Gibt es sozialistische Märchen? Eine Menge. Gibt es kapitalistische Märchen? Kaum; nur Wirklichkeiten. Die beschreibt der wunderbare Oscar Wilde in seinem bösen Märchen vom ergebenen Freund - dem Gegenmärchen zu meinem anderen Lieblingsmärchen vom „Glücklichen Prinzen“, das von Freundschaft, vom beglückenden Helfen und seinem traurigen Ende für die Helfer handelt, die sich ganz geben.
Auch in „Der ergebene Freund“ geht es um Freundschaft und ums Helfen, aber um ein Helfen, das böse ausgenutzt wird, und es wird ausdrücklich erzählt als eine moralische Geschichte: Da kommt der große dicke Müller immer dann zum kleinen Hans, wenn er etwas von ihm will, wissend, daß der es tun wird, weil der kleine Hans ihm ergeben ist und der dicke Müller diese Ergebenheit schamlos ausnutzt.
Jedem seine eigene Moral
Denn der kleine Hans wünscht sich nichts sehnlicher als einen Freund, und er empfindet Freundschaft als ein Verschenken, als ein sich Geben. Und der ichsüchtige dicke Müller definiert Freundschaft als Nehmen - angeblich um dem Gebenden (s)eine Freude zu machen (eine überaus „nützliche“ Ideologie). Doch daraus kann nur dumpfe Abhängigkeit entstehen, nie Freundschaft. Denn: Freundschaft ist keine Einbahnstraße.
Und so geht jeder in diesem Märchen denselben Weg seiner eigenen, aber immer vom anderen und auf den anderen bezogenen Moral. Der kleine Hans stirbt schließlich für den Müller, der ihn noch der letzten Habseligkeit beraubt; denn der kleine Hans ist unentwegt dankbar, nur weil der dicke Müller ihm versprochen hat, ihm seinen letzten gänzlich abgewrackten Karren zu vermachen. Funktioniert so die Welt? Nein - möchten wir sagen. Ja - müssen die meisten erleben.