Eine moralische Instanz ist den Zeitläufen enthoben. Bei der Frage, wie alt Henning Mankell sei, sieht man ihn vor sich sitzen: das offene Hemd über der mächtigen Brust gespannt, den großen Kopf mit dem vom Denken und Mitleiden zerfurchten Gesicht von einer Hand gestützt. Über der Stirn lodert ein Schopf weißgrauer Haarsträhnen, das Rotweinglas immer in Reichweite, ein schweigsamer Freund und verlässlicher Berater. Wie alt Mankell und sein Bild aus Wirklichkeit und Erinnerung inzwischen sein mögen? Jede Annahme gelebter Weisheit scheint plausibel. An diesem Sonntag feiert der schwedische Schriftsteller mit dem demonstrativ großen Herzen für Afrika erst seinen sechzigsten Geburtstag.
Das Bild, das man von ihm hat, scheint weiter zurückzureichen als Mankells Emanzipation vom Krimiautor - sein Werk umfasst mehr als vierzig Bände - zur öffentlichen Stimme. Wie kaum ein anderer Schriftsteller äußert er sich zu Missständen, vor allem dem heiklen Miteinander von Europa und Afrika. Wer so für Afrika eintritt, mit Logik und Unerbittlichkeit, wenn es um die Legitimität der Ansprüche gegenüber den ehemaligen Ausbeutern geht, erregt Aufsehen. Mankell versteht es, seine Anliegen zu inszenieren. Seit der Jugend schlafe er schlecht, gab er einmal zu Protokoll, weil ihn regelmäßig Albträume plagten. Die meisten handeln von Katastrophen und dem Ende der Welt; einige gerieten ihm zu literarischen Bestsellern.
Umweg übers Fernsehen
In Deutschland nahm seine Popularität den Umweg über das Fernsehen. In mehreren Serien wurden die Romane im Zentrum seines Werks um den übergewichtigen, an der Welt zweifelnden, bisweilen auch spektakulär verzweifelnden Kommissar Wallander verfilmt. Und wenn auch die Schauspieler, die den Beamten im Film verkörperten, keine unmittelbare Ähnlichkeit mit ihrem Schöpfer aufwiesen, verbanden sich doch über die Jahre die angenommenen und tatsächlichen Persönlichkeitsstränge Mankells immer enger miteinander.
Nicht zuletzt taugt das Bild zur touristischen Projektion. Inzwischen kann man organisierte Reisen nach Ystad buchen, dem Wohnort Wallanders, und durch Schonen, die südschwedische Provinz, in der die meisten Fälle spielen. Gerundet wird das Mankell-Bild durch das Moment des lockend Exotischen in seinem Leben. Früh fühlte er sich vom Aplomb Afrikas angezogen, seit den Achtzigern teilt er sein Leben auf zwischen Schweden und Maputo, der Hauptstadt von Moçambique. Dort gründete er das einzige Sprechtheater im Lande und leitet es seitdem.
Vor drei Jahren berief Bundespräsident Köhler ihn in die Expertenrunde seiner Initiative „Partnerschaft mit Afrika“, seitdem sitzt Mankell dabei, wenn führende Politiker über Afrika räsonieren. Der Kontinent geriet ihm immer wieder zur Romankulisse, freilich leiden die Menschen in seinen Büchern nicht anders unter den Widrigkeiten der eigenen Existenz als anderswo auch. Besonders sinnfällig wurde dies in „Kennedys Hirn“ (2005), einer atemlosen Jagd von Schweden nach Australien und von Barcelona nach Maputo, wo die Protagonistin ein Asyl für Aidskranke besucht. Wer Mankells Obsessionen kennenlernen will, findet in diesem Roman den Schlüssel zu seiner Welt.