05.07.2007 · Im letzten Harry-Potter-Band gibt es zwei Tote zu beklagen. Auch Englands Buchhändler haben keinen Grund zum Strahlen: Sie rechnen mit einem Riesenverlust - trotz großer Nachfrage. Claudia Bröll berichtet aus London.
Von Claudia Bröll, LondonEs kommt nicht oft vor, dass Buchläden ihren Kunden einen Seelsorgeservice anbieten, damit sie ein Buch besser verarbeiten können. Die britische Handelskette Waterstone's jedoch scheint um das Wohl der Leser ernsthaft besorgt, wenn der siebte und letzte Band von Harry Potter am 21. Juli auf den Markt kommt. „Dies könnte ein ähnliches Ereignis werden wie die Trennung von ,Take That'“, sagt eine Unternehmenssprecherin, „es wird eine Menge aufgeregter Teenager geben, denen wir mit einer Telefonhotline helfen wollen.“ Die mittlerweile marketingversierte Autorin Joanne K. Rowling hatte angekündigt, dass zwei Charaktere in dem Buch sterben werden. Seitdem befürchten Potter-Fans für ihren Helden das Schlimmste - und haben den Titel millionenfach vorbestellt.
Mit dem siebten Band erreicht die größte Erfolgsgeschichte in der internationalen Buchbranche voraussichtlich ihren Höhepunkt. Die britische Post bringt zu dem Anlass sogar Sonderbriefmarken heraus, auf denen die Titelseiten der sieben Harry-Potter-Bände abgebildet sind. Ob „Harry Potter and the Deathly Hallows“ auch in wirtschaftlicher Hinsicht einen glänzenden Schlusspunkt bildet, gilt jedoch nicht als ausgemachte Sache. Der britische Buchhandel jammert. Einige nennen den neuen Band bereits „Harry Potter und der Albtraum des Handels“ - trotz der Rekordorders. Auch beim Harry-Potter-Verlag Bloomsbury blickt man mit Bangen in die Zukunft. Der Verlust des kleinen Magiers wird hart wettzumachen sein. Die Investoren wenden sich ab.
Rowling gehört zu den 150 reichsten Briten
Insgesamt sind 325 Millionen Harry-Potter-Bücher auf der ganzen Welt verkauft worden. Die bisher vier Harry-Potter-Filme - die Verfilmung des fünften Teils kommt am 12. Juli in die deutschen Kinos - erzielten einen Umsatz von mehr als 2,6 Milliarden Euro an den Kinokassen. Bis 2010 können die Produzenten mit einem andauernden Geldstrom rechnen. Dann sollen sämtliche Abenteuer im Internat Hogwarts auf die Leinwand gebracht sein.
Selbst Barry Cunningham, damals bei Bloomsbury, hatte nicht mit einer solchen Wirkung gerechnet, als er 1997 das Manuskript einer nervösen alleinerziehenden Mutter in Händen hielt und entschied, dem Erstlingswerk eine Chance zu geben - mit dem gutgemeinten Hinweis an die Autorin, dass sie vermutlich kein Geld damit verdienen werde. Rowling gehört mit einem Vermögen von umgerechnet knapp 820 Millionen Euro heute zu den 150 reichsten Bürgern Großbritanniens. Der bis dahin kleine Verlag Bloomsbury wurde zu einem international bekannten Verlagskonzern. Den Filmdarstellern, allen voran Hauptdarsteller Daniel Radcliffe, bescherte der Zauberer ein zweistelliges Millionenvermögen.
„The End of Harry Potter?“
Noch hat die Zauberkraft des Magiers nicht nachgelassen. Wenige Wochen vor dem Erscheinungstermin des letzten Bandes vermeldet der Internetbuchhändler Amazon mehr als eine Million Vorbestellungen. Eine ähnliche Summe nennt die amerikanische Kette Barnes & Nobles. Nach Angaben von Bloomsbury liegen die Bestellungen aus dem Ausland allein für die englischsprachige Ausgabe schon jetzt 17 Prozent höher als die Gesamtbestellungen für das vorherige Buch.
Von dem Wirbel profitiert auch die Konkurrenz. Die Potter-Fangemeinde konsumiert in der langen Wartezeit offensichtlich alles an Lesestoff, was über den Helden zu haben ist. Etwa ein Dutzend Neuerscheinungen sind kürzlich in die britischen Buchläden gekommen, darunter Titel wie „The End of Harry Potter?“, „The Unauthorised Harry Potter“ oder „Muggles and Magic: An Unofficial Guide“. Sie haben nur eine Frage zum Inhalt: Was wird aus Harry? Eine Antwort kann freilich keiner geben, trotzdem läuft das Geschäft. „Wir alle spekulieren gerne über das Ende von Geschichten, daher ist es verständlich, dass mit dem ungewissen Ausgang der Harry-Potter-Serie Geld gemacht wird“, sagt die Kinderbuchkritikerin Nicolette Jones. Sicherlich werde dieses Geschäft am 21. Juli abrupt abbrechen. Danach aber drängten Nachbetrachtungen und wissenschaftliche Studien zu Harry Potter auf den Markt.
Fast die Hälfte des empfohlenen Ladenpreises
Dennoch schütteln britische Buchhändler derzeit sorgenvoll den Kopf, wenn sie auf den neuesten Potter angesprochen werden. Nicht von einem der größten Geschäftserfolge, sondern von einem der größten Verlustbringer ist die Rede. Der Grund liegt im harten Preiswettbewerb, den vor allem die Supermärkte auf der Insel anheizen. Im Gegensatz zu Deutschland sind die Preise auf dem britischen Buchmarkt nicht reguliert. Der Supermarkt Asda kündigte an, den letzten Band für 8,87 Pfund (13,30 Euro), fast die Hälfte des empfohlenen Ladenpreises von 17,99 Pfund, anzubieten.
Amazon und Waterstone's, die HMV gehören, ziehen mit 8,99 Pfund mit. „Wir müssen Bloomsbury 10,74 Pfund bezahlen, daher können wir es uns nicht leisten, das Buch zum gleichen Preis wie Asda zu verkaufen“, klagt die Besitzerin eines kleinen Buchladens in Norfolk, „Harry Potter nicht im Angebot zu haben, können wir uns aber auch nicht leisten.“ Auch der Chef von Amazon gestand Investoren gegenüber vor kurzem ein, dass mit dem lange erwarteten Bestseller vermutlich kein Gewinn zu machen sein wird.
Harry Potter als Ausnahmeerscheinung
Währenddessen sucht man bei Bloomsbury fieberhaft nach neuen Kassenschlagern für die Zeit nach Potter. Einen Vorgeschmack, was die Zukunft bringen könnte, lieferte das vergangene Jahr. 2006 erschien kein neuer Potter-Band, woraufhin der Umsatz sogleich um 75 Prozent auf 5,2 Millionen Pfund einbrach. Die Hoffnungen liegen nun beispielsweise auf dem für 2008 geplanten Buch über die Investitionsstrategie und Philosophie des amerikanischen Milliardärs Warren Buffett, das laut Bloomsbury-Chef Nigel Newton die Bestsellerlisten in Großbritannien und Australien anführen könnte.
Im laufenden Programm verkaufe sich der afghanische Autor Khaled Hosseini sehr gut, auch von dem Titel „Jesus von Nazareth“ von Papst Benedikt XVI. werde der Verlag längerfristig profitieren. Vermutlich müssen sich die Verlagsmanager damit abfinden, dass Harry Potter eine Ausnahmeerscheinung gewesen ist. Zumindest ist schwer vorstellbar, dass Zigtausende Leser in der Nacht vor dem Erscheinungstermin Partys zu Ehren von Warren Buffett feiern - oder nach der Lektüre die Telefonseelsorge anrufen müssen.
Witzfigur
Thomas Schmitt (redfish)
- 05.07.2007, 11:57 Uhr
HdR als Maßstab?
Bastian Hoffmann (explorer76)
- 05.07.2007, 14:32 Uhr
Harry Potter
Jürgen Lummerich (TeufelNett)
- 05.07.2007, 14:38 Uhr
@ Hr Büsing
Thomas Schmitt (redfish)
- 05.07.2007, 18:58 Uhr
Herr der Ringe
Stefan Finke (rabbi)
- 05.07.2007, 19:56 Uhr