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Veröffentlicht: 18.02.2016, 19:56 Uhr

„Macht“ von Karen Duve Hauptsache, gebrüllt

„Fifty Shades of Grey“ trifft auf Natascha Kampusch: Warum Karen Duves neuer Roman „Macht“ einem so wahnsinnig auf die Nerven geht.

von
© Kerstin Ahlrichs Die Schriftstellerin Karen Duve

Vor ungefähr zwei Jahren, Karen Duve saß schon an ihrem neuen Roman „Macht“, der jetzt erscheint, war sie ganz besonders wütend. Sie war so wütend, dass sie die Arbeit an ihrem Buch unterbrach, um erst mal einen Essay zu schreiben über das, was ihr gerade durch den Kopf ging. Der Roman sollte in der Zukunft spielen, im Jahr 2031. Das aber, was sie gerade an Statistiken und Literatur über Manager und Chefetagen gelesen hatte, betraf die Gegenwart. Da musste sie sofort eingreifen, so schnell wie möglich. Sie schrieb „Warum die Sache schiefgeht – Wie Egoisten, Hohlköpfe und Psychopathen uns um die Zukunft bringen“ und ging mit ihren Thesen in die Talkshows. Sie erklärte, dass die Zivilisation wegen der Klima-, Energie- und Flüchtlingskrisen zusammenbreche, dies aber keinen interessiere, vor allem nicht die sogenannten Entscheider. Männer, die sich an „jahrtausendealten Schimpansenregeln der Herrschaft und Unterdrückung“ orientierten. Egoisten, die nicht deswegen Karriere gemacht hätten, weil sie intelligenter, kompetenter oder sozialer waren als andere, sondern „gemeiner, aggressiver und schamloser“.

Aggressiv und bedrohlich

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In der Sendung „3 nach 9“ guckte der Moderator und Chefredakteur der „Zeit“, Giovanni di Lorenzo, der ja immerhin bekannt dafür ist, Frauen in Führungspositionen geholt zu haben, sie etwas ungläubig an und fragte: „Haben Sie schon mal in einer Firma oder einer Behörde gearbeitet und Chefs erlebt?“ Und Karen Duve sagte: „Ja.“ Sie habe mal in einer Behörde gearbeitet, in einem Finanzamt. Auf ihre dortigen Chefs hätten ihre Thesen aber eigentlich nicht zugetroffen. Sie seien sehr nett gewesen. Sie hätte aber mal in einer Bank gelesen, wo sie einen Preis bekommen habe, und sei da „mit der ganzen Naivität des freischaffenden Künstlers“ in einen Raum gegangen, in dem diese ganzen Chefs und Manager saßen. Und das habe sich genauso angefühlt wie ihr Zusammentreffen als Hamburger Taxifahrerin mit Zuhältern in der Kiezkneipe „Ritze“ in St.Pauli. „Das war eine aggressive, bedrohliche Atmosphäre. Mir sträubten sich regelrecht die Haare.“ „Aggressiv gegen Sie?“, fragte di Lorenzo. Ja, man habe ihr zu verstehen gegeben, dass sie da nicht hingehöre.

Das war zwar nur so ein Gefühl, aber egal. So plakativ und unanalytisch wie ihr Talkshowauftritt war der ganze Essay, der übrigens keine feministische Streitschrift war. Karen Duve interessierte sich viel weniger für die Angelegenheiten der Frauen als für die offenbar genetisch bösen Männer. Aber er war erfolgreich. Er war in einem Stil geschrieben, mit dem Duve gewissermaßen zurückschrie. Sie stellt fest: Richard Fuld, der letzte Vorstandschef von Lehmann Brothers, brüllte gern und häufig Untergebene an, weswegen er den Spitznamen „Gorilla“ bekam. Er reagierte darauf, indem er in seinem Büro einen ausgestopften Gorilla aufstellen ließ. Das konnte Karen Duve auch. Sie schrieb ein möglichst lautes Buch mit Affen auf dem Cover – und landete damit einen Bestseller.

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Dann arbeitete sie weiter an „Macht“. Sie war gerade gut in Fahrt. Und weil sie diesen Roman gar nicht aus der Perspektive einer Frau schrieb, sondern aus der eines Mannes, eines Psychopathen noch dazu, konnte sie den Ton noch mehr aufdrehen, Wörter wie „Hackfresse“, „Weiberschmack“ und, ja, „lackierte Fotzenpfoten“ schreiben, dieses ganze breitbeinige Machogetue also mal so richtig auskosten – auf leider mehr als vierhundert Seiten.

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