30.07.2009 · Es ist der Überraschungserfolg unter den Sommerkrimis: Mit „Föhnlage“ legt der Münchner Kabarettist Jörg Maurer ein fulminantes Romandebüt vor, das fast ohne jeden Werbeaufwand zum Bestseller avanciert ist. Der Autor selbst kann das zumindest ansatzweise erklären.
Von Christian HegerZur Zeit herrscht im kriminalistischen Sommerloch „Föhnlage“. So nämlich heißt Jörg Maurers charmanter Romanerstling, der sich innerhalb weniger Wochen vom literarischen Geheimtipp zum vielgelesenen Bestseller mauserte. Mit sechs Auflagen in nur vier Monaten eroberte der satirische Alpenkrimi um den stoischen Hauptkommissar Jennerwein kürzlich sogar die Spitze des marktführenden Internet-Portals Amazon.
Am Anfang des virtuos komponierten Kriminalrätsels steht ein mysteriöser Todesfall: Während eines Konzerts in einem beschaulichen bayerischen Kurort stürzt ein Mann von der Decke - mitten ins verstörte Publikum: tot. Und der Zuhörer, auf den er fiel, auch. Bei den Ermittlungen tappt die Polizei zunächst im Dunkeln, da es sowohl an Motiven, als auch an konstruktiven Hinweisen oder schlüssigen Indizien fehlt. Doch von solchen Ärgernissen lässt sich der stoische, gesundheitlich angeschlagene Hauptkommissar Hubertus Jennerwein nicht abschrecken. Gemeinsam mit seinem liebenswert-verschrobenen Soko-Team spürt er den seelischen Abgründen der Einheimischen nach, jagt verdächtigen Gestalten in Trachtanzügen hinterher und nimmt die Beerdigungspraktiken des Ehepaars Grasegger unter die Lupe.
Herr Maurer, Sie sind von Haus aus Kabarettist und spielen schon seit 15 Jahren im Münchner Unterhaus. Was bewog sie dazu, einen Kriminalroman zu schreiben?
Ich bin immer schon ein fleißiger und begeisterter Krimi-Leser gewesen und habe vorher auch schon Kurzkrimis geschrieben. Von daher war ein eigener Roman schon lange mein großer Traum. Ich bin mit Qualtinger und Georg Kreisler aufgewachsen und da kommt natürlich schon sehr stark der schwarze Humor her, die Beschäftigung mit Tod und Verbrechen. Und später, als ich mit dem Musikkabarett anfing, habe ich eigentlich schon immer auch kleine Krimi-Stücke gemacht, in denen ich mich mit dem Bösen im Menschen auseinandergesetzt habe. Irgendwann habe ich damit angefangen - wie wohl die meisten, die zum Buch wollen - Kurzgeschichten zu schreiben. Das hat mit sehr, sehr viel Spaß gemacht, so die letzten drei, vier Jahre über. Danach habe ich mich an den ersten Krimi gewagt, auf Veranlassung des Fischer-Verlages. Das Angebot war natürlich erst einmal ein Schock. (lacht)
Nun ist „Föhnlage“ ja fast schon mehr Krimiparodie als klassischer Detektivroman.
Das Buch entstand aus der vagen Hoffnung heraus, dass die Kombination einer spannenden Handlung mit skurrilen Figuren ein gefragtes Rezept sein könnte. Es gibt ja im Bereich des Krimis nun schon alles Mögliche, auch schon die komödiantischen „Funny Crimes“. Für mich lag aber die große Herausforderung im gleichberechtigten Nebeneinander von Thrill und Satirischem.
Wie hat man sich denn die Arbeit an einem satirischen Kriminalroman vorzustellen? Sammeln Sie zunächst Ideen für einzelne kabarettistische Szenen und richten anschließend die Handlung darauf aus? Oder beginnen sie eher mit einer Idee und schauen dann, wohin der Weg Sie führt?
Letzteres ist nicht so meine Sache, denn wenn man sich einfach so treiben lässt, ist die Gefahr gerade im Krimigenre groß, dass man schlichtweg Sachen übersieht, die Hauptfigur auf Seite 200 also zum Beispiel blaue Augen hat, obwohl sie erst braun waren, oder ein Schlüssel auf einmal dort auftaucht, wo er gar nicht sein dürfte und so weiter. Um dieser Gefahr zu entgehen, schreibe ich mir zu Beginn diejenigen Grundsituationen und erzählerischen Elemente auf, die ich benutzen will - zum Beispiel also den tödlichen Sturz von der Decke, das Ärztechaos oder die Idee eines Kommissars, der im Laufe der Ermittlungen eigentlich einen ganz anderen Fall löst als den zunächst gedachten. Dann mache ich mir ein Exposé, damit ich so ungefähr weiß, wie's ausgeht - und dann kann man drauflos schreiben.
Tatsächlich ist „Föhnlage“ ja ziemlich komplex konstruiert. Immer wieder werden entlegene und scheinbar redundante Erzählstränge angerissen, brechen dann ab und tauchen oft erst sehr viel später wieder schlagartig aus der Versenkung auf. Sicherlich war es für einen Roman-Debütanten mitunter schwierig, die vielen losen Fäden fest in der Hand zu behalten?
Absolut richtig. Man hat natürlich eine irrsinnige Angst, dass man irgendwo etwas ganz Wichtiges übersieht. Das kann durchaus passieren, denn nach einer gewissen Zeit - ich saß ein halbes Jahr am Schreibtisch - hat man selbst die Distanz zum Text vollends verloren. Glücklicherweise hatte ich eine Lektorin, die sehr genau hingesehen und den Text immer wieder durchgecheckt hat.
In Ihrem Roman hagelt es ja geradezu satirische Spitzen gegen Ihre bayerischen Landsleute aus dem Voralpenland. Da werden Polizeiberichte noch mit der Schreibmaschine geschrieben, ein Polizist ist mit dem Ausdruck „googlen“ überfordert und man führt hanebüchene Diskussionen über den Unterschied zwischen „Drachenfliegern“ und „Paraglidern“. Hat man Ihnen das in Ihrer Heimat übel genommen?
Natürlich gibt es immer welche, die das vielleicht nicht so toll finden. Aber ich mache mich ja nicht in einem Rundumschlag über die bayerische Mentalität lustig. Ich denke, dass es eine liebevolle Satire ist. Davon abgesehen habe ich die drei genannten Beispiele alle selbst miterlebt. So sieht nun einmal die Realität beziehungsweise die Gesprächskultur bei uns aus. (lacht)
Lässt der ominöse Föhn, den sie ja schon im Titel erwähnen, die Leute tatsächlich mitunter zu Bestien mutieren?
Es gibt sogar richtige Gerichtsnotizen, die bei Föhn die Unterbrechung der Verhandlung empfehlen, da die Zeugen unter diesen klimatischen Verhältnissen erfahrungsgemäß oft lügen! Bei mir ist das Ganze aber nicht hundertprozentig ernst gemeint, vor allem, da die Föhnfühligkeit medizinisch noch immer nicht richtig greifbar ist. Sie müssen sich mal den Spaß machen und bei Wikipedia unter „Föhn“ schauen. Dort wird das Phänomen zwar ausführlich erklärt, aber so ganz richtig versteht man es trotzdem nicht.
Ihr Roman ist jetzt schon seit Wochen erfolgreich - und das, obwohl ervon den Medien bislang kaum zur Kenntnis genommen wurde. Selbst im Internet findet man vergleichsweise wenige Rezensionen - und doch stürmte „Föhnlage“ die Amazon-Bestsellerliste. Ein klassischer Fall von Mund-zu-Mund-Propaganda?
Offensichtlich, wobei ich das auch schon vom Kabarett gewohnt bin. Die darstellenden Künstler sind ja darauf angewiesen, dass sie sich ein Stammpublikum erobern. Bei Jennerweins Fall war es nicht anders, der verbreitete sich erst unter meinen Zuschauern in München und in meiner Heimatstadt Garmisch-Partenkirchen. Erfreulicherweise ging die Popularität des Buchs dann sehr schnell über diese Regionen hinaus und eroberte auch deutschlandweit eine breitere Leseschicht.
Und auch das Internet hat sicherlich geholfen - ironischerweise, muss man angesichts Ihres Romans sagen, denn ein Typ wie ihr altgedienter Dorf-Polizist Stengele wäre sicherlich schon mit einer Online-Bestellung des Buches überfordert gewesen.
So ist es, ebenso wie die meisten anderen des Ermittlerteams. (lacht)
Der Erfolg legt eine Fortsetzung nahe. Wird es ein zweites Jennerwein-Abenteuer geben?
Ja. Ich sitze schon dran, bin gerade in der Mitte. Die Veröffentlichung ist für März oder April 2010 geplant und einen Titel gibt es auch schon: „Hochsaison“. Zum Inhalt darf ich natürlich noch nichts Genaueres sagen, nur so viel vielleicht: Es geht um eine sehr delikate Sache, wieder mit demselben Fahndungsteam. Schauplatz wird erneut der bereits bekannte Alpenkurort sein, in dem naturgemäß der Sport eine große Rolle spielt. Konsequenterweise dreht sich Jennerweins zweiter Fall um eine sportliche Freizeitbeschäftigung, die derzeit übrigens verstärkt in die Schlagzeilen geraten ist - und die ich mörderisch behandeln werde.
Können Sie denn zumindest verraten, ob es ein Happy End für die angedeutete Liebesbeziehung zwischen Jennerwein und der Polizeipsychologin, Frau Dr. Schmalfuß, gibt?
Das könnte ich verraten, wenn ich es selbst schon wüsste. Momentan würde ich sagen: Vielleicht im zweiten Roman noch nicht …