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Im Gespräch: Bernhard Schlink : Herr Schlink, ist „Der Vorleser“ Geschichte?

  • Aktualisiert am

Weltbestsellerautor Bernhard Schlink Bild: Neie

Bernhard Schlinks Weltbestseller „Der Vorleser“ trug dazu bei, dass der Holocaust seinen Platz in der gegenwärtigen Wahrnehmung behielt. Jetzt wurde das Erfolgsbuch mit Kate Winslet als „Vorleserin“ verfilmt. Ein Gespräch über die Gegenwart und Vergangenheit des Nationalsozialismus.

          Bernhard Schlink sitzt in einem winzigen Professorenzimmer in der Berliner Humboldt-Universität. Er strahlt die Ruhe eines Mannes aus, der einen Weltbestseller geschrieben hat, ohne sich aus der Bahn werfen zu lassen.

          Herr Schlink, in den beiden Bänden mit Reden und Aufsätzen, die Sie in den letzten Jahren veröffentlicht haben, vermisst man eine Reflexion über Ihre Rolle als Bestsellerautor. Hat „Der Vorleser“ Ihr Leben so wenig verändert?

          Ich war zu alt, als dass die neue Rolle mein Leben entscheidend hätte verändern können. Ich hatte meinen Ort in der Welt bereits gefunden. Ich war und bin auch noch gerne Jurist, als Rechtswissenschaftler wie als Richter und gelegentlich als Gutachter. Der Erfolg als Autor, der als Überraschung kam, hat mein Leben weniger verändert als geweitet. Die Einladungen, die Begegnungen mit Lesern, Buchhändlern, Autoren, Künstlern, Schauspielern, Regisseuren und Produzenten - es ist eine große Bereicherung meines Lebens.

          Szene aus der Neuverfilmung mit David Kross und Kate Winslet

          Sie mussten sich nicht von der Welt zurückziehen wie Patrick Süskind, der in gewisser Weise ein Opfer seines „Parfums“ geworden ist.
          Ich musste mich nicht zurückziehen. Ich habe mir auch nicht überlegt: Soll ich weiterschreiben, auch wenn das nächste Buch nicht so erfolgreich wird? Wie muss ich weiterschreiben, damit es wieder so erfolgreich wird? Ich bin beim Schreiben glücklich, mag der Erfolg sein, wie er will.

          Für die internationale Öffentlichkeit sind Sie jetzt ein Repräsentant Ihres Landes und Ihrer Generation.

          Ja. Ich merke, dass ich zu dem Bild beigetragen habe, das man sich im Ausland von Deutschland macht.

          Was war nun der Auslöser für den „Vorleser“?

          Der Auslöser war Ost-Berlin. Ich bin im Januar 1990 als Gastprofessor an die Humboldt-Universität gekommen und war immer für Wochen hier. Die Welt ohne die Farben und Töne, die grauen Häuser, die schlechten Straßen, der geringe Verkehr, der Holzzaun, den ich mit der Hand zerkrümeln konnte wie in meiner Kindheit - das alles hat die fünfziger Jahre so lebendig vor mein inneres Auge gebracht, dass ich über sie schreiben konnte. In meinem Kopf spiele ich immer mit Geschichten, und ich hatte mit den Elementen von „Der Vorleser“ schon länger gespielt. Über der Wiederbegegnung mit der Welt der fünfziger Jahre in Ost-Berlin fügten sich die Elemente zur Geschichte des Romans.

          Dieser Moment der Fügung, war das der Augenblick, als Sie sich entschlossen haben, von einer nationalsozialistischen Täterin, statt von einem Täter zu erzählen?

          In dem Spiel mit den Elementen der Geschichte ging es von Anfang an um eine Frau. Sie war auch von Anfang an Analphabetin.

          Ein erkennbar autobiographisches Motiv im „Vorleser“ sind die Auschwitz-Prozesse in Frankfurt. Wurde auch diese Erinnerung durch Ost-Berlin wachgerufen?

          Nein, das hatte mich schon lange begleitet und beschäftigt.

          Im Film werden die Prozesse als eine Art verlängerte Universität gezeigt, mit einer Architektur und einer Atmosphäre wie in einem Hörsaal. Haben Sie das damals so erlebt, als Vorlesung in deutscher Geschichte?

          Ich hatte das Gefühl, jetzt bekommt der Holocaust seinen Platz, nicht nur in der Geschichte, sondern in unserer gegenwärtigen Wahrnehmung, in den Auseinandersetzungen unserer Gesellschaft. Die Serie „Holocaust“ hatte zehn Jahre später eine ähnliche Wirkung. Sie hat uns zum Reden gebracht, mit den Eltern, mit Freunden, in der Öffentlichkeit.

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