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Hans-Dieter Seidel Mein Lieblingsbuch: „Das fliegende Klassenzimmer“

18.08.2004 ·  Es ist eine Weisheit aus Erich Kästners „Fliegenden Klassenzimmer“, die als Maxime des Handelns so haltbar und tauglich scheint wie nichts sonst. Auch wenn man sich längst erwachsen glaubt.

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Natürlich hatte den Jungen, der ich war, die Endlosschleife der Abenteuer Old Shatterhands oder Kara Ben Nemsis gebannt. Das war der Rote-Ohren-Effekt. Aber in die Seele gebrannt, mit buchstäblich jeder Wendung, haben sich vollkommen anders angelegte Geschichten: Erich Kästners Romane für Kinder. Und jedes Detail der anmutig rund verschnörkelten Illustrationen Walter Triers in den alten Buchausgaben konnte das Auge auswendig.

Zwar spielten die Romane nicht in der Zeit, in der sie gelesen wurden, aber dank Kästners Kunst verhandelten sie - und dabei besonders "Das fliegende Klassenzimmer" - die unmittelbare Gegenwart des Lesenden, dem es ein Trost war, daß auch andere gelegentlich unverschämt einsam sein konnten, und der, Jahrgang 1944, auf Anhieb die Entbehrungen wiedererkannte, von denen der Autor nie zu handeln vergaß. Dem Einzelkind wurden Martin und der ewig hungrige Matz, der kleine Uli mit seiner Angst vor der Angst und der verwaiste, mit Worten so behende Johnny unentbehrliche Freunde; vom Respekt, den der grundgütige Lehrer Justus und sein Freund, der Nichtraucher, ohne Nachdruck evozierten, ganz zu schweigen.

Kästners kategorischer Imperativ

Das Internat als Schule des Lebens, diese Gleichung kannte keine Unbekannten. Mit der Moral von der Geschichte - "Macht euch nichts vor, und laßt euch nichts vormachen!" - ging Kästner in diesem Hohenlied der Freundschaft nicht gerade behutsam um, aber Kinder brauchen solch unverstellten Rückhalt: "Erst wenn die Mutigen klug und die Klugen mutig geworden sind, wird das zu spüren sein, was irrtümlicherweise schon oft festgestellt wurde: ein Fortschritt der Menschheit." Und wenn der Autor, damit sie nicht zu rührend werde, neben seine Weihnachtsgeschichte tritt und am Ende gar eine seiner Figuren zufällig in einem Kaffeehaus am Kurfürstendamm trifft, dann gibt's wie von ungefähr gleich noch ein Kapitel Romantheorie in schönster Anschaulichkeit.

Wie hieß es doch gleich in dem Theaterstück, das Johnny für die Weihnachtsaufführung des Internats zusammenreimte? "Forscht, wo ihr was zum Forschen findet. Das Unerforschbare laßt unergründet." Diese Weisheit, gleichsam Kästners kategorischer Imperativ, schien als Maxime des Handelns, auch als der Junge, der ich war, sich längst erwachsen glaubte, so haltbar und tauglich wie nichts sonst.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.08.2004, Nr. 191 / Seite 35
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