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Ian McEwan im Interview Wir müssen zweihundert Jahre vorausdenken

25.10.2007 ·  Zu Beginn des Monats hat er am Klimasymposion in Potsdam teilgenommen. Im F.A.Z.-Interview spricht der Schriftsteller Ian McEwan („Am Strand“, „Abbitte“, „Saturday“) über Kohlenstoffgerechtigkeit, Angela Merkel und warum es so schwierig ist, über Klimawandel Romane zu schreiben.

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Zu Beginn des Monats hat er am Klimasymposion in Potsdam teilgenommen. Im F.A.Z.-Interview spricht der Schriftsteller Ian McEwan („Am Strand“, „Abbitte“, „Saturday“) über Kohlenstoffgerechtigkeit und warum es so schwierig ist, über Klimawandel Romane zu schreiben.

Sie haben Anfang des Monats am Klimasymposion in Potsdam teilgenommen, bei dem viel von „Kohlenstoffgerechtigkeit“ die Rede war. Seit wann interessieren Sie sich für das Thema Umwelt?

Seit den siebziger Jahren. Ich wandere viel, und mir fiel auf, wie ganze Felder verschwanden, wie Zersiedelung und andere zerstörerische Prozesse in das Umweltsystem eingriffen und anfingen, die Artenvielfalt zu bedrohen. Ich begann wahrzunehmen, dass die Welt sich massiv veränderte. In den späten achtziger Jahren, als wir lernen mussten, was Treibhausgase sind, fing ich an, mich für die wissenschaftlichen Seiten des Problems zu interessieren.

Sie haben über die Welt nach 9/11 geschrieben, über sexuelle Übergriffe, über die Nöte eines frisch getrauten Ehepaars. Über Umweltzerstörung haben Sie nie geschrieben. Warum?

Weil mir noch nicht eingefallen ist, wie man über dieses Thema schreiben könnte. Wenn man möchte, dass die Menschen sich in diesen Fragen mehr engagieren, stellt einen das vor enorme schriftstellerische Probleme. Man kann einem Roman mit zu viel moralischer Intention alles Leben austreiben, jede Geschichte wird unter dieser Last kollabieren. Es muss eine Lösung geben, aber ich habe sie noch nicht gefunden.

Halten Sie es für die Aufgabe eines Romanschriftstellers, das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu schärfen?

Ich bin nicht sehr interessiert daran, die Öffentlichkeit zu beeinflussen. Eigentlich ist das Problem ja auch hinlänglich über die Medien verbreitet.

Deutsche Schriftsteller haben immer wieder aus dem Gefühl einer politisch-moralischen Verantwortung heraus geschrieben. Halten Sie das für vermessen?

Einen Roman zu schreiben, in dem öfter mit dem Fahrrad gefahren und seltener geflogen wird, in dem der persönliche Kohlendioxid-Verbrauch reduziert wird, so ein Roman könnte ganz schön langweilig werden. Langweilig, herablassend, gönnerhaft und bevormundend. Wenn Sie Leser überzeugen wollen, müssen Sie einen Essay schreiben. Ein Roman funktioniert anders. Mit einem Roman erforschen Sie die menschliche Natur. Der Mensch ist selbstsüchtig. Und er denkt, biologisch bedingt, nur in kurzen Zeiträumen. Jetzt aber müssen wir, zum ersten Mal in unserer Geschichte, etwa zweihundert Jahre vorausdenken.

Drastische Auswirkungen werden wir schon in fünfzig Jahren spüren.

Tja, aber selbst in fünfzig Jahren bin ich nicht mehr da.

Sie haben Kinder.

Ja, aber ich selbst werde es nicht mehr erleben. Das meine ich doch. Zum ersten Mal müssen wir etwas für Menschen tun, die wir selbst nicht mehr kennenlernen werden. Wir wissen außerdem, dass die Kosten unseres jetzigen Nichthandelns sehr hoch sein werden. Während, wenn wir jetzt alles täten, was getan werden muss, wir nur drei Prozent des weltweiten Bruttosozialprodukts ausgeben würden. Drei Prozent sind nichts! Wenn wir morgen damit anfingen, würde die Erde das heutige Wohlstandswachstum nur vier Jahre später erreichen. Das sind doch keine Kosten!

Was schlagen Sie vor?

Wir müssen für technologischen und medizinischen Transfer sorgen. Wir müssen Ländern Geld geben, damit sie ihre Wälder nicht abholzen, sondern als natürliche Ressourcen begreifen. Wir müssen einen Preis für Kohlendioxid festlegen. Solange wir nicht einen Preis von, sagen wir, achtzig Dollar für eine Tonne Kohlendioxid bestimmt haben, haben wir keinen Weltmarkt.

Wie soll das praktisch gehen?

Wenn Sie einen Stuhl herstellen, müssen Sie für den zur Produktion benötigten Kohlendioxid-Ausstoß bezahlen. Man könnte sogar so weit gehen, für jeden Menschen ein persönliches Kohlendioxid-Konto einzurichten. Das ist utopisch. Aber wenn ich dann meinen Anteil nicht aufbrauchen würde, etwa weil ich nicht fliege, könnte ich ihn an Sie verkaufen.

Sie haben gerade eine Vorlesung in Stanford gehalten. Sind Sie nicht geflogen?

Doch. Ich müsste dann jemand anderem etwas abkaufen. So könnte man den Gesamtverbrauch drastisch senken. Alle diese Szenarien sind vorhanden, die Ideen liegen in der Luft, aber wir sind meilenweit von ihrer Verwirklichung entfernt.

Fahren Sie Fahrrad? Kaufen Sie nur im Bioladen?

Ja, und für mein Hausdach habe ich immens teure Solarzellen gekauft. So kann sich jeder persönlich engagieren. Aber ich glaube nicht, dass wir damit viel bewirken, solange es keine Rahmengesetzgebung für Landwirtschaft und Verkehr gibt. Natürlich sollte jeder sein Auto stehen lassen, wann immer es geht, aber das ist noch nicht die Lösung. Die Mikrotechnologie muss weiterentwickelt werden, damit die Solardächer effizienter werden oder die Windräder, die Solarpumpen, Wärmepumpen. Das ist alles schon auf dem Markt, aber sehr teuer. Die Entwicklung solcher Technik muss subventioniert werden, die Hersteller müssen steuerliche Erleichterungen bekommen, und solche Maßnahmen kann nur eine Regierung herbeiführen.

Haben Sie Vertrauen in die Umweltpolitik Ihrer Regierung?

In England wird gerade viel über Klimaschutz geredet, aber ich habe so meine Zweifel, ob Gordon Brown der Sache echte Leidenschaft entgegenbringt. Ich fürchte, er hält es für schlecht für die Wirtschaft, für erneuerbare Energien zu sein und etwas gegen den Klimawandel zu tun, in dieser Hinsicht ist er sehr altmodisch. Deutschland hingegen hat im Umfeld erneuerbarer Energien viele neue Arbeitsplätze geschaffen.

Was für einen Eindruck haben Sie von Angela Merkel?

Es hilft der Sache bestimmt, dass sie Wissenschaftlerin ist. Margaret Thatcher ist Chemikerin, nicht zuletzt deshalb hat sie sich wahrscheinlich in einer Umweltfrage maßgeblich engagiert: Ihr haben wir es zu verdanken, dass FCKW-freie Kühlschränke heute vorgeschrieben sind. Wir brauchen viel mehr Merkels für unseren Planeten, als wir im Augenblick haben.

Forschung und Naturwissenschaften scheinen Sie zu interessieren. Haben Sie mal daran gedacht, Wissenschaftler zu werden?

Das Problem des britischen Schulwesens ist, dass man sich früh zwischen einer geisteswissenschaftlich oder naturwissenschaftlich ausgerichteten Schulbildung entscheiden muss. Ich fand das mit sechzehn sehr schwer. Ich wollte Französisch und Englisch studieren, mochte aber auch Biologie, Physik, Chemie. Auf gewisse Weise war es dann sogar Glück. Ich habe Literatur studiert, aber nie aufgehört, naturwissenschaftliche Bücher zu lesen. In den letzten Jahrzehnten sind eine Menge gut geschriebener, wissenschaftlicher Bücher auf den Markt gekommen. Wir leben in einer Art goldenem Zeitalter des wissenschaftlichen Sachbuchs. Jedes Jahr lese ich mindestens sechs Bücher, die superb sind. So habe ich beide Welten.

Als Sie studierten, welche Autoren waren da Ihre Vorbilder?

Thomas Mann, Franz Kafka, Heinrich Böll. Ich liebe den Stil von Böll, dieses langsame, wie erfrorene Entfalten. Dann habe ich die amerikanische Literatur für mich entdeckt, die für meine Entwicklung schließlich bedeutender war. John Updike, Saul Bellow, Philip Roth, Norman Mailer. Sie schienen imstande, aus dieser Sackgasse der Moderne wieder herauszufinden, in die sich die deutsche Literatur hineinmanövriert hatte. In den achtziger Jahren hielt ich mich in Deutschland zu Recherchen auf und fragte meine deutschen Freunden: „Wo bleibt der große Roman über die Mauer?“ Und alle sagten, das sei „Der Mauerspringer“ von Peter Schneider. Ein liebenswertes, witziges, aber einigermaßen kurzes Buch. Ich fand, es müsste doch jede Menge Kurzgeschichten und Romane über die Mauer geben, aber die Deutschen sagten, das sei ein Thema für Journalisten.

Weil das Thema zu politisch für Belletristik sei?

Man solle darüber schreiben, was direkt unter der eigenen Nase zu finden ist. Über einen Mann, der aus dem Bett springt und die Wand anstarrt oder seine Füße. Wenn die Mauer durch Chicago ginge, sagte ich, würde Saul Bellow einen großartigen Roman schreiben; verliefe sie quer durch New Jersey, würde es Philip Roth auf sehr komische Weise tun; durchtrennte sie Connecticut, New England, wäre es Stoff für einen Updike-Roman. Was ist nur los mit euch, sagte ich, wacht auf! Ich glaube, sie waren alle Linke, und die Mauer ärgerte sie schlichtweg. Es ist natürlich lächerlich, aus diesem Grund nicht über sie zu schreiben. Ein Schriftsteller sagte zu mir: „Wenn ich über die Mauer schreibe, muss ich gegen die Mauer schreiben, und wenn ich gegen die Mauer schreibe, werden mich die Kritiker hassen, denn sie werden sagen, ich sei proamerikanisch.“ - „O mein Gott“, dachte ich: „Brich aus, wie Superman!“

Sie sind ausgebrochen?

Ich habe viel Handke gelesen, ich mochte Peter Handke, die frühen Werke. Also dachte ich bei meinen frühen Geschichten, es wäre Betrug, dem Leser zu sagen, was im Kopf einer Figur vorginge. Ich dachte, es wäre Betrug, eine Stadt bei ihrem wirklichen Namen zu nennen oder den Ereignissen ein Datum zu geben. Aber dann bin ich dem Existentialistischen glücklich entkommen.

Was würden Sie Schriftstellern raten?

Sie sollten keine Angst haben, über Freuden genauso zu schreiben wie über Schmerzen. Es ist schwieriger, aber es geht. Das war meine Aufgabenstellung bei „Saturday“: Würde ich über Glück genauso schreiben können wie über den Zustand der Welt nach dem 11. September oder die Invasion im Irak? Wir leben doch auch in einer Zeit, da Städte wie London, Paris oder Berlin uns ein aufregendes Leben bieten - kann man das ausdrücken? Ist es möglich, darüber zu schreiben, dass ein bestimmter Wein wundervoll schmeckt, was für ein Vergnügen es ist, für seine Familie zu kochen, wie sehr ein Mann seine Frau liebt? Dinge, die fast nach Blasphemie klingen. So etwas schreibt man ja nicht, nur Pessimismus wird ernst genommen, gilt als intellektuell. Man muss aber ehrlich und wahrhaftig bleiben gegenüber allen Dingen. So, und jetzt gehen wir essen. Oder sind Sie nicht hungrig? Kommen Sie und tun Sie so für mich, als wären Sie hungrig.

Am Donnerstag. 25. Oktober, liest Ian McEwan im Hamburger Thalia-Theater aus seinem neuen Buch „Am Strand“ (Diogenes), Beginn 20 Uhr.

Die Fragen stellte Wiebke Hüster.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 21.10.2007, Nr. 42 / Seite 25
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