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Hexenwahn : Das Böse in uns

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Die Hölle und die sieben Todsünden, hier in einer Darstellung aus einem Katechismus aus dem späten 19. Jahrhundert Bild: Getty Images

Rainer Becks neues Buch über einen historischen Hexenprozess führt in bizarre Vorstellungswelten der Vormoderne. Es wirft dabei existentielle Fragen über die Gegenwart auf.

          Das Drama begann wie ein Kinderspiel auf einer Wiese, die Paintl genannt wird und vor der Stadt Freising liegt, an einem Nachmittag im Herbst 1715. Rumrennen, festhalten, angeben, Tricks vorführen und noch etwas mehr. Aber was genau? Das Drama entwickelte sich mit dem Versuch, das zu klären. Kinder hatten gespielt, und eines hatte behauptet, es könne Mäuse machen. Und da krabbelte tatsächlich etwas Schwarzes, das eine Maus gewesen sein mag. Oder es war das Kuscheltier des Teufels. Jahrelang würden die Freisinger Richter, externe Juristen und Hunderte von Zeugen beschäftigt sein, um das zu klären. Letztlich überforderte sie der Kampf gegen das Böse.

          Während die meisten Kinderspiele der Geschichte der Menschheit verweht und vergessen sind, fand die Zusammenkunft auf der Paintl also ihren Weg in die Akten, später ins Archiv. Da diese Aktenbestände sehr umfangreich sind, kann man von einem der am besten untersuchten Kindertreffen der deutschen Geschichte schreiben - aber die Freude darüber hat zugleich etwas Makabres. Denn was für Historiker und Leser von Interesse ist, war für die Kinder furchtbar: Zwei Jahre später wurden drei von ihnen öffentlich hingerichtet. Zwei Buben waren da vierzehn, einer erst zwölf Jahre alt, und viel mehr als Fangen spielen hatten sie nicht gemacht. Es war einer der umfangreichsten Kinderhexenprozesse, und ein besonders später: Goethes Vater war damals in dem Alter der auf der Paintl spielenden Kinder.

          Kinderspiele und Mäuse

          Wie kommt eine Gesellschaft dazu, spielende Kinder einzufangen und umzubringen? Das ist die simple Frage, die ein langes, aber stets klares Buch stellt: „Mäuselmacher oder die Imagination des Bösen“. Zehn Jahre lang hat sie den in Konstanz lehrenden Historiker Rainer Beck beschäftigt, der mit seinem Buch über das Dorf Unterfinning bekannt wurde. Die Dauer, die Gründlichkeit hat dem Buch gutgetan, der Forscher konnte sich in das Material vertiefen - und auch wieder auftauchen. So lässt sich sein Buch auch ohne Vorkenntnisse verstehen, obwohl es sich um eine sehr komplizierte Materie handelt, die keine Abkürzung verzeiht.

          Denn die Freisinger haben es sich nicht leichtgemacht, das zeigt schon der immense Fleiß, mit dem der Prozess durchgeführt wurde. Alle haben sich unendliche Mühen gegeben, um sicher zu gehen, das Richtige zu tun. Sie wähnten sich in einem verzweifelten Kampf gegen den Teufel, und darin sahen sie es eben als ihre Pflicht, diese Kinder zu verhören, immer wieder zu verhören, mit geweihten Ruten schlagen zu lassen und schließlich hinzurichten. Und dass sie darin dem Recht, der Theologie und der Wissenschaft folgten, das sollte auch die Nachwelt noch studieren können. Unter anderem sind 350 Verhörprotokolle überliefert, von denen manche 250 Fragen umfassen. Was dachten sich diese gebildeten und reflektierten Männer? Was dachten die Kinder?

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