20.06.2006 · Gegen die Zwänge von Gesellschaft und Familie war Heinrich Mann 1939 dem Ruf der Liebe gefolgt und hatte die Bardame Nelly Kröger geheiratet. Jetzt setzt sein Enkel Saranam Ludvik Mann sein Werk in einem Tantra-Sex-Studio fort.
Von Uta RüenauverVon Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt „Diamond-Lotus-Institut“ ist an der Tür zu lesen. Saranam Ludvik Mann, der Sohn von Heinrich Manns Tochter Leonie, steht barfüßig im engen Flur einer Erdgeschoßwohnung in Berlin-Schöneberg. Eine türkise Flatterhose trägt er, dazu ein luftiges, leicht transparentes Hemd in angedeutetem Leopardenmuster.
Er ist ein eher kleiner Mann. Seine Körperhaltung wirkt etwas gebeugt, als trüge er schwer an den langen, schwarzen, reichlich geölten Locken. Ein südländischer Typ mit dunklen Augen und bronzefarbener Haut, dem seine fast fünfzig Jahre nicht sofort anzusehen sind. So ungefähr stellt man sich den vom Großvater literarisch verewigten Henri Quatre vor, den guten, volkstümlichen König aus den Pyrenäen, der die Frauen liebte und Frankreich befriedete.
„Lust und Liebe“, das ist sein Lebensthema
An den Wänden neben Saranam Ludvik Mann hängen im schummrigen Licht Abbildungen von alten buddhistischen Steinreliefs, darauf Männer und Frauen mit buddhistisch glücklichen Gesichtern in sexueller Interaktion. „Im Tantra geht es um die Verehrung des Geschlechtlichen“, erklärt der Enkel von Heinrich Mann. „Verehre den Phallus wie einen Zauberstab, verehre die Vagina wie eine Blüte!“ Auf einem kleinen Bord informieren Flyer über das Institutsangebot: erotisch-tantrische Massage, Shakti-Tantra, Hautgeflüster, Alchimie des Eros, Lust- und Orgasmustraining, Healing Drumming. Daneben eine Vitrine mit Videos über die Kunst der sexuellen Ekstase. „Ohne Wurzeln keine Blüte“ heißt ein Büchlein, das zwischen Flacons mit tantrischen Essenzen und Massage-Ölen gegenüber dem Eingang zum großen Seminarraum ausliegt.
„Lust und Liebe“, das sei sein Lebensthema, immer schon, schwärmt Saranam Ludvik Mann. Er setzt sich auf eins der Schafsfelle, die überall auf dem roten Teppich verteilt sind. Auf ihnen kommt es während der Workshops vermutlich zu den tantrischen Vereinigungen. Ein riesiger Phallus aus Stein steht im Raum. Sechs überlebensgroße Spiegel hängen an den Wänden. Auf einen von ihnen, den ein schwerer Messingrahmen trägt, sind in dicken schwarzen Buchstaben die Worte „Frust“ und „Lust“ geschrieben, dazwischen ein Sinnspruch in Sanskrit. An einer Längsseite thront ein golden glänzender Buddha. Zu seiner Linken eine weitgehend unbekleidete Frauenfigur: Shakti, die Verkörperung der Weiblichkeit. Trommeln und ein großer Gong betonen die rituelle Aura des Ortes.
Was hätte der Großvater davon gehalten?
Saranam Ludvik Mann hat die Beine zum Lotussitz verschränkt und knibbelt an seinen nackten Füßen. Er sieht sich als Idealist und Humanist, als Nachfolger seines Großvaters im Kampf gegen sexuelle Doppelmoral und für die Freiheit. „Liebende und gefühlvolle Menschen, vereinigt euch!, würde ich mit ihm sagen. Vereinigt euch, seid herzlich zueinander, erlaubt euch, miteinander ins Bett zu gehen!“ Befreien will der Enkel die Menschheit aus ihrer sinnlichen und sexuellen Kümmernis. Pure Freude zu werden, das sei das Lebensziel, und wann bitte ist die Freude größer als beim Orgasmus?
Kennengelernt hat Saranam Ludvik Mann seinen Großvater nicht mehr. Als er 1956 in Prag geboren wurde, war der Schriftsteller bereits sechs Jahre tot. Der Enkel spürt aber eine große Nähe zu Heinrich, seit er sich mit Tantra beschäftigt. „Wenn mein Großvater heute gelebt hätte, wäre er vielleicht den gleichen Weg gegangen wie ich. Ich fühle mich als das Familienmitglied, das seine Gedanken fortsetzt.“
Wie die Bonobo-Äffchen
Beim Sprechen lächelt Saranam Ludvik Mann ein bißchen so wie die steinernen buddhistischen Vorfahren auf den Bildern im Flur. Sein Tonfall erinnert an einen Prediger, der vom Nahen des Messias kündet. „Die Menschheit entwickelt sich zur Liebe hin“, davon ist er überzeugt. Er weiß sich als Motor dieses evolutionären Prozesses, indem er die Menschen lehrt, ihre Sexualität aus den Fesseln der zivilisatorischen Zurichtung zu befreien. Und so vereinigen sie sich, die liebeshungrigen Singles und die ermüdeten Paare, ausgestattet mit ein paar hundert Euro und einem negativen HIV-Test, um mehrere Seminartage lang auf den Schafsfellen im Institut die tantrische Utopie von der grenzenlosen Liebe zu leben: Frauen und Männer mit Frauen und Männern, Junge mit Alten, Ledige mit Verheirateten und alle zusammen.
„Unser Modell“, sagt er, „sind die Bonobo-Äffchen, die sich sehr viel Zärtlichkeit geben und den ganzen Tag über Sex haben.“ Aber Moment mal . . . Saranam läßt sich nicht unterbrechen. „Und die Wölfe, die eigentlich Eigenbrötler sind wie die Menschen, aber in Rudeln jagen müssen. Sie würden sich totbeißen, wenn sie nicht ständig miteinander schmusen würden, egal wer mit wem.“ Er selbst lebt in einer tantrischen Gemeinschaft aus acht Erwachsenen und fünf Kindern gleich über dem Institut. Suriya ist seit fünf Jahren seine Partnerin. Sie ist Malerin und stellt den Geschlechtsakt in Acryl dar. Außerdem gehört sie zusammen mit Saranam und zwei weiteren Mitgliedern der Lebensgemeinschaft, Andro und Devatara, zur Leitung des Tantra-Instituts.
Die Zeiten waren eben nicht danach
„Das hier ist meine family“, sagt Saranam Ludvik Mann mit seinem friedvollen Lächeln auf den Lippen, „und wenn meine Eltern noch lebten, würde es mich mit einem großen Glücksgefühl erfüllen, sie in meine Lebensgemeinschaft aufzunehmen.“ Sehr tolerant seien sie gewesen, wenn auch nicht sexuell befreit. Mutter Leonie, die er noch bis zu ihrem Tod 1986 in Berlin pflegte, konnte ihre sinnlichen und künstlerischen Potentiale leider nicht voll entfalten. Die Zeiten waren eben nicht danach.
Sie war vierzehn, als sich Heinrich Mann und ihre Mutter, die Schauspielerin Maria Kanova, 1930 scheiden ließen. Der Schriftsteller floh vor den Nazis nach Südfrankreich, Mutter und Tochter nach Prag. 1939 kamen die beiden Frauen in das Konzentrationslager Theresienstadt. Maria Kanova starb kurz nach dem Krieg an den Folgen der Haft. Leonie heiratete den tschechischen Schriftsteller Ludvik Askenasy, der im Krieg in der Roten Armee gegen die Deutschen gekämpft hatte. Nach dem Einmarsch der Sowjets in Prag 1968 emigrierten sie mit ihren Söhnen Ludvik und Jindrich nach München. Saranams acht Jahre älterer Bruder lebt heute als TV-Regisseur und Drehbuchautor in Prag.
Jetzt erscheint Suriya an der Tür, eine hübsche, zierliche Frau in den Vierzigern, um Saranam zu einem sexualtherapeutischen Gespräch zu rufen. Sie hat gerade einem Klienten mit geschlechtlichen Schwierigkeiten als „Surrogatpartnerin“ gedient, und Saranam ist für die fachliche Nachbearbeitung zuständig. Er hat, als er sich vor zwanzig Jahren für Tantra zu interessieren begann, eine dreijährige Ausbildung zum Sexualtherapeuten absolviert.
Die atlantische Liebesinsel
So zwei-, dreimal am Tag vereinige er sich mit Suriya, erzählt Saranam Ludvik Mann, als er nach der sexualtherapeutischen Unterbrechung wieder auf dem Schafsfell Platz genommen hat. Hin und wieder verbringen sie auch eine Nacht zu dritt. Damit hat er seit seiner Jugend Erfahrung, als sich seine erste große Liebe in seinen besten Freund verliebte und er daraufhin eine Dreierbeziehung vorschlug. Er wirkt nun, da er nicht mehr lächelt, etwas müde. Draußen hat es angefangen zu regnen. „Die Liebe“, erklärt er, „regt den Hormoncocktail im Körper so an, daß alle Gehirnschaltkreise erleuchtet werden.“
Saranam Ludvik Mann ist stolz auf seinen Großvater, der dem Ruf der Liebe folgte und 1939 gegen die Zwänge von Gesellschaft und Familie die Bardame Nelly Kröger ehelichte. „Wunderbare Inseln der Lust“ hatte die Herzogin von Assy in Heinrich Manns Romantrilogie „Die Göttinnen“ am Ende ihres tragischen Lebens ersehnt. Für Saranam Ludvik Mann ist das Paradies kein utopischer Ort. Vor ein paar Jahren hat er zusammen mit seiner Tantra-Gemeinschaft eine kleine Insel mitten im Atlantik gekauft. In Brasilien, der Heimat seiner Urgroßmutter Julia da Silva Bruhns, die im poetischen Kosmos von Thomas und Heinrich Mann das Vorbild des dunklen, künstlerischen, sinnlich-erotischen und ewig sehnenden Frauentyps lieferte.
„Tao-Oasis“ heißt das Insel-Projekt. Hier sollen Menschen im Rhythmus der Gezeiten Lust und Liebe leben. Saranam Ludvik Mann träumt von einem tantrischen Wellness-Eiland. Die Infrastruktur befindet sich noch im Aufbau. Strom gibt es bislang nur aus einem großen Dieselgenerator. Ein Teil des Geldes, das Heinrich Manns Enkel am Werk des Großvaters verdient - er und sein Bruder Jindrich sind alleinige Rechteinhaber -, geht in die Erschließung der Liebesinsel.
Natürlich fließt Mannsches Künstlerblut in seinen Adern
Ein paar Monate im Jahr lebt Mann auf der Ilha Fortaleza. Wenn die Bauarbeiten und die Liebe ihm Zeit lassen, schreibt er an einem Roman. Natürlich fließt Mannsches Künstlerblut in seinen Adern. Kunst und Leben aber hält er für keinen Widerspruch. Ganz anders als Thomas Mann. „Meinem Großonkel stehe ich mit Vorsicht gegenüber“, sagt Saranam Ludvik Mann. Das versteht sich von selbst. Schließlich hatte Thomas nach der Lektüre von Heinrichs Roman „Die Jagd nach Liebe“ dem Bruder „Brunst in Permanenz“ vorgeworfen. „Mein Großonkel war ein wunderbar poetischer Dichter von Gemütsstimmungen“, findet Heinrichs Enkel und blickt auf seine Füße, „aber selbst der geistig so filigrane ,Zauberberg' enthält letztlich doch nur die Botschaft: nach jeder Lustanwandlung ein Blutsturz.“
Saranam plant, auf der Insel in Brasilien eine „Stiftung zur Förderung erotischer Kultur“ zu gründen, die er seinem Großvater widmen möchte. „Die Stiftung soll alles Sinnliche erforschen für eine bessere Welt.“ Ihm schwebt eine große interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Künstlern, Architekten, Wissenschaftlern und anderen kreativen Menschen vor. Zum Beispiel, so kann er sich vorstellen, könnten mit den neuesten neurowissenschaftlichen Methoden die heilsamen Wirkungen von sexuellen Gruppensituationen auf den menschlichen Organismus untersucht werden.
Mann weiß, an welchem Maßstab man ihn messen wird
Sein Roman handelt von einem Journalisten, der seiner Frau zu Weihnachten eine Liebesnacht mit zehn Männern schenken will. Mann weiß, an welchem Maßstab man ihn messen wird. Das Manuskript will er dem Mannschen Hausverlag S. Fischer erst anbieten, wenn es den Vergleich mit den Werken von Großvater und Großonkel standhalten kann. Er hoffe, sagt er entschlossen, das Buch während des nächsten Aufenthalts auf der Liebesinsel zu beenden.
Saranam Ludvik Mann hat lange geredet. Nun erhebt er sich aus dem Lotussitz und holt aus dem Nebenzimmer eine CD mit Liedern, die er selbst komponiert und getextet hat. „Kinder der Sterne“ heißt sie. In einem Stück singt er: „Wenn der Tag anbricht, während wir uns lieben, im hellen Sonnenlicht, singen wir die Lieder, die unser Herz ersinnt, in der dunklen Nacht, didadadadodo.“