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Henry Kissingers neues Buch China macht den Westen klüger

05.08.2011 ·  Amerika kritisiert das China-Buch seines ehemaligen Außenministers Henry Kissinger scharf. Unser Peking-Korrespondent kommt zu dem Schluss, dass die westliche Menschenrechtspolitik durchaus davon lernen kann.

Von Mark Siemons, Peking
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Die gefühlte Weltordnung hat ihren Umbruch schon hinter sich. Mehrheiten in fünfzehn von zweiundzwanzig Ländern finden einer Umfrage des amerikanischen Pew-Instituts im vergangenen Monat zufolge, dass China die Vereinigten Staaten als führende Supermacht ablösen werde oder bereits abgelöst habe. Die Meinungen darüber sind geteilt: Während die wirtschaftliche Rolle Chinas von der Hälfte der Befragten außerhalb Europas überwiegend positiv beurteilt wird, findet seine wachsende militärische Bedeutung nur bei Jordaniern, Pakistanis und Palästinensern mehrheitlich Zustimmung. Andernorts stößt sie auf Unbehagen. Wie wird das sein, wenn sich die globalen Gewichte so massiv verschieben? Wird das ohne Konflikt, ohne Krieg abgehen?

Auf diese dramatische Frage läuft das Buch eines Mannes hinaus, dessen geheime China-Diplomatie vor genau vierzig Jahren den Beginn jener Weltmarkt-Integration markierte, die die Volksrepublik zu ihrer jetzigen Stellung geführt hat: Henry Kissinger, heute 88 Jahre alt, skizziert dort das Risiko einer wachsenden Eskalation der Spannungen zwischen Amerika und China, das umso größer sei, als die wechselseitigen Konzepte von Abschreckung und Präventivschlägen nicht symmetrisch sind: „Früher oder später wird sich die eine oder die andere Seite verkalkulieren.“ Wie also müssten die Weltordnung und die leitenden Ideen der handelnden Akteure bei aller Kultur- und Interessenverschiedenheit beschaffen sein, um das zu verhindern?

Das chinesische Paradigma als Vorbild

Ein Großteil von Kissingers Buch „On China“ („China: Zwischen Tradition und Herausforderung“) besteht aus Erinnerungen an seine damalige Mission und an seine Begegnungen mit Mao und Tschou Enlai; doch man würde das Buch unterschätzen, wenn man es bloß der Memoirenliteratur zuschlagen würde.

Seine Originalität erweist sich darin, dass da zum ersten Mal ein ehemals führender Politiker des Westens das chinesische Politikparadigma zur künftigen Gestaltung der Welt empfiehlt – nicht unbedingt das der Kommunistischen Partei, sondern eines, das Kissinger aus der chinesischen Tradition destilliert; aber er versucht doch selbst an vielen Beispielen zu zeigen, dass sich auch die Kommunisten von Mao bis Hu an das alte Muster halten.

Das Werk ist in Amerika scharf kritisiert worden, vor allem mit zwei Argumenten: Zum einen sei es nur wieder ein Plädoyer für Kissingers altbekannte Vorstellung von „Realpolitik“, die sich bei ihren strategischen Planspielen vom Einsatz für Menschenrechte nicht stören lassen will. Und zum anderen gehe sein Versuch, eine überzeitlich gültige chinesische Art von Politik zu fixieren, in die klassische Kulturalismus-Falle und könne bei all seiner Faszination durch das „Andere“ die zahlreichen Inkohärenzen der faktischen chinesischen Politik nicht erklären.

Beide Vorwürfe treffen zu und verfehlen doch die Tragweite des Perspektivwechsels, den das Buch bei all seiner Inkonsequenz zur Geltung bringt.

Das Spiel geht nicht auf Sieg, sondern auf Einkreisung der Räume

Inkonsequent ist natürlich, dass Kissinger noch nicht einmal zu erklären versucht, warum sich der Westen das chinesische, strategische Denken überhaupt zu eigen machen soll. Er nimmt es einfach als Autoritätsargument, dass eine so alte und jetzt wieder so erfolgreiche Kultur wie die chinesische durchgängig an der gleichen Weltsicht festgehalten habe. Zur typologischen Unterscheidung zieht er dabei das chinesische „Weiqi“-Spiel (im Westen unter seinem japanischen Namen „Go“ bekannt) heran, dem er das Schachspiel gegenüberstellt.

Während Schach auf einen entscheidenden Sieg über den Gegner aus sei, im Grunde auf dessen schrittweise Beseitigung, komme es bei Weiqi bloß auf relative Vorteile an, die die Einkreisung leerer Räume gewähre.

Doch der Identifizierung eines solchen Modells mit einem angeblichen chinesischen Wesen ist schon dadurch der Boden entzogen, dass China seit ältesten Zeiten ja auch eine Spielart des Schach kennt und liebt, das Xiangqi. Die real existierenden Chinesen sind der beste Gegenbeweis gegen Vorstellungen, die das Verhalten durch Abstraktionen wie „Kultur“ determiniert sehen.

Noch fataler ist, dass Kissinger die Chinesen, die dem von ihm ausführlich rekonstruierten Modell folgen, als „scharfsinnige Vertreter der Realpolitik“ bezeichnet. Soll der ganze Aufwand, sich sympathisierend in China hineinzuversetzen, letztlich nur der Selbstbestätigung dienen, einer Abwehr jenes „missionarischen Exzeptionalismus“, als den er die seiner Meinung nach gefährliche amerikanische Menschenrechtspolitik kennzeichnet?

Noch nicht einmal vom Verdacht der persönlichen Vorteilnahme kann Kissinger diesen Ansatz freihalten, denn seine eigene Beratungsfirma „Kissinger Associates“, die westlichen Geschäftsleuten hochrangige Kontakte in China vermittelt, erwähnt er in dem Buch mit keinem Wort.

Chinesische Führer sorgen für die Harmonie des Universums

Die amerikanische China-Wissenschaftlerin Elizabeth C. Economy, die auf diesen Umstand hinwies, erinnerte allerdings auch daran, dass Kissinger Diktaturen prinzipiell verteidigt, unabhängig davon, ob er in ihnen Geschäftsinteressen verfolgt oder nicht.

Dabei entgeht ihm die Pointe: die Beschäftigung mit der Frage, ob der chinesische Idealtypus, den er herausarbeitet, nicht tatsächlich rationaler und der gegenwärtigen Weltlage angemessener ist als die herkömmliche westliche Herangehensweise. Auch die heutigen chinesischen Politiker, die einer klassischen „chinesischen“ Strategie folgen, tun das ja nicht, weil das Blut oder die Kultur sie dazu zwingen, sondern weil sie eine Möglichkeit, die ihnen die eigene Tradition eröffnet, für die Bewältigung der aktuellen Situation als vernünftig und realistisch ansehen.

Worin besteht nun die chinesische Strategie, wie der amerikanische Diplomat und Geschäftsmann sie sieht? Kissinger wartet mit keinen eigenen Forschungen auf, sondern kompiliert die geläufigen, neben Weiqi vor allem dem Kriegsstrategen Sunzi entlehnten Muster. Aus dem zyklischen, zwischen Verfall und Korrektur hin- und herpendelnden Geschichtsverständnis resultiere, dass Natur und Welt als etwas begriffen werden, das zwar zusehends verstanden, nicht aber vollständig beherrscht werden könne. Alle Ziele, die sich die klassische chinesische Diplomatie setze, seien daher relativer Art; weder riskiere sie Alles-oder-nichts-Konflikte, noch erwarte sie totale Sicherheit.

„Eine turbulente Geschichte“, schreibt Kissinger, „hat die chinesischen Führer gelehrt, dass nicht jedes Problem eine Lösung hat und dass eine zu große Entschlossenheit, bestimmte Ereignisse der eigenen Kontrolle zu unterwerfen, die Harmonie des Universums durcheinanderbringen könnte.“ Statt also das eigene Handeln in eine Folge von Entscheidungsschlachten zur fortschreitenden Durchsetzung des Guten beziehungsweise der Vernunft oder der Freiheit einzugliedern, hätten die chinesischen Strategen vor allem den Zusammenhang der einzelnen Aktion innerhalb eines vielpoligen beweglichen Gleichgewichts im Blick.

Die Entwicklung komplementärer Interessen

Kissinger nimmt all dies als Bestätigung seiner Vorstellung von „Realpolitik“ – in Übereinstimmung mit der gegenwärtigen chinesischen Diplomatie, die jede Menschenrechtskritik als unlautere Einmischung in ihre nationalstaatliche Souveränität brandmarkt. Und tatsächlich: Besteht nicht eine Unvereinbarkeit zwischen unbedingten Prinzipien, die sich aus der Natur des einzelnen Menschen herleiten, und einer Vogelperspektive, die die wechselseitigen Bewegungen und Tendenzen im Ganzen auszutarieren sucht?

Doch eine solche Betrachtungsweise würde dem „chinesischen“ Ansatz, der sich doch gerade aller essentialistischen Aussagen enthält, wieder eine essentialistische Interpretation unterschieben: Eben weil dessen Methode der Konstellationsanalyse mit Wertaussagen gar nichts zu tun hat, ist sie auch offen dafür, mit solchen gefüllt zu werden. In Wirklichkeit gibt es keinen Grund, weshalb der Westen nicht seinerseits das chinesische Spiel mit eigenem, universalistischem Einsatz spielen sollte.

Das „China“, für das Kissinger plädiert, könnte also den durchaus unbeabsichtigten Effekt haben, die Menschenrechtspolitik zu einem besseren Verständnis ihrer selbst zu bringen, indem es sie mit Langfristigkeit, Mehrdimensionalität und einer realistischen Einschätzung der gesamten Situation ausstattet, in der sie zu verwirklichen ist. „China“ könnte, mit anderen Worten, den Westen klüger machen. Und die Chinesen vielleicht auch.

Die offizielle Pekinger Position erklärt, den Status quo erhalten zu wollen, von dem China schon so viel profitiert habe; nicht Hegemonie, sondern ein Gleichgewicht der Win-win-Situationen bezeichnet sie als ihr Ziel. Das hört sich so an, als folge die Diplomatie tatsächlich dem von Kissinger skizzierten Modell – was die Entwicklung komplementärer Interessen ermöglichen könnte. Doch bei der repräsentativen Pew-Untersuchung waren die befragten Chinesen die ersten, die ihrem Land den Status der führenden Weltmacht zuerkennen wollten.

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Jahrgang 1959, Feuilletonkorrespondent in Peking.

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