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Freitag, 17. Februar 2012
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Hubert Spiegel Teufelswurst

24.03.2006 ·  Eine Schauergeschichte von Verrat, falscher Freundschaft, und glücklicher Flucht im letzten Augenblick. Ein Märchen vom geheimen Eigenleben der Dingwelt, viel interessanter als die Traumwelt von Prinzen und Prinzessinnen: „Die wunderliche Gasterei“.

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Den letzten Satz dieses Märchens kannte ich, bevor ich das Märchen selbst kannte. „Hätt' ich dich, so wollt' ich dich!“, das war ein geflügeltes Wort bei uns zu Hause. Aber was hatte es eigentlich zu bedeuten? Es mußte wohl damit zu tun haben, daß man nicht alles, was man sich vornimmt, auch erreichen kann. Das war schlecht. Andererseits schien der Satz zu verheißen, daß nicht jede Abreibung, die einem zugedacht war, ihren Empfänger zwangsläufig auch erreichen mußte. Das war gut. Gut oder schlecht, möglich oder unmöglich, alles war eine Frage der Perspektive, man mußte sich entscheiden - wollte man Blutwurst sein oder Leberwurst.

„Die wunderliche Gasterei“ erzählt von der Freundschaft zwischen einer Blutwurst und einer Leberwurst, die ein jähes Ende findet. Die Leberwurst ist zu Gast bei der Blutwurst, sie steigt die Treppe zur Wohnung empor, und auf jeder Stiege begegnen ihr seltsame Dinge: ein Besen und eine Schippe, die sich schlagen, ein Affe mit einer Wunde am Kopf und dergleichen mehr. Als es zu Tisch gehen soll, verschwindet die Blutwurst noch rasch in der Küche. Plötzlich kommt jemand herein, „ich weiß nicht, wer's gewesen ist“, und warnt die Leberwurst: „mach dich eilig fort, wenn dir dein Leben lieb ist“. Die Leberwurst nimmt die Beine in die Hand, kleine dicke Wurstbeine, und als sie glücklich auf der Straße ist, steht die Blutwurst oben am Fenster , schwingt ein langes, langes Messer und ruft herab: „Hätt' ich dich, so wollt' ich dich.“

Das war eine Schauergeschichte von Verrat, Hinterhalt, falscher Freundschaft, Heimtücke und glücklicher Flucht im letzten Augenblick. Ein schrecklicher Fall von versuchtem Kannibalismus unter jenen wohlbekannten Würsten, die, prall und gemütlich in Naturdarm gewandet, friedlich in der Metzgerstheke beieinander lagen. Vor allem aber erzählte das Märchen vom geheimen Eigenleben der Dingwelt, das viel interessanter schien als die Traumwelt von Prinzen und Prinzessinnen. Daß Dornröschen nach hundertjährigem Schlaf frisch und fröhlich erwacht, ist weit unglaubwürdiger, als daß eine Blutwurst zum frisch gewetzten Messer greift. Sie ist des Teufels Adjutant, und niemand, der fröhlich eine Treppe hinaufsteigt, kann sich sicher sein, daß oben nicht die Hölle auf ihn wartet. Denn oben und unten ist manchmal eins und wurstegal. Ewig ist nur der Unterschied zwischen Blutwurst und Leberwurst.

Die Märchen und Sagen der Brüder Grimm, gewandet in schönem Ledereinband, sind im Deutschen Klassiker Verlag für 144,- Euro erhältlich.

Quelle: F.A.Z., 25.03.2006, Nr. 72 / Seite 37
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