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Helene Hegemanns „Axolotl Roadkill“ Glauben, lieben, hassen

Ein deutsches Romandebüt mit einer solchen Kraft hat es lange nicht gegeben: Helene Hegemanns „Axolotl Roadkill“ ist ein Buch der Revolte gegen die Welt der Erwachsenen.

© picture-alliance/ dpa Biologischer Sonderfall und Namensgeber von Hegemanns Roman: ein Axolotl

Alle zehn Jahre erscheint in Deutschland ein Buch, das nur die lesen sollten, die es angeht - Fausers „Rohstoff“, Goetz' „Irre“, Krachts „Faserland“. Am Anfang des letzten Jahrzehnts schwiegen die jungen, schwarzen Romantiker aber plötzlich, denn der Schock über den ausgebrochenen Twin-Tower-Krieg war größer als ihre Angst, in einer bösen, bürgerlichen Welt ein Erwachsener wie jeder andere Erwachsene werden zu müssen.

Aber jetzt ist wieder ein Roman da, vor dem sich jeder, der über dreißig ist, hüten sollte. Denn dieser Roman ist gemein, traurig, pervers, kitschig, blutrünstig, die Personen, die darin vorkommen, sind unsympathisch bis zum Erbrechen und vor lauter Jugend und Verzweiflung schöner als jeder Normalleser, dem die zivilisierte Buchhändlerin von nebenan diesen gefährlichen schwarzen Band als die Baby-Variante der „Feuchtgebiete“ empfehlen wird. Und dann hat dieses Buch auch noch eine sehr skandalöse Botschaft. Es ist, wie jede große Kunst, sehr moralisch, und wer immer sich von ihm getroffen fühlt, bekommt nach der Lektüre die gleichen Schmerzen wie ein ausgepeitschter Ehebrecher auf dem Marktplatz von Ghom.

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„Axolotl Roadkill“ von Helene Hegemann hat - auch das ist eine Sensation in der deutschen Literatur - sogar eine richtige Geschichte mit Konflikt, Katharsis und süßer Schlussmelancholie. Die große Heldin ist die kleine, sechzehnjährige Mifti, eine frühreife, drogensüchtige, sexbesessene Selbstmörderin im Vorbereitungsstadium, die auf der Suche nach Liebe und Tod durch ihr eigenes Leben und die Leben ihrer Freunde, Feinde und Verwandten wankt. Bis sie dreizehn war, lebte sie in Westdeutschland bei ihrer Mutter, in einer Gegend, die sich seit den geschichtslosen D-Mark-Jahren nicht mehr verändert hat, überall Laminatboden und mit dem Lineal asphaltierte Straßen, und wer nicht Millionär ist, ist entweder Alkoholiker oder arbeitslos oder beides. Miftis Mutter - „Sozialhilfeempfängerin, versoffen, trotz allem Chanel-Kostüm“ - sagt zu ihrer Tochter jedes Mal, nachdem sie sie halb tot geschlagen hat, dass sie nur das Beste für ihre Tochter will und bald sterben wird, und das tut sie dann auch, Mifti ist gerade dreizehn. Noch in ihren letzten Sekunden sieht sie die Tochter so hasserfüllt an wie ihren schlimmsten Feind.

Am liebsten wäre sie gar nicht geboren worden

Jetzt lebt Mifti in Berlin, mit ihren Halbgeschwistern Annika und Edmond, in einer tollen, großen, verwahrlosten Wohnung in Mitte, in der man eher eine angebrochene Ritalinschachtel findet als etwas zum Essen. Natürlich gibt es eine Putzfrau und einen egozentrischen ADS-Vater, der um die Ecke in der Auguststraße mit seiner jungen Freundin wohnt und irgendwas mit Film macht und Feigen im Speckmantel kocht, natürlich prügeln sich die ewig hungrigen, rauchenden, betrunkenen Geschwister, wenn sie nicht wie kleine Kinder zusammen baden und in Babysprache über die letzte und nächste Party reden, und natürlich wird in der neuen Kommune 1 die Notwendigkeit der totalen Körperrasur genauso ernst diskutiert wie Foucault oder seltsame deutsche Elektromusik. Sie wisse, notiert Mifti in ihrem Tagebuch, das dieser Roman ist, den wir eingeweihten Zwanzigjährigen und unerschrockenen Thirtysomethings gerade lesen, „dass das hier, also dieser aus unstrukturierten Tagesabläufen und Schulverweigerung und verschwitzten Bettlaken zusammengesetzte Müllberg, die beste Zeit meines Lebens war“. Aber was ist dann das Problem?

Das Problem ist, dass Mifti - wie fast jeder andere halbwegs junge Mensch in „Axolotl Roadkill“ - am liebsten gar nicht geboren worden oder zumindest längst wieder tot wäre und dass daran die Erwachsenen schuld sind und dass man das schon nach ein paar Hegemann-Seiten glaubt, fühlt, hasst. Denn die Aufrichtigkeit, mit der Mifti und die anderen sich selbst zerstören, hat eine Schönheit, eine Poesie, die möglicherweise mit der Wirklichkeit zu tun hat - aber vor allem mit dem ungeheuren literarischen Talent von Helene Hegemann.

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Veröffentlicht: 23.01.2010, 19:44 Uhr