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Sonntag, 19. Februar 2012
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Harry Potter 5 Gebt uns Zunder!

20.06.2003 ·  Und gebt euch Mühe: Der Erfolg der Harry-Potter-Bücher ist eine Botschaft der jungen Leser an die Büchermacher. Die Autoren künftiger Kinderbücher erhalten mit Joanne K. Rowlings Werken eine klare Anleitung.

Von Monika Osberghaus
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Nun rollt die Maschine. Nun geht die "Harry Potter"-Erfolgsgeschichte in ihre fünfte, bislang gewaltigste Runde, deren Ausmaße aller Voraussicht nach nur von den Umständen des Erscheinens von Band sechs übertroffen werden - bevor in einigen Jahren schließlich der siebte und letzte kommt. Noch zweimal haben wir dieses Losrollen also vor uns. Seit Samstag früh rollen Tausende kleiner Handwägelchen durch England. Man hat sie extra für die Postboten besorgt, weil der fünfte Band der Serie so schwer ist, daß mit ihm im Gepäck das zulässige Höchstgewicht für Briefträgertaschen überschritten wird. Durch gewöhnliche Briefkastenschlitze paßt er ohnehin nicht. Auch das ist neu: ein Buch, das vor allen anderen Mitgliedern in seiner langen Verwertungskette die Vertriebstechniker und Logistiker herausfordert.

Die Marketingexperten müssen sich diesmal längst nicht soviel einfallen lassen. Das Ereignis "Harry Potter" findet in den Köpfen der Leser statt, ist also ein Selbstläufer. Die Hersteller der Merchandising-Artikel haben es in den vergangenen Monaten schmerzhaft erfahren müssen: Mit dem Zauberlehrling ist außerhalb von Buch und Film nicht das erhoffte Geld zu verdienen; wer von ihm liest, hat genug Anregung im Kopf und bedarf keines zusätzlichen Schnickschnacks. Das "Harry Potter"-Pflaster von Hansaplast gibt es in der Apotheke zum Sonderpreis von 2,99 Euro. Weg mit den Trostpflastern, jetzt kommt der Held persönlich! So scheinen die Händler zu denken, wenn sie die Potter-Devotionalien nun verramschen an Kinder, die ohnehin nur eines wollen: weiterlesen. Wozu noch ein Pflaster? Das Lesen selbst ist eines.

Alle machen mit

Einmal angestoßen, rollt die Maschine unerbittlich. Nicht, daß es keine Bedenken gegeben hätte. Die Internetbuchhändler, die Lizenzverlage und die Großhändler haben in den letzten Wochen sicher mehrfach die Luft angehalten angesichts der gigantischen Zahlen, mit denen sie jonglierten. Aber inzwischen können sie fast sicher sein: Alle machen mit. Abwegig waren die Bedenken im Vorfeld nicht. Das Buch ist abschreckend teuer, zumindest für ein Kinderbuch. Die jungen Fans vom letzten Mal sind inzwischen älter geworden und haben sich anderen Dingen zugewandt; manchem mag seine Begeisterung von damals sogar peinlich sein, wie einem in einem gewissen Alter einiges peinlich ist, was man vor drei Jahren, also vor einer Ewigkeit, wahnsinnig wichtig fand. Auch könnte der Rummel, der um das Buch gemacht wird, auf viele abschreckend wirken.

Schließlich - um auch einmal auf etwas für die Maschinerie so Unbedeutendes wie den Inhalt zu sprechen zu kommen - regt sich der leise Verdacht, daß der neue Band möglicherweise in seiner literarischen Qualität mit den vorigen nicht ganz mithalten kann, wofür schon sein ungeheurer Umfang spricht sowie die Tatsache, daß bereits Band vier mehr in die Breite ging als in die Tiefe. Doch das ist alles egal. Die Maschine rollt bereits, es wird wieder funktionieren, es geht gar nicht anders.

Botschaft an die Büchermacher

Es wird alles wieder funktionieren, weil es das von Anfang an tat, mit der schlichten Sicherheit eines bis in die kleinsten Mauervorsprünge ausgeklügelten riesigen und weitläufigen Erzählgebäudes, um das sich die Detailideen der Autorin dicht an dicht und so blühend ranken wie die Rosen um Dornröschens Schloß, als es Zeit war, die Prinzessin aus dem Schlaf zu küssen. Und bevor wir uns zum wiederholten Mal fragen, welche Botschaften dieser Harry-Zauberjunge den Kindern bringt, daß sie mit ihm plötzlich zum Lesen erwachen wie aus einem tiefen Schlaf, sollten wir einmal umgekehrt ihre kollektive Begeisterung und Lesewut als Botschaft an die Büchermacher zu lesen versuchen.

Gebt uns Bücher, lautet diese Botschaft, aber gebt euch verdammt noch mal Mühe beim Schreiben. Geht davon aus, daß wir ein Erinnerungsvermögen haben, seht also zu, daß alles genau zusammenpaßt. Macht es ruhig kompliziert, aber legt zum Schluß alle vorher verknäulten Fäden wieder säuberlich nebeneinander. Verschont uns nicht mit angsteinflößenden Passagen, laßt es ruhig stockdunkel werden, wir kennen und brauchen das. Überhaupt gebt uns Gut und Böse, aber macht es nicht so plump: Laßt uns selbst den Unterschied erspüren. Gebt uns einen Helden, der so ist wie wir - manchmal überfordert und einsam, aber immer wieder von grimmiger Hoffnung beseelt - und der uns deshalb Selbstvertrauen vorlebt, aber ernster und gefährlicher, als es in euren "Mutmach"-Bücherserien steht.

Laßt es knallen

Gebt uns Zunder: Kitsch, Blut, Herz und Horror, Tumult und Tränen, laßt es ruhig knallen! Dabei könnt ihr gerne dick auftragen. Gebt uns aber auch genug zu lachen; das können wir übrigens nur, wenn zwischendurch auch mal Häme und Niedertracht erlaubt sind. Seid doch nicht so zimperlich korrekt und prüde. Vor allen Dingen: Lest euch erst mal selber satt, bevor ihr anfangt, etwas für uns zu schreiben. Lest die Klassiker, nicht nur die der Kinderliteratur, füttert euch mit dem Besten, was man durch Bücher erleben kann, und wenn ihr euch dann zum Schreiben hinsetzt, tut es auch zur eigenen Freude.

So könnte er lauten, der Rat der "Harry Potter"-Gemeinde an die Autoren künftiger Kinderbücher. Joanne K. Rowling hat ihn bereits befolgt, und einige andere Autoren auch, in Deutschland etwa Cornelia Funke. Man braucht dazu Talent und Freundlichkeit, eine Unmenge Fleiß und eine Phantasie, die aus wenigen zündenden Ideen ein komplexes Erzählgebäude aufbauen kann. Zauberei ist es jedenfalls nicht.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.06.2003, Nr. 141 / Seite 33
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