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Heinrich Detering : Mein Lieblingsbuch: „Die Bibel“

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Das Buch der Bücher Bild: Deutsche Bibelgesellschaft

Dieses Buch eine Menschheitsbibliothek. Das eine Wort artikuliert sich hier in sehr vielen Stimmen, die manchmal sanft harmonieren, sich manchmal widersprechen bis zur grellen Dissonanz.

          Sie werden lachen? Ach nein, Brechts Antwort auf die Frage nach seinem Lieblingsbuch ist schon zu oft zitiert worden, als daß die Nennung der Bibel noch überraschend wäre. Aber nach all dem Überraschenden der letzten Wochen macht es vielleicht nichts, unoriginell und wahrheitsgemäß zu antworten. Denn es gibt kein Buch, mit dem ich seit so langer Zeit so regelmäßig umgehe, das in demselben Maße zum Teil meines Lebens geworden ist wie dies.

          Das Buch der Bücher - natürlich erinnert der Genitiv der Überbietung daran, daß dieses hier kaum in derselben Weise ein "Lieblingsbuch" sein kann wie Stevensons "Schatzinsel" oder Dylans Songbook, die ich auch gern genannt hätte, oder der "Josephsroman", der schon genannt worden ist. Aber er besagt doch, beim Wort genommen, auch, daß dieses Buch eine Menschheitsbibliothek ist, daß das eine Wort sich hier artikuliert in sehr vielen Stimmen, die manchmal sanft harmonieren, sich manchmal widersprechen bis zur grellen Dissonanz, die einander ins Wort fallen und sich den Platz streitig machen.

          Schönes Skandalon

          Immer erzählt sich die eine Geschichte in mindestens zwei Geschichten, von den zwei Schöpfungsberichten im ersten Kapitel bis zu den konkurrierenden Apokalypsen am Schluß. Daß gar das eine Evangelium in vier Evangelien erscheint, ist so selbstverständlich geworden, daß man vergessen hat, wie verblüffend es sein könnte: das schöne Skandalon einer heiligen Polyphonie.

          Es sind Stimmen aus fünf, sechs Jahrtausenden, die hier zu Wort kommen; Gottesgeschichte und Menschheitsgedächtnis, Offenbarung und Widerrede. Hiobs Empörung und Kohelets stoische Resignation, die erotische Leidenschaft des Hohenlieds und die fromme der Psalmen, die rätselhafte Einfachheit der Gleichnisse und die Paradoxien des Römerbriefs, die Gerichtsvisionen der Propheten und der Trost Matthäi am letzten: es ist ein Stimmengewirr ohnegleichen, im weitesten denkbaren Klangraum, und irgendwie trotzdem immer nur das eine Wort.

          Und eine Summe der Literatur sowieso, mitsamt der noch kommenden, vom "Faust" und dem Josephsroman bis zum hinkenden Teufel John Silver und, ja, bis zu Slow Train Coming auch. Eigentlich fehlt hier überhaupt nichts, ist alles da, und da ist keine Stelle, die dich nicht sieht.

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.08.2004, Nr. 179 / Seite 31

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