es ist sehr schön.

          Sehen Sie den Preis als Auszeichnung, oder glauben Sie nicht daran, dass Literaturpreise irgendetwas belohnen?

          Tatsächlich ist das selten der Fall. In meinem Fall habe ich jedoch den Eindruck, dass der Prix Goncourt weniger ein Buch als vielmehr fünfundzwanzig Jahre Schaffen belohnt.

          Hat er über die Verkaufszahlen der Bücher hinaus etwas verändert, zum Beispiel den Kontakt mit dem Publikum?

          Das bemerke ich nicht, weil ich ja in Berlin bin. Was sich sicher geändert hat, ist, dass Éric Raoult ohne den Prix Goncourt nie das gesagt hätte, was er gesagt hat. Er ändert die Dinge insofern, als derzeit der mediale Scheinwerfer auf mich gerichtet ist.

          Wie ist diese Geschichte vor sich gegangen? Der UMP-Abgeordnete Éric Raoult hat aus einem Interview zitiert, in dem Sie gesagt hatten, Frankreich sei unter Nicolas Sarkozy „monströs“ geworden.

          Genau. Das Interview ist Ende August in der Zeitschrift Inrockuptibles erschienen. Er hat es vor zehn Tagen aufgegriffen und dabei so getan, als hätte ich dies nach der Preisverleihung gesagt. Ich habe das Recht dazu, auch als Preisträgerin, aber zudem hat er so getan, als sei die Äußerung aktuell. Und er hat behauptet, wenn man einen derartigen Literaturpreis erhielte, sei man zu Zurückhaltung verpflichtet. Es ist offensichtlich, dass er dies ohne den Preis nicht getan hätte.

          Was halten Sie von der Reaktion des Kulturministers Frédéric Mitterrand, den Sie gebeten hatten, einzuschreiten?

          Seine Reaktion war extrem feige und erbärmlich. Ich weiß nicht, ob Sie sein Interview in Libération gelesen haben. Er sagt im Wesentlichen, dass er nichts gegen die Äußerungen Raoults sagen werde, weil dieser nett zu ihm gewesen sei, als er Probleme hatte. Unglaublich. Was mich wiederum freut, ist, dass Mitterrand ein Mann war, den linke Intellektuelle und Künstler gern mochten, obwohl ich seinen Eintritt in diese Regierung kompromittierend finde. Jetzt merkt man, dass ihm das sehr schadet. Er hat kaum noch Anhänger, er hat schlecht gespielt. Er verteidigt vor allem seinen Posten.

          Der Minister hätte eingreifen und Raoult zur Ordnung rufen sollen?

          Ja, natürlich.

          Erhalten Sie Botschaften der Unterstützung?

          Ja, sehr viele. Es gab offizielle Stellungnahmen von Institutionen wie der Société des gens de lettres, der Ligue des droits de l'homme, der Maison des écrivains. Aber das ist alles so selbstverständlich, diese Äußerungen sind einfach nicht zu verteidigen.

          Nun zu Ihrem preisgekrönten Roman: Warum haben Sie „Drei starke Frauen“, einen Roman, der zu zwei Dritteln in Afrika spielt, in Berlin geschrieben?

          Ich habe das Buch bereits vor unserer Ankunft in Berlin begonnen. Der Anfang war geschrieben, die Struktur stand fest. Der Wechsel nach Berlin hat daran nichts verändert. Für die Zukunft weiß ich es nicht: Ich denke, Berlin wird in meinen Büchern erscheinen, aber ich weiß noch nicht, auf welche Weise.

          Mögen Sie abseitige Orte? Hier ist es schön, aber Sie sind fern der Stadt. In Ihren Büchern ist das auch oft so.

          Das stimmt. Hier geht man über die Straße und steht im Grunewald. Eigentlich mag ich Vororte nicht, in Frankreich könnte ich nicht dort leben. Hier ist es ganz eigen. Das Westend ist ein Wohnviertel, aber was so schön ist, ist, dass man über dem Wald wohnt. Wenn es im Zentrum wäre, wäre es noch besser. Es handelt sich um eine Entscheidung für ein Gebäude und seine Höhe. Berlin ist eine flache Stadt, es ist nicht leicht, oben zu sein.

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