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Ilja Ehrenburg : Wer kein Begräbnisgeld hat, darf auch nicht sterben

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Ilja Ehrenburgs tragischer Held Lasik Roitschwantz besucht auch die Frankfurter Judengasse, hier auf einem Foto um 1900. Bild: INTERFOTO

Das war zu subversiv für die Sowjetunion: Ilja Ehrenburgs satirischer Roman „Das bewegte Leben des Lasik Roitschwantz“ wird endlich wieder aufgelegt.

          Ilja Ehrenburg (1891 bis 1967) ist eine schillernde Figur in der turbulenten Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts. Er gehörte zu den bedeutendsten Intellektuellen der Sowjetunion, und dem deutschen Kollektivgedächtnis einer früheren Generation hat er sich als engagierter Kriegsjournalist eingeprägt, dessen militante Artikel den Kampf der Roten Armee gegen Hitler nicht nur begleiteten, sondern entscheidend vorantrieben.

          Wegen seiner Kriegsartikel könnte man ihn für einen beinharten Stalinisten halten, der die politischen Säuberungen der Zwischenkriegsjahre nicht zufällig überlebt hat. Aber das war Ehrenburg keineswegs, kompromisslos war er nur im Kampf gegen die Faschisten und die Nationalsozialisten. Mit einigen der Opfer Stalins – dem im GULag gestorbenen Dichter Ossip Mandelstam zum Beispiel oder dem einstigen Herausgeber der „Prawda“, Nikolaj Bucharin, der 1938 hingerichtet wurde – verbanden ihn tiefe Freundschaften. Er lebte lange im Ausland, in Berlin und den Künstlervierteln von Paris, zu seinen Freunden gehörten Picasso und Hemingway, den er im spanischen Bürgerkrieg kennengelernt hatte.

          Ehrenburg war, was man unter Stalin besser nicht hätte sein sollen: ein jüdischer Kosmopolit. Dass er den Diktator überlebt hat und 1967 eines natürlichen Todes gestorben ist, erstaunt umso mehr, wenn man seinen frühen satirischen Roman liest, den die Andere Bibliothek jetzt wieder zugänglich macht. „Das bewegte Leben des Lasik Roitschwantz“ entstand in Paris und erschien 1928 auch dort; die nun neu aufgelegte hervorragende deutsche Übersetzung von Waldemar Jollos entstand kurz danach. In Russland aber kam das Buch erst 1989 heraus, kurz vor dem Ende der Sowjetunion.

          Roitschwantz wurde in die Welt getrieben

          Schon sein Name weist den Helden in Ehrenburgs russischem Roman als Juden aus, der eigentlich Jiddisch spricht. „Ich habe die Welt befahren“, sagt Roitschwantz gegen Ende des Romans, „habe mir angesehen, wie die Menschen leben und was bei ihnen in jedem Lande für ein besonderes Boxen herrscht. Jetzt habe ich nur die eine Sehnsucht nach meinem unvergeßlichen Homel.“ Roitschwantz’ Leben war, wie der Titel es sagt, bewegt: Die Oktoberrevolution hat ihn aus seinem jiddischen Schtetl, das den Umbruch nicht überleben wird, in die Welt hinausgetrieben; er bereist eher unfreiwillig verschiedene Länder und lernt dort das „besondere Boxen“ kennen: die verschiedenen Schläge, die ihm zugeteilt werden. Am Ende sehnt er sich nur noch nach der verlorenen Heimat.

          Ehrenburg selbst war längst assimiliert, er sprach nicht mehr Jiddisch, aber in den Monologen seines traurigen Reisenden ist die alte Sprache unüberhörbar. Sich selbst bezeichnet Roitschwantz als „Kleingewerbetreibenden“, er gibt dem Kleinhandel, den er betrieben hat, einen marxistischen Namen und befleißigt sich auch sonst des gebotenen newspeak. Von Gott spricht er nur als „erfundener Gott“, statt „Religion“ sagt er oft „Opium“.

          Roitschwantz ist ein Schelm, ein Picaro, und deutlich lässt Ehrenburg durchscheinen, dass diese Figur in einer jüdisch-spanischen Tradition steht. Es waren die Marranen – zwangsgetaufte Juden in Spanien, die ihrer Religion heimlich treu blieben und sich dabei vor den Inquisitoren hüten mussten –, die sich der Ironie bedienten, als Waffe der Schwächeren. Im Picaro schufen sie eine Stimme, die im Witz aussprechen durfte, was sonst ungesagt blieb.

          Ironie als Versteck der Identität

          Auch Roitschwantz ist auf seine Weise zwangsgetauft; auch er muss sich vor den neuen Machthabern verwandeln, seine wahre Identität verbergen und in seinen Monologen ein Maskenspiel treiben. Die Ironie des Romans liegt in der doppelbödigen Sprache, die Ehrenburg ihm in den Mund legt. Immer wieder lässt er seinen Protagonisten ausführlich zu Wort kommen, lässt ihn Geschichten erzählen, die er aus dem Schtetl mitgebracht hat; hört man ihm aber zu, drängt sich schnell die Frage auf: Ist sich Lasik Roitschwantz, dieser einfache Mensch, der Ironie seiner Erzählungen bewusst, oder ist es die Ironie des Autors, ist es Ehrenburg selbst, der sich hinter der Figur seines umhergestoßenen Juden verbirgt?

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