Home
http://www.faz.net/-gr0-vxt8
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Hörbücher Wer fühlen will, muss hören

29.12.2007 ·  Es darf gerühmt werden: Der deutsche Hörbuchmarkt wächst weiter, auch qualitativ. Nicht nur Harry Potter zieht, sondern auch Samuel Beckett, Peter Kurzeck und Peter Weiss verkaufen sich. Gehört wird gerne und mit Ausdauer.

Von Christian Deutschmann
Artikel Bilder (4) Lesermeinungen (0)

Zum Jahresende gab es vom stetig wachsenden und gerade zur Geschenkezeit in aller Ohren befindlichen Hörbuchmarkt gleich zwei Nachrichten, die aufhorchen ließen. Zum „Hörbuch des Jahres“ kürte die Jury der renommierten hr2-Hörbuch-Bestenliste „Die Ästhetik des Widerstands“ von Peter Weiss in einer Erzählfassung von Karl Bruckmaier. Und soeben wurde Claudia Baumhöver, Gründerin und Chefin des Münchener „Hörverlags“, vom Branchenmagazin „Buchmarkt“ zur „Verlegerin des Jahres 2007“ ernannt.

Nun ist die hr2-Bestenliste gewiss nicht popularisierender Tendenzen verdächtig. Hier sitzen Kritiker, die ihre Wahl nach Rang und Qualität treffen und oft genug Verdienstvolles in den Nischen mutiger Verleger entdeckt haben. Dennoch überrascht die Wahl des ebenso umfangreichen (acht CDs) wie sperrigen Peter-Weiss-Produkts.

Ein eher gefürchteter als geliebter Text

Schon in Buchform gehörte die 1200 Seiten starke Chronik der sozialistischen Bewegungen des vergangenen Jahrhunderts zu den ebenso häufig zitierten wie wenig gelesenen Pflichtbänden politisch Denkender. Erst Herbert Kapfer, Chef der Abteilung „Hörspiel und Medienkunst“ beim Bayerischen Rundfunk, vermochte es gegen alle Widerstände seines Hauses, den wegen seiner Sprödigkeit eher gefürchteten als geliebten Text produzieren und senden zu lassen – und damit einem zu Unrecht als „erledigt“ geltenden Sprachwerk neue Luftzufuhr zu verschaffen.

Claudia Baumhöver war es, die die „Ästhetik des Widerstands“ nach Kräften unterstützte: indem sie mit dem ihr eigenen unerbittlichen Charme Fürsprache übte, sich an der Produktion beteiligte und sie mit einer Auflage von dreitausend Stück (verkauft wurde bisher die Hälfte) herausbrachte. Nicht zum ersten Mal hat sie damit dem Genre „Hörbuch“ überraschende und bis dahin nicht für möglich gehaltene Glanzlichter aufgesetzt.

Elf Prozent der Titel finanzieren die anderen neunundachtzig Prozent mit

Großprojekte wie „The Spoken Arts Treasury“ (fünfzehn Stunden Originaltöne amerikanischer Lyriker), eine sechseinhalbstündige Beckett-Anthologie oder „Der Mann ohne Eigenschaften. Remix“, ein achtzehnstündiger Robert Musil in Ton und neugefasstem Buchtext (Initiator und Radiopartner ebenfalls Herbert Kapfer), scheint sie locker auf den Markt zu werfen.

Dass dazu auch etwas so mundgerecht Dialogisiertes gehört wie die zuletzt erschienene Version von Thomas Manns „Doktor Faustus“, schmälert die Leistung gewiss nicht. Im Gegenteil: Wie sich beim Hörverlag literarisches und kulturelles Gespür mit editorischer Energie und Marketing paaren, zeigt ein Blick aufs Programm. Elf Prozent der Titel finanzieren da die anderen neunundachtzig Prozent mit.

„Prix Hörverlag“

Allein der Harry-Potter-Erfolg – auf mehr als drei Millionen verkaufte Exemplare brachten es die sechs von Rufus Beck gelesenen erschienenen Folgen bisher – dürfte für eine kleine Bibliothek der Wagnisse ausgereicht haben. Dabei reicht das Blickfeld über das Edieren hinaus: von der Unterstützung von Klangfestivals bis zum „Prix Hörverlag“, dotiert mit insgesamt neuntausend Euro.

Ganz ohne kommerzielle Absichten ist er der freien Szene unabhängiger Hörspielmacher gewidmet, die sich sonst in Kneipen, auf Festivals wie dem Berliner „Plopp“, in Audioblogs und Podcasts tummelt, allerdings mit der verdienstvollen Anthologie „Pressplay“ des kleinen Mairisch Verlags inzwischen auch erste Hörbuchreife gewonnen hat.

Ehrgeizige literarische Projekte

So haben sich mit Gründungen wie dem Hörverlag Gewichte verschoben: Längst vorbei scheinen die Zeiten, in denen „Markt“ ein Ekelwort war und man sich nicht scheute, den alten Streit Kunst kontra Kommerz aufzuwärmen, als stünden sich da Gut gegen Böse gegenüber.

Doch immer noch sitzt die Angst vor dem Verkaufen einigen Radioleuten im Nacken. Von einer „Wagenburgmentalität“ bei den Öffentlich-Rechtlichen sprach unlängst noch der sichtlich genervte Programmleiter von Random House Audio. „Kulturlos“, ja „zerstörerisch“ nannte der Hörspielmacher und Soundkünstler Andreas Ammer, der sich über mangelnden Erfolg seiner Arbeiten gewiss nicht beklagen muss, die Auswirkungen des „Marktes“ aufs künstlerische Schaffen in den Studios.

Es werden Verbündete für ehrgeizige literarische Projekte gesucht

Mit der Gründung von Marketingabteilungen der Sender scheint sich das Blatt zu wenden. „Die emanzipieren sich immer mehr“ ist der Eindruck beim Deutschen Audio Verlag (DAV), wo man bei Kooperationen mit den Rundfunkanstalten mehr und mehr auf selbst- und marketingbewusste Partner trifft, wenn die nicht gleich – wie der Hessische Rundfunk mit seinem Label „Hr audio“ – selbst den Vertriebsweg beschreiten.

Auch Claudia Baumhöver hat beim Bayerischen und Hessischen Rundfunk nicht nur Bereitschaft zur Kooperation, sondern auch „Verbündete“ für ehrgeizige literarische Projekte gefunden. Sechzig Prozent ihrer Titel sind inzwischen allerdings Eigenproduktionen, die natürlich mit den aufwendigen Studioarbeiten der „Öffentlichen“ nicht mithalten können, dafür schneller auf den Markt gelangen.

Ein Hörbuch ist eben kein „Buch“

Vielleicht ist es die irritierende Affinität zum Buch, die der Anerkennung des Hörbuchs als eigenständiger Gattung dennoch im Wege steht. Dass sich immer noch kein treffender Name finden ließ, ist symptomatisch: Ein Hörbuch ist eben kein „Buch“, sondern ein „Etwas“ zum Hören, das sich einer eher zufälligen materiellen Hülle bedient.

Einst war es die Kassette, jetzt ist es die CD, und als Datei aus dem Internet heruntergeladen – eine Praxis, die sich hierzulande nur zögernd, aber stetig durchsetzt – verschwindet sein dinglicher Charakter fast vollständig.

Einzigartige akustische Kultur

Spätestens seitdem Buchverlage die Möglichkeit entdeckten, mit Lesungen oder „Verhörspielungen“ die Attraktivität ihrer Bücher und Autoren zu steigern, schwindet das Verständnis dafür, dass Hörbücher mehr sein können als verlängerte Literatur. Den Gedanken einer Zweitverwertung wollen Labels wie der Hörverlag gar nicht erst aufkommen lassen. Ihnen geht es – jedenfalls bei den mit Herzblut geschaffenen Projekten – um originär für akustische Räume Gebautes. Um Stimmen, um Klangmontagen, um Welten, die sich so nur dem Ohr erschließen.

Um kulturelle Felder, die, wie die Beckett-Edition des Hörverlags, auch mal gesprochenes Wort, Theatermitschnitt, Lesung und Feature umfassen können. Material dafür gibt es reichlich. „Die akustische Kultur, die wir in Deutschland haben, ist einzigartig“, sagt Claudia Baumhöver, die soeben wieder in den Vereinigten Staaten erleben musste, welch schlechtes Image dort die oft billig erstellten „audio books“ bei hohem Ausstoß, allerdings sinkenden Zuwachsraten, haben. Wie da ein Radiosystem wie hierzulande fehlt, das seit je enorme kulturelle und künstlerische Kräfte bündelt.

Gehört wird gerne und mit Ausdauer

Das deutschsprachige Hörbuch darf also gerühmt werden. Gehört wird gerne und mit Ausdauer, Hohes und Unterhaltendes, von Gebildeten wie Unterschichten: beim Autofahren, per MP3 und Ohrstöpsel in der U-Bahn, beim Joggen und natürlich vor HiFi-Lautsprechern zu Hause. Auch an den Ausleihschaltern der Bibliotheken wandern immer öfter Scheiben an Stelle von Bänden über den Tisch. Bei Berlins Amerika-Gedenkbibliothek etwa fand zwischen 2004 und 2005 der große Sprung nach vorne statt, als die Ausleihe von Hörbüchern jäh von 48.000 auf mehr als 70.000 stieg.

Noch ist bei der wissenschaftlich orientierten Berliner Staatsbibliothek das Hörbuch „eine ganz untergeordnete Kategorie“. Doch vorstellbar wäre es schon, dass etwa O-Ton-Dokumente und andere Schätze aus den riesigen Archiven der Rundfunkanstalten Einzug ins Recherchieren und Forschen halten. Bis dahin bleibt der Zugang zu ihnen Zufallssache oder die Suche gänzlich aussichtslos. So ist es der Hartnäckigkeit kleiner Firmen wie Supposé oder Mnemosyne vorbehalten, Historisches aufzuspüren und zu edieren, und auch der Hörverlag Lido (Eichborn) und andere haben mit alten Hörspielproduktionen, Dichterlesungen und auratisch verrauschten O-Tönen einiges davon im Programm.

Hörbücher als (Hör-)Ereignisse

So schillernd und unüberschaubar wie alles Gedruckte oder Gesendete ist inzwischen auch die Hörbuchwelt geworden: von Ratgebern und Reiseführern, Liebes-, Ärzte- und Heimatromanen, Kindern, Humor, Krimi und Fantasy, den „Starken Stimmen“ bei „Brigitte“, den „Großen Stimmen“ bei Aldi

Nord und den kleinen, dafür grell beworbenen Stimmen der „Küchenlabels“, einem auf Erzählformat geschrumpften Fernseh-„Tatort“, und anderen stimmlichen Anleihen bei den Großen der Medienbranche bis hin zu sprechenden Zeitungen und Magazinen. Dass sich da neben sorgfältig Produziertem viel lieblos Heruntergelesenes befindet, lässt sich verschmerzen.

Das Renommee jedoch, das sie bei uns haben, können Hörbucher nur bewahren, wenn sie nicht Anhängsel sind an anderswo Reüssiertes, sondern auf Entdeckungsreisen gehen, akustisches wie kulturelles Denken pflegen und zu selbständigen (Hör-)Ereignissen werden. Hörbücher hierzulande sind jedenfalls ein Beweis dafür, dass es einmal nicht bei jeder Entwicklung des ängstlich vergewissernden Blicks zum „großen Bruder“ Amerika bedarf.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen