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Sonntag, 19. Februar 2012
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Hörbuchmarkt Bildung beim Bügeln

02.01.2006 ·  Die zu Ton gewordene Literatur findet immer mehr andächtige Zuhörer - und läßt Verlegeraugen glänzen: Das Hörbuch ist der Liebling der Buchbranche. Bei Lichte betrachtet ist der bejubelte Boom ein kleiner. Aber eben doch ein Boom.

Von Jennifer Wilton
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Es flüstert und brüllt in Deutschland, es flötet und zischt, doziert und erzählt. Aus den Kinderzimmern haben sich die Stimmen in die Salons vorgearbeitet, beschallen Kleinwagen, quellen aus unzähligen Kopfhörern. Verstummen - soviel ist inzwischen klar - werden sie so schnell nicht wieder. Ist das der Durchbruch des Hörbuchs? Auf jeden Fall findet die zu Ton gewordene Literatur immer mehr andächtige Zuhörer - und läßt Verlegeraugen glänzen: Das Hörbuch ist der Liebling der Buchbranche.

Angesichts eher dürftiger Zahlen beim Verkauf des gedruckten Wortes gilt es manchem gar als einziger Lichtblick. Erst vor kurzem verkündete der Börsenverein des Deutschen Buchhandels die letzte Erfolgsmeldung in Sachen Hörliteratur: 2005 konnte der Umsatz gegenüber dem Vorjahr um rund zwanzig Prozent gesteigert werden. Ein Ende dieser Entwicklung sei noch nicht abzusehen, versprechen die Hörbuchexperten und richten den Blick hoffnungsfroh nach Amerika, wo das „Audiobook“ schon seit Jahren Triumphe feiert.

Die Prophezeiung hat sich endlich selbst erfüllt

Man könnte dies ein gelungenes Beispiel einer selbsterfüllenden Prophezeiung nennen: nachdem die entsprechenden Verlage seit den neunziger Jahren unermüdlich - und oft mit erheblichen Marketingaufwand - den lange sehr zögerlichen Boom des Hörbuchs beschrieen haben, sprechen nun zumindest alle äußeren Anzeichen dafür, daß er sich tatsächlich eingestellt hat. Statt in den hinteren Ecken ein Nischendasein zu fristen, haben die Hörbuchregale in den Buchläden prominente Plätze erobert; nicht selten stolpert der literaturhungrige Käufer schon im Eingangsbereich über sogenannte „Hörstationen“ oder „Hörbars“.

Vom Hörfrühstück in Köln bis zum Hörspielabend „unterm Sternenhimmel“ in Berlin sind auch dem kollektiven Hörerlebnis kaum Grenzen gesetzt. Zahlreiche Hörbuchpreise und Bestenlisten versuchen, dem potentiellen Hörer Orientierung im Dickicht der Neuerscheinungen zu bieten - die auch dringend nötig ist: rund 13.000 Hörbuchtitel sind gegenwärtig lieferbar. Von Homers „Odyssee“ bis Frank Schätzings „Schwarm“, von Kant bis Susanne Fröhlich - es gibt wenig, was inzwischen nicht auch in vertonter Form zu haben ist. Daß das erste Hörbuchmagazin vor kurzem nach nur zwei Nummern eingestellt wurde, lag wohl eher am überzogenen Preis - und auch daran, daß sich die Hörbuchkritik längst als feste Rubrik in allen großen Zeitungen etabliert hat.

27 CDs oder Download als MP3

Bisher gab es freilich einen Haken an der Sache: Vorlesen braucht seine Zeit, und auf Medien gespeicherte Stimmen fordern ihren Raum. Beides kostet wiederum seinen Preis. Seitenstarke Romane wie Haruki Murakamis „Mr. Aufziehvogel (1720 Minuten, 24 CDs) oder Rowlings vorletzte Lieferung, „Harry Potter und der Orden des Phönix“, (1945 Minuten, 27 CDs) beanspruchen halbe Regalbretter - und das Portemonnaie der Kunden. Die einfachste Lösung des Dilemmas, nämlich radikale Kürzungen des Originaltextes, sorgen hingegen bei überzeugten Literaturfreunden für blankes Entsetzen.

Aber schon naht Abhilfe. Stundenstarke Hörbücher lassen sich durch digitale Zauberei auf überschaubare Datenmengen reduzieren, die sogar direkt aus dem Internet heruntergeladen werden können. Mit Macht drängen seit einiger Zeit die sogenannten „Download-Portale“ auf den Markt, die gesprochene Literatur in handlichen MP3-Dateien anbieten. Vor gut einem Jahr machten „soforthoeren.de“ und „audible.de“ den Anfang, pünktlich zur vergangenen Frankfurter Buchmesse gab es gleich mehrere neue Portale.

Auch diejenigen, die dem letzten Rest haptischen Erlebens hinterhertrauern, versucht man zu entschädigen. Einige Hörbuchmacher wollen den Verzicht auf Papier und griffige Einbände mit originellen Hörbuchverpackungen wettmachen. Wen metallene Dosen, auf Samt gebettete CD-Silberlinge, Bändchen und Schleifen nicht überzeugen, der soll beim Preis der Hördateien anbeißen: Bis zu dreißig Prozent billiger, versprechen die Anbieter, seien die digitalen Hörbücher zum Herunterladen; einige locken mit günstigen Abonnements. Allerdings hat das Rabattfieber inzwischen auch die Anbieter herkömmlicher Hörbücher ergriffen. Anders als Bücher ist die gesprochene Literatur nicht preisgebunden, und wozu das führen kann, ließ sich im diesjährigen Weihnachtsgeschäft erneut beobachten.

Joggen mit kulturellem Mehrwert

Wie und ob die neuen Download-Portale den Hörbuchmarkt verändern werden, möchte derzeit niemand vorhersagen. Bisher beschwört man noch die friedliche Koexistenz: des Buchs und Hörbuchs, des Hörbuchs und der Dateien. Laut einer Umfrage des Börsenvereins wirbt die zu Ton gewordene Literatur der gedruckten keine Kunden ab - im Gegenteil: Erstere würde das Interesse fürs Lesen sogar noch wecken. Und Audible Inc., der amerikanische Marktführer unter den Downloadportalen, weiß von einer Untersuchung zu berichten, nach der die digitalen Hörbücher den materiellen ebenfalls keine Konkurrenz machten: Es seien mehrheitlich andere Kunden, die im Internet unterwegs seien, heißt es.

Um ebendiesen Kunden, den unbekannten Hörbuch-Käufer, gab es in den vergangenen Jahren vor allem Spekulationen. Kulturpessimisten vermuteten lesefaules Publikum. Hörbuchexperten sprachen von eher jungen, mobilen Menschen, die bereits mit dem Walkman groß wurden und keine Situationen ihres schnellen Lebens ungenutzt verstreichen lassen: Sie gewönnen dem Autofahren, Joggen und Bügeln durch Hörbuch-Beschallung einen kulturellen Mehrwert ab. Erst vor kurzem untersuchte das Marktforschungsinstitut Ipsos die Angelegenheit und ermittelte: Es sind vor allem die regelmäßigen Leser, die zum Hörbuch greifen. Auffällig sei zudem deren hoher Bildungsgrad, und im übrigen gelte: Frauen hören mehr als Männer und am meisten, wenn sie zwischen 35 und 54 Jahren alt sind. Vermutlich.

Der Boom ist klein. Aber eben doch ein Boom

Weitaus gesichert sind die Erkenntnisse darüber, was am liebsten gehört wird: Im Gegensatz zu Amerika, wo man sich mit Vorliebe Sach- und Ratgeberliteratur vorlesen läßt, führt hierzulande die Belletristik die Hörbuch-Bestsellerlisten an - aktuelle Erfolgsromane und Klassiker, gerne von prominenten Sprechern vorgetragen. Was als Roman Erfolg hat, verkauft sich in aller Regel auch als Hörbuch gut. Daneben entwickelt sich ein neuer Trend, der mit Lesefaulheit kaum mehr erklärt werden kann: auch aktuelle Kinofilme wie „Die Chroniken von Narnia“ erscheinen fast zeitgleich als Hörbuch, selbst Fernsehserien gibt es in der Hörversionen - und sie lassen sich durchaus gut verkaufen.

In absoluten Zahlen heißt das freilich nicht allzuviel. Zwischen tausend und fünftausend Exemplaren liegt die Startauflage eines Titels in der Regel, der Anteil des Hörbuchsumsatzes am Buchmarkt liegt knapp unter vier Prozent. Wahrscheinlich wird er sich steigern, in den nächsten Jahren. Aber bei rund zehn Prozent sei wohl Schluß, sagen selbst Experten. Wie in Amerika, obwohl da ja eigentlich alles ganz anders ist. Also doch eher ein kleiner Hörbuchboom. Aber eben doch ein Boom.

Quelle: F.A.Z., 02.01.2006, Nr. 1 / Seite 36
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