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Im Gespräch: André Schiffrin : Verbessern gute Bücher die Welt, Herr Schiffrin?

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André Schiffrin: „Den breiten gemeinsamen Erwartungshorizont für Anspruchsvolles gibt es nicht mehr” Bild:

Die Arbeit der Verlage ist heute wichtiger denn je, findet André Schiffrin. Der Verleger und Autor spricht in seiner Wohnung in Paris über sein Lieblingsthema: Bücher. Und wie sich Anspruch und Qualität der Literatur verändert haben.

          Sie sind mit Büchern aufgewachsen, Herr Schiffrin. Welches ist Ihre erste Bucherinnerung?

          Mein Vater verlegte nicht nur die Klassikerausgabe bei Gallimard, sondern machte auch Kinderbücher. Ich hatte als Geschenk einen Band von Hans A. Reys „Curious George“ bekommen, der mir sehr gefiel, und ich bat meinen Vater, das Buch doch in sein Programm aufzunehmen. Es verkaufte sich dann millionenfach. So erfolgreich war ich als Verleger später nie mehr.

          Seit Ihrem Weggang von Pantheon Books vor zwanzig Jahren schwanken Sie zwischen Pessimismus und vorsichtigem Optimismus über die Zukunft der Bücherkultur. Wie ist Ihre Verfassung heute?

          Als vor elf Jahren mein Buch „Verlag ohne Verleger“ erschien, sagten viele, ich sei zu pessimistisch, eine Verlagskonzentration und Gewinnoptimierung wie in Amerika werde es in Europa nie geben. Heute zeigt sich, dass ich zu optimistisch war. Achtzig Prozent aller Bücher werden auch in Deutschland schon von nur noch drei Verlagsgruppen gemacht. Erfreulich ist jedoch, dass mittlerweile überall kleine unabhängige Verlage entstehen, die hervorragende Bücher herausbringen, selbst wenn ihr Marktanteil insgesamt kaum auf ein Prozent kommt.

          Regelmäßiger Gast im Elternhaus von André Schiffrin: Hannah Arendt, die deutsch-amerikanische Politikwissenschaftlerin und Soziologin
          Regelmäßiger Gast im Elternhaus von André Schiffrin: Hannah Arendt, die deutsch-amerikanische Politikwissenschaftlerin und Soziologin : Bild: dpa

          Kleine Verlage, große Autoren. Könnte ein André Gide aber, der Freund Ihres Vaters, den Sie als Kind noch gekannt haben, auch bei einem kleinen Verlag groß werden?

          Kurzfristig wohl schon. Einzelne Bücher können auch bei kleinen Verlagen zum Bestseller werden. Die dauerhafte Wirkung eines Autors ist aber durch die individuelle Aufsplitterung des Kulturverhaltens heute schwierig geworden. Den breiten gemeinsamen Erwartungshorizont für Anspruchsvolles gibt es nicht mehr. Als ich jung war, wurde am Fernsehen zur Haupteinschaltzeit mit Stücken von Sartre noch Neugier geweckt. Heute würden viele fragen, wer das ist. Das macht die Arbeit der Verlage noch wichtiger.

          Das Leben Ihres Vaters stand im Dienst des Engagements für die Literatur. Bei Ihnen ist es eher ein politisches Engagement. Politische Lehrjahre eines Verlegers heißt im Untertitel Ihre auf Deutsch gerade erschienene Autobiographie. Braucht man gute Bücher für eine bessere Welt?

          Die Klassikerausgabe meines Vaters war ja kein abgehobenes Luxusprojekt, sondern ein Versuch, die großen Texte den Leuten besser zugänglich zu machen. Proust in der Pléiade ist billiger, als wenn man die Bände einzeln kauft. Im Büchermachen steckt immer schon ein Stück Politik. Als es nach einem Führungswechsel bei Random House 1990 hieß: keine Übersetzungen mehr, das rechnet sich nicht, bin ich gegangen. „Die Blechtrommel“ von Grass war noch ein Bestseller. Dann interessierte sich Amerika allmählich nicht mehr für fremdsprachige Literatur - glaubten die Konzernleiter zumindest. Das ist auch ein politisches Problem.

          Ihre politischen Lehrjahre begannen wahrscheinlich, als Sie 1941 zusammen mit Ihren Eltern aus Paris über Marseille und Casablanca vor den Nazis nach Amerika fliehen mussten.

          Einem sechsjährigen Kind ist das natürlich nicht bewusst. Ich spürte aber die Gefahr, wenn ich beim Grenzübertritt meinen auswendig gelernten falschen Namen hersagen musste. In New York bekam ich dann mein erstes Fahrrad und wünschte unbedingt, dass es zusammenklappbar sein sollte. Irgendwie war mir offenbar schon klar, dass das Leben abwechselnd aus Kämpfen und Abhauen besteht.

          Man konnte sich danach ganz auf die Literatur konzentrieren, wie etwa Marcel Reich-Ranicki in Deutschland dies tat. Sie interessierten sich für engagierte Literatur. Sehr viel hat davon allerdings nicht überlebt.

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