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100 Jahre Heinrich Böll : Mitten ins Herz

Moralisch blieb sich Heinrich Böll immer treu: Während des Kriegs hatte er auf eigene Gefahr zahlreiche Briefe und Tagebuch geschrieben. Bild: dpa

Moralisch ist er sich stets treu geblieben: Vor hundert Jahren wurde der Schriftsteller Heinrich Böll geboren.

          Erzählen ist eine gefährliche Tätigkeit, im ,Erzähler‘ verbirgt sich immer der Bramarbaseur, der Angeber, der ja doch, genau betrachtet, immer ein Held ist oder doch wenigstens ein Dulder.“ Das schrieb Heinrich Böll 1984, ein Jahr vor seinem Tod, in einem Brief an seine beiden noch lebenden Söhne. Er schilderte darin, wie er das Kriegsende erlebt hatte, den Ausgangspunkt all seines literarischen Schaffens. Freilich hatte er schon vor dem Krieg geschrieben, während des Germanistikstudiums sogar einen Roman. Der blieb zeitlebens ungedruckt – auch, weil seinem Verfasser die Elementarerfahrung der deutschen Schuld noch fehlte.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Ein Vierteljahrhundert später sollte Böll rückblickend feststellen: „Man hat das noch nicht begriffen, was es bedeutete, im Jahr 1945 auch nur eine halbe Seite deutscher Prosa zu schreiben.“ Während des Kriegs hatte er zahlreiche Briefe und Tagebuch geschrieben. Erstere sind postum im Jahr 2001 erschienen, Letzteres, nur teilweise erhalten, sogar jetzt erst, zum hundertsten Geburtstag des Schriftstellers am 21. Dezember.

          Heinrich Böll war der erste deutsche Literaturnobelpreisträger der Nachkriegszeit. Die beiden anderen deutschsprachigen Preisträger vor ihm, Hermann Hesse und Nelly Sachs, waren Emigranten, wie nach ihm auch Elias Canetti. Erst 1999 fiel die Wahl auf Günter Grass. Dass Böll 1972 geehrt wurde, lag daran, dass er konsequenter als Grass und alle anderen Schriftsteller der Bundesrepublik – geschweige denn der DDR – eine Abkehr vom klassischen Erzählen insofern vollzogen hatte. Tatsächlich gibt es kaum klassisch-heroische Figuren in seinen Büchern.

          Galionsfigur einer linksalternativen Politik

          Sein Thema waren die Abgeschobenen der Gesellschaft, so in „Und sagte kein einziges Wort“, „Ansichten eines Clowns“, „Ende einer Dienstfahrt“ und vor allem „Gruppenbild mit Dame“. Wenn es einen Sammelbegriff für diese Prosa gibt, dann den des Sozialromans. Dieses Genre erklärt zugleich die Schwierigkeit für Bölls Werk, heute noch Leser zu begeistern: Noch ist uns diese Epoche nicht historisch genug, um in der sie kommentierenden Literatur eine zweite Wahrheit neben der Ereignisgeschichte zu erkennen. Deshalb erhalten auch Romane über das Leben in der DDR bislang mehr Aufmerksamkeit als deren Äquivalente mit westdeutschen Geschichten.

          Heinrich Böll (links, mit Baskenmütze) in Mutlangen.

          Daher ist Heinrich Böll heute eher durch seine Satiren der fünfziger Jahre, vor allem die aus dem Band „Doktor Murkes gesammeltes Schweigen“, und durch seine politischen Initiativen der siebziger und achtziger Jahre in Erinnerung. Die Gründung der den Grünen nahestehenden Heinrich-Böll-Stiftung im Jahr 1997 hat den Schriftsteller dann endgültig als Galionsfigur einer linksalternativen Politik etabliert, was die Rezeption seines literarischen Werks überschattet. Es sind die öffentlichen Proteste Bölls gegen die Notstandsgesetzgebung von 1968, die Hysterie im Umgang mit dem Terrorismus der frühen siebziger Jahre oder den Nato-Doppelbeschluss von 1979, die sein Bild bis heute prägen – auch ganz wörtlich wie im Fall der Szene, die Barbara Klemm für diese Zeitung 1983 bei der Blockade der Raketenbasis von Mutlangen fotografiert hat. Heinrich Böll sitzt unter all den anderen Demonstranten wie ein Heiliger von seiner eigenen Aureole beleuchtet.

          Was die deutsche Gegenwart ins Herz trifft

          Vergessen über die scheinbar einseitige Parteinahme Bölls wird, dass er als Präsident des internationalen PEN ständig auf die Missachtung der Menschenrechte und die Knebelung der Meinungsfreiheit im Ostblock aufmerksam gemacht hat. Alexander Solschenizyn und Lew Kopelew, die beiden prominentesten sowjetischen Dissidenten, suchten nach ihrer jeweiligen Ausreise Zuflucht bei Böll.

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          Moralisch ist er sich stets treu geblieben. Und auf sein Verhältnis zum Linksterrorismus wirft ein erst vor zwei Wochen in der Wochenzeitung „Die Zeit“ veröffentlichter privater Brief aus dem Jahr 1972 an den inhaftierten Mitbegründer der RAF Horst Mahler neues, aber vertrautes Licht.

          Mahler hatte zuvor in einem Zeitungsartikel Bölls Plädoyer für eine bedächtige Auseinandersetzung mit den gesellschaftspolitischen Ursachen der RAF als Produkt einer „schönen Seele“ geschmäht, die nicht zu Taten bereit sei. Böll antwortete ihm: „Was unsere Sorge hervorruft, kann mit einem Wort bezeichnet werden. Und dieses Wort ist – Gewalttaten.“ Das war die klare Absage des Bürgers Böll selbst an jede „klammheimliche Sympathie“ für den Terrorismus, wie sie ihm damals und später immer wieder unterstellt wurde. Für einen offenen Brief in eigener Sache war er sich zu fein; der gläubige Katholik Böll sah das Martyrium als akzeptablen Preis der Wahrheit an. Der Erzähler als Dulder.

          Sein Roman „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, 1974 publiziert, war dann die Reaktion des Schriftstellers auf Linksterrorismus und Staatsräson. Zwischen den kollektiven Wahnsystemen von Extremisten beider Seiten wird die Protagonistin zerrieben und dadurch radikalisiert: Bölls einzige Heldin im klassischen Sinne, auch im Sinne ihrer Hybris. Marcel Reich-Ranicki urteilte damals: „Was Böll erzählt, traf und trifft die deutsche Gegenwart mitten ins Herz.“ Das ist die einzige Gewalt, die ein Schriftsteller oder ein Bürger ausüben darf. Nicht nur einer wie Böll.

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