Sie haben Musik und Literatur des Mittelalters in München und London studiert. Wie kommt es, dass Sie eine Expertin für die ersten Jahre der Kindheit wurden?
Sich in der Welt des zwölften Jahrhunderts zu bewegen war wunderbar, diese Literatur spricht zu mir. Ich war in den sechziger Jahren eine von nur sechs Prozent Frauen eines Jahrgangs, die studierten. So konnte es aber nicht ein Leben lang weitergehen. Nach dem Magisterexamen habe ich mich in Berlin umgesehen, in der geteilten Stadt, die damals schäbiger und beschädigter war als Städte im Westen, und habe das Märkische Viertel entdeckt: dreißigtausend Bewohner, viele davon aus ihren sanierungsbedürftigen Kreuzberger Hinterhöfen versetzt in zehngeschossige Hochhäuser. Ein Einkaufszentrum, ein paar Schulen gab es, die größte Schule war von vorne-herein als Sonderschule vorgesehen. Aber keine Cafés, keine Kindergärten, Spielplätze. Eine Lücke - und eine Chance.
Was haben Sie dort gemacht?
Einige Eltern hatten einen abgestellten Bauwagen entdeckt. Wir haben ihn auf ein leeres Grundstück geschoben, das war der erste Kindergarten. Das Bezirksamt Reinickendorf gab mir ein paar hundert Mark für Spielzeug. Von früher Bildung, wie man es heute nennt, hatte ich keine Ahnung. Kinderbücher kaufen - da konnte man nicht viel falsch machen. Aber ich komme ja aus einer Musikerfamilie, also Musik für Kinder! Dafür habe ich Orff-Instrumente angeschafft. Viel zu teuer, zu empfindlich, und ich wusste nicht, wie man damit umgeht. Immerhin haben wir viel gesungen. Aber wie man von Tag zu Tag zwölf Kinder bei der Stange hält, das musste ich mir jeden Tag neu ausdenken.
Lernten Sie damals in Berlin die Erziehungs- oder Nichterziehungskonzepte der Kinderläden und Kitas kennen?
Ja, wegen meines ältesten Sohns. Eine öffentliche Kita kam für mich überhaupt nicht in Frage. Die Kinderläden haben uns Eltern viel Arbeit gemacht, aber ich kann mich nicht erinnern, dass wir gejammert hätten. Wahrscheinlich hatten wir doch mehr Zeit als junge Eltern heute. Im Deutschen Jugendinstitut hat Jürgen Zimmer mit seiner Arbeitsgruppe damals den sogenannten Situationsansatz entwickelt. Er hat aufmerksam gemacht auf Themen, die die Kinder selbst interessieren, jenseits der eingespielten Routinen in den Kindergärten. Mit den Kindern gemeinsam den Alltag als Bildungsort entdecken, würde man heute sagen. Dieses Curriculum ums „soziale Lernen“ sollte in den siebziger Jahren in den Kindergärten quer durch die alte Bundesrepublik erprobt werden. Im Auftrag des Jugendinstituts habe ich mit diesem Konzept einige Jahre von Marburg aus die nordhessischen Kindergärten bereist. Die Erzieherinnen waren meist junge Frauen, sie spürten das Emanzipative in dem Ansatz, und sie wollten ja für sich selbst vieles anders.
War dieses Projekt der Beginn Ihrer jahrzehntelangen Zusammenarbeit mit dem Deutschen Jugendinstitut?
Ja. Das Institut in München hatte in den siebziger Jahren noch wenige Mitarbeiter. Wir sind das Forschen damals unverfroren angegangen. Wir fanden, es sei an uns, Ideen zu entwickeln und dann die Ministerien von der Finanzierung zu überzeugen. Heute werden dem Institut die Themen stark von oben vorgegeben, und dann werden die Aufträge abgearbeitet. In den achtziger und neunziger Jahren wurde es allerdings merkwürdig still um die Kindheit. Da waren jetzt die Mütter im Blick, die Frauen, die um ihren Platz in der Arbeitswelt kämpften, und Kinder erschienen dabei oft nur noch als ein Organisationsproblem. Als ich Mitte der neunziger Jahre in der Geschäftsführung des Kinder- und Jugendberichts der Bundesregierung gearbeitet habe, und alles lesen musste, was jahrelang über Kindheit in Deutschland geforscht worden war, konnte ich kaum fassen, wie ideenarm und wie leblos das alles klang.
Dann haben Sie begonnen, zusammen mit Otto Schweitzer Filme zu produzieren, die beispielhaft zeigen, was Kinder im Vorschulalter interessiert, was sie wissen und tun möchten und wie sie angeregt werden können?
Bilder gehen tiefer, als Worte es können. Und Erzieher sind gute Beobachterinnen. Leserinnen sind sie eher selten. In unserer Filmreihe „Wissen und Bindung“ versammeln wir Beobachtungen zu vernachlässigten Themen der frühen Bildung, und wir zeigen Beispiele interessanter Praxis, auch aus anderen Ländern. Titel der Filme sind etwa „Anleitung zur Neugier“, „Das Rad erfinden“, „Das Kind ist begabt“, „Die Dinge - daheim“. Unser jüngster, „Die andere Bildung in den Ferien“, geht aus von der bekannten Tatsache, dass sich die Bildungsschere in den Ferien noch weiter öffnet, weil in diesen Wochen die Familien allein verantwortlich sind. Ferien können eine Zeit voller neuer Erfahrungen und Erkenntnisse sein, aber das bleibt oft schulfern, „bildungsfern“. Im Film begleiten wir eine Familie ins anatolische Dorf der Großeltern, und wir zeigen, was einer alleinerziehenden Mutter mit ihren Kindern im Mannheimer Hafen, vor der Haustür, Interessantes begegnen kann. Man muss den Bildungsbegriff eben weiter fassen.
Sie haben die Kinderwelten in verschiedenen Ländern studiert und insbesondere aus Japan viele Anregungen mitgebracht.
Ja, Japan, immer wieder seit den achtziger Jahren. Damals hat der ökonomische Aufstieg Japans den Westen tief verunsichert. Da hieß es dann, das sei doch dort alles nur erkauft um den Verlust von Lebensqualität, nicht zuletzt auch um den Preis von unglücklicher Kindheit. Und dann sah ich bei meiner ersten Japan-Begegnung vieles so ganz anders.
Was ist so besonders an der japanischen Kinderkultur?
Kindheit wird in Japan sehr liebevoll gestaltet, kultiviert als freie Gegenwelt zur Welt der Erwachsenen, die in ein Korsett von tausend Konventionen eingespannt sind. Man genießt die Kinder, manchmal etwas wehmütig, als Wesen, die noch nicht die Flügel einziehen müssen. Und mir gefällt, dass in dieser Gesellschaft die sozialen Unterschiede der Kindheiten weniger ausgeprägt sind als bei uns. Ich habe etwa hundert japanische Kindergärten besucht, in wohlhabenden und in bescheidenen Verhältnissen, und sie haben sich in der Qualität ihrer Praxis kaum voneinander unterschieden. Erzieherinnen sind in Japan sehr angesehen. Sie werden anspruchsvoll ausgebildet und verdienen annähernd so viel wie das Anfangsgehalt eines Hochschulprofessors.
Sie sind wiederholt in Japan gewesen und haben sich außer mit Schulen und Kindergärten auch mit Kunst und Literatur vertraut gemacht. Was hat Sie so besonders angezogen?
In Japan liebe ich am allermeisten die Behutsamkeit vieler Lebensäußerungen. So viele Menschen auf engem Raum, aber kein Geschubse! Ich kann dort in Menschenmengen gut bei mir selbst sein. Und ich genieße die tausend exquisiten Schönheiten im Alltäglichen, die koexistieren auf eigenartige Weise mit sehr viel Hässlichem in Japan. Und es ist mir angenehm, in einem Land zu sein, in dem jedes Kind ein Musikinstrument lernt, Haikus auswendig kann und wo man Begabung nicht als angeborene Eigenschaft versteht, sondern als Ergebnis der Mühe der anderen, der Pädagogen vor allem. Immer wieder entdecke ich dann eindrucksvolle Projekte, wie zum Beispiel ein Tagespflegeheim für Hochbetagte, die ihre Tage gemeinsam in einem Raum mit vielen Kindern im Kindergartenalter verbringen. Wir zeigen in unserem Film „Lebenserwartung“, dass so etwas die „Lebenserwartung“ beider Generationen steigern kann.
Welche Erfahrungen haben Sie mit Einrichtungen für Kinder in Europa gemacht?
Erstaunlich finde ich, dass es auf engem Raum so große kulturelle Unterschiede gibt. Natürlich ist in Skandinavien mit der langen sozialstaatlichen Tradition vieles vorbildlich, wie etwa, dass der Erzieherberuf längst eine Hochschulausbildung voraussetzt, gut bezahlt ist und dass sicher auch deshalb in schwedischen Kindergärten viele männliche Erzieher zu sehen sind. Aber auch die Unterschiede zwischen Frankreich und Deutschland, nur einige hundert Kilometer voneinander entfernt, gehen tief. Am Beispiel des Naturforschens ist mir das sehr deutlich geworden. Da gibt es in der école maternelle für die Fünfjährigen im Klassenzimmer selbstverständlich ein Labor. Den deutschen Pädagogen erscheint es zu akademisch, zu kühl, wie da - cartesianisch - disputiert wird. Wir wollen in der romantischen Tradition die Kinder statt in ein Labor eher in den Wald oder vor eine Pfütze mitnehmen. Aber Lernen kann man überall, und es gibt viele Arten, ein guter Erzieher zu sein.
Wie schneiden deutsche Kindergärten im Vergleich mit ähnlichen Einrichtungen in unseren Nachbarländern ab?
Gut - nachdem sich bei uns im letzten Jahrzehnt so viel entwickelt hat. Die Erzieherinnen haben endlich Rückenwind durch die allgemeine Anerkennung der frühen Bildung. Materiell hat ihnen das zwar kaum etwas gebracht, sie bekommen noch immer nur zwei Drittel des Gehalts von Grundschullehrerinnen. Aber die meisten Kindergärten sehen heute sehr anders aus als vor zwanzig Jahren. Baustellen im Garten, Wasserlabor, Theaterpodium, Schreibecke, Kinderkonferenzen, Waldtage, Erfinderwerkstatt, Weltwissenvitrinen. Der Horizont ist weit geworden. Das zeigt, dass das Mögliche auch realisierbar ist. Und dass die öffentliche Hand diesen Qualitätssprung weiter finanzieren muss, damit solche frühe Bildung alle Kinder erreicht. Anstatt durch ein paar Euro „Betreuungsgeld“ den Familien zu suggerieren, es ginge auch ohne. Das verstellt gerade den Kindern, die es am nötigsten brauchen, einen frühen Zugang.
Wie steht es mit der Integration von Kindern aus Migrantenfamilien?
In den siebziger Jahren musste man zugewanderte Eltern oft noch motivieren, ihre Kinder in die deutschen Kindergärten zu schicken. Diese Bildungswerbung ist nicht mehr nötig. Hohe Bildungserwartungen für ihre Kinder haben heutzutage sehr viele Familien, Migrantenfamilien oft sogar ganz besonders. Aber oft wissen sie nicht, wie sie selbst zur Unterstützung ihrer Kinder beitragen können, sie erwarten alles von den Pädagogen in Kindergarten oder Schule.
Ihr Buch „Weltwissen der Siebenjährigen“ ist in zehn Sprachen übersetzt. Wie erklären Sie sich diesen Erfolg?
Vielleicht ist es die Mischung. Zu diesem offenen Kanon von Anregungen - ästhetischen, sozialen, kognitiven - haben ja Menschen aller Generationen aus allen sozialen Schichten und unterschiedlicher kultureller Herkunft beigetragen, in Hunderten von Gesprächen. Und ich glaube, man hat verstanden - nach dem ersten Schock -, dass das keine Checkliste sein soll, sondern ein Umwandern des Erkenntnishorizonts von Kindern. Kinder haben, da wird man sich oft wundern, einen guten Blick für das Mehr in den Dingen.
Werden Sie bei Ihrem Thema frühe Kindheit und neuerdings auch Förderung von Hochbegabten bleiben?
Manchmal denke ich, ich wäre in eine Frauenfalle getappt, weil ich lebenslang immer wieder auf das Thema Kindheit zurückkomme. Und dass sich so viel wiederholt und dass es allmählich reicht. Und dann erwischt mich wieder in der U-Bahn ein Blick oder eine Geste von einer Dreijährigen, und ich suche nach Papier und Kugelschreiber.
Donata Elschebroich wird 1945 in Dresden in ein liberales Elternhaus geboren. Nach dem Studium von Musik und Literaturwissenschaft in München und London geht sie nach Berlin und eröffnet den ersten Kindergarten im Märkischen Viertel in einem Bauwagen.
Sie hat zahlreiche Studien über Entwicklung und Fähigkeiten von Kindern im Vorschulalter veröffentlicht. Im Auftrag des Deutschen Jugendinstituts kann sie die Kinderkultur in so verschiedenen Ländern wie Japan, Ungarn und Schweden studieren.
Ihre Bücher „Weltwissen der Siebenjährigen“, „Weltwunder - Kinder als Naturforscher“ und „Die Dinge - Expeditionen zu den Gegenständen des täglichen Lebens“ werden als Anregung und Orientierung für Eltern und Erzieher viel diskutiert.
selbsternannte Expertin
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