28.02.2006 · Ein traurig schönes Märchen, und ich glaubte es in meiner Kindererinnerung noch schöner: Der Kritiker Hellmuth Karasek über den „Gevatter Tod“ von den Brüdern Grimm.
Das Märchen der Brüder Grimm spielt in der Zeit, als ein armer Mann noch zwölf Kinder hatte, für die er Tag und Nacht rackern muß, um sie durchzubringen. Als das dreizehnte Kind kommt (von der Mutter ist übrigens mit keinem Wort die Rede), sucht er in seiner Not einen Paten und findet den Tod, nachdem er Gott und Teufel gleichermaßen wegen ihrer Ungerechtigkeit als Gevattern abgelehnt hat.
Der Tod zeigt sich generös, auf seine Weise. Er läßt den Jungen, der sein Patenkind ist, zum Arzt ausbilden - und macht ihn zu einem Meister der Diagnose. Du mußt nur darauf achten, sagt der Tod, wenn du zu einem Kranken gerufen wirst, wo ich stehe. Siehst du mich am Kopfende, kannst du ihn heilen. Stehe ich zu seinen Füßen, so ist alle deine Kunst verloren.
Den Tod düpiert
Klar, daß der Arzt schnell zum berühmtesten Mediziner seiner Zeit wird. Und so wird er zum König gerufen, als dieser erkrankt ist. Aber es steht schlimm und der Tod zu Füßen des Herrschers. Da verfällt der Arzt auf eine List. Er läßt einfach das Bett umdrehen. Der Tod ist düpiert und sagt, das machst du mir nicht noch einmal! Doch als des Königs Tochter schwer erkrankt, der Tod wieder zu ihren Füßen erscheint, dreht der Arzt erneut das Bett und spielt Herr über Leben und Tod. Kein Wunder: Der Arzt sieht ihre große Schönheit, außerdem werden ihm für die Heilung ihre Hand und des Reiches Krone versprochen.
Doch der Tod sieht sich betrogen. Er holt den Arzt, zieht ihn in eine Höhle, in der unser aller Lebenslichte brennen, kürzer und länger, je nachdem. Als der Arzt ihn nach seinem Lebenslicht fragt, zeigt der Tod auf einen fast abgebrannten Stummel und tritt ihn trotz der Bitten des Patenkinds listig aus. Das ist ein traurig schönes Märchen, und ich glaubte es in meiner Kindererinnerung noch schöner. Da war der Arzt nämlich schon mit der Tochter vermählt, als sie krank wurde. Aber so ist es wahrer. Und vielleicht doch schöner.