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Hundert Jahre Deutsche Nationalbibliothek Königreich fürs Buch

 ·  Sie sammelt grenzübergreifend und heißt doch „Deutsche Nationalbibliothek“. In Leipzig wurde das 100. Jubiläum der Institution gefeiert. Dazu war ausnahmsweise das Reden im Lesesaal gestattet.

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© dapd Hier wird noch gearbeitet: Im „Großen Lesesaal“ im Altbau der Bibliothek feierte die Deutsche Nationalbibliothek in ihren Geburtstag hinein

So wenig Voraussicht war selten. Als Jacob Grimm 1843 den Vorschlag zu prüfen hatte, in Berlin nach französischem Vorbild eine Nationalbibliothek zu gründen, die sämtliche auf dem Gebiet des Deutschen Bundes verlegten Bücher sammeln würde, lehnte er ab. Es gebe bereits genug Bibliotheken in Deutschland. 69 Jahre später wurde die Idee dann doch umgesetzt: als Deutsche Bücherei, in der sämtliche neu erscheinenden deutschsprachigen Bücher nicht nur gesammelt und bewahrt, sondern vor allem auch zur Nutzung bereitgehalten werden sollten. Aber Berlin kam nicht mehr zum Zuge; die Deutsche Bücherei nahm ihren Sitz in der damals wichtigsten deutschen Verlagsstadt, in Leipzig.

So viel Voraussicht war selten: Als das Königreich Sachsen, die Stadt Leipzig und der Börsenverein der Deutschen Buchhändler sich 1912 auf die neue Einrichtung verständigten, schlossen sie den Vertrag am 3. Oktober ab. Seit 1990 fällt der Geburtstag der Institution auf den durch die deutsch-deutsche Vereinigung neuen Nationalfeiertag. Das passt, weil sich in der Folge auch die Deutsche Bücherei mit der nach dem Krieg in Frankfurt am Main eingerichteten Deutschen Bibliothek - irgendwie musste man ja auch im Westen weitersammeln - zusammentat. 2006 erhielten sie den gemeinsamen Namen Deutsche Nationalbibliothek, und als solche feierte sie am Dienstagabend in ihren hundertsten Geburtstag hinein: am Gründungsort Leipzig, im bis heute genutzten Großen Lesesaal des Altbaus, zwischen lauter Büchern also.

Eine Festrede aus Schweizer Perspektive

Bernd Neumann, der Staatsminister für Kultur und Medien der Bundesregierung, gratulierte persönlich. Kein Wunder: Er ist der eigentliche Hausherr, denn die Bundesrepublik finanziert die Deutsche Nationalbibliothek. 1923 war das Deutsche Reich in der Inflationszeit als Geldgeber für vierzig Prozent der Kosten eingesprungen, als der neue Freistaat Sachsen und die Stadt nicht mehr solvent waren, im Zweiten Weltkrieg übernahm der nationalsozialistische Staat dann die gesamte Deutsche Bücherei. DDR und Bundesrepublik hielten es später genauso.

Ein wenig paradox mutet dieses deutsche Regierungsengagement angesichts des grenzübergreifenden Sammelauftrags schon an - genauso wie der Name „Nationalbibliothek“ für eine Institution, die auch alle österreichischen oder Deutschschweizer Bücher aufnimmt. So war es ein hochsymbolischer Akt, dass mit Jean-Frédéric Jauslin der ehemalige Direktor der Schweizerischen Landesbibliothek (die auf sein Betreiben gleichfalls in „Nationalbibliothek“ umbenannt wurde) die Festrede hielt. Wobei es irritierte, dass Jauslin sich der Frage, ob Kultur Staatsangelegenheit sein solle, allein aus Schweizer Sicht widmete, während die Jubilarin mit insgesamt drei Sätzen abgespeist wurde.

Wäre nicht Alexander Skipis vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels noch als Gratulant aufgetreten, hätte der Abend eine Unverbindlichkeit gehabt, wie sie im Buche steht. So aber wurde zumindest noch ein vehementes Plädoyer fürs Urheberrecht gehalten: als Schutz für jene, denen wir die Bücher verdanken, Autoren und Verlage. Seit 2006 besteht der gesetzliche Auftrag an die Nationalbibliothek, auch deutschsprachige Internetpublikationen zu sammeln; der Zwiespalt zwischen zwei Interessengruppen ist also vorprogrammiert. Aber das Königreich der Bücher mit seinen mittlerweile 27 Millionen analogen wie digitalen Medieneinheiten taugt womöglich als Vermittler.

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Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.

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