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Ijoma Mangolds Autobiographie : Wem gehörst denn du?

Ijoma Mangold Bild: Sebastian Hänel

Es bleibt ein Stück Dossenheim zurück: Ijoma Mangold widmet sich seiner eigenen Identitätssuche in der beeindruckenden Lebensgeschichte „Das deutsche Krokodil“.

          Mit dem Trauma ist es so eine Sache: Allzu leicht wird heute jemandem eines angedichtet. Aber andererseits möchte man bloß nicht derjenige sein, der ein tatsächliches Trauma unterschätzt, am wenigsten ein eigenes. Ijoma Mangold spricht in seinem Buch diesen Umstand offensiv kritisch an: Jeder suche sich heute ein Trauma, das ihn unverwechselbar mache. Womöglich aber sei das „Seelenkitsch“, uns eingeredet von Analytikern.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Seine Abneigung gegen ständiges Psychologisieren ist biographisch motiviert. Aufgewachsen als Sohn einer Therapeutin, erzählt Mangold: „Ich hasste es, wenn meine Mutter ein Verhalten, das sie nicht billigte, eine ,völlig normale Abwehrreaktion‘ nannte oder wenn sie in meiner Unlust, über etwas zu reden, einen Akt der Verdrängung sah. Als ich älter wurde, genoss ich Nabokovs Spott über Freud. Ich sorgte für eine theoretische Fundierung meiner Ablehnung der Psychoanalyse, wohl wissend, dass ich damit die zentrale freudsche Kategorie der Abwehr natürlich nur bestätigte.“

          Im Zeichen dieser Paradoxie steht das ganze Buch, dessen Witz es ist, dass der Autor sich letztlich selbst analysiert. Es geht darin um zwei Grunderfahrungen: nämlich ohne Vater aufzuwachsen und mit dunklerer Haut, als die meisten anderen in Deutschland. Liegt darin also die tiefe Wunde?

          Faustisches Interesse

          Wenn man dem Erzähler glaubt, nicht unbedingt. Denn er betont mehrfach, dass er sich zeitlebens selten benachteiligt oder diskriminiert gefühlt habe, auch wenn ihm als Kind Kommentare zu seinen krausen Haaren auf die Nerven gingen und es ihn als Jugendlichen manchmal störte, für eine Exotik „gefeiert zu werden“, die „allen anderen mehr Freude bereitet“ habe als ihm selbst.

          Aber trotzdem meint man zumeist keine Klage zu lesen; der Autor schildert vielmehr die Auseinandersetzung mit seiner Lebenssituation als Grundlage für seinen Erfolg – nämlich den, ein kritisch denkender und in besonderem Maße an deutscher Kultur interessierter Mensch zu werden. Und vor allem auch: ein Mensch zu werden, der seine Identität weniger über seine Hautfarbe definiert (das Abgrenzungsangebot sogenannter „Afro-Deutscher“ lehnt er rigoros ab), sondern über die kulturelle Prägung. Heute ist Mangold Literaturchef der „Zeit“.

          So wird man Zeuge einer erfüllten Bildungsgeschichte, angetrieben zuallererst von der Mutter, fundiert in einer privilegierten Schulzeit an einem altsprachlichen Gymnasium in Heidelberg, ausgebaut durch früh entwickeltes, faustisches Interesse, mit dem Virus des Widerständigen infiziert durch eine Art Variation des George-Kreises bei einem altlinken Journalisten. Der lehrt seine Schüler, alles in Frage zu stellen, so dass der Autor bald auch den Mentor selbst in Frage stellt und sich neue Inspirationen sucht, aufbricht zu Reisen in die Welt und ins Studium nach München.

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