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Hannibal Lecter : Porträt des Künstlers als Kannibale

Der berüchtigte Hannibal Lecter aus dem „Schweigen der Lämmer“, der Graf Dracula der Computer-Ära, ist ein Ungeheuer mit Vergangenheit. In seinem neuen Roman erzählt Thomas Harris, warum es mit Hannibal kein gutes Ende nehmen konnte.

          Daß er kein leichtes Leben hatte, wußten wir ja von Anfang an: Hannibal Lecter, der Graf Dracula der Computer- und Handy-Ära, wie Stephen King ihn genannt hat, ist ein Psychopath mit vielen Talenten, ein außerordentlich kultivierter Massenmörder und ein Liebhaber der schönen Künste, die er um eine kannibalistische Variante erweitert hat. Hannibal, so hat ihn sein Schöpfer Thomas Harris von Anfang an angelegt, ist ein interessantes Monstrum, also ein Ungeheuer mit Vergangenheit.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Jetzt wird diese Vergangenheit auf 370 Seiten enthüllt: „Hannibal Rising“, der vierte Roman von Thomas Harris, in dem Lecter eine Rolle spielt, erscheint heute in den Vereinigten Staaten und morgen in der Übersetzung von Sepp Leeb im Verlag Hoffmann und Campe. Die englischsprachige Startauflage beträgt 1,3 Millionen Exemplare, in Deutschland hat Harris bislang fünf Millionen Bücher verkauft. Peter Webbers Verfilmung, an der Harris als Drehbuchautor beteiligt ist, kommt im nächsten Februar in die Kinos.

          Einfühlung ins Unmenschliche

          Bislang speiste sich der Reiz dieser Figur nicht zuletzt aus dem Geheimnis, das sie umgab: Lecter war eine unergründliche Figur des Schreckens, die nicht ohne sympathische Züge auszukommen brauchte, kein gebrochener, tragischer Held, sondern die Verkörperung völliger Unberechenbarkeit. Daß er Clarice Starling im „Schweigen der Lämmer“ soeben noch geholfen hatte, einen Serienmörder zu fassen, mußte für die nächsten Bücher nicht viel zu bedeuten haben. Lecter verachtete zwar den Burschen, den die FBI-Agentin jagte, weil er jungen Frauen die Haut abzog, um sich ein Kleid daraus zu schneidern, aber das hieß nicht unbedingt, daß er Starling so sehr oder so wenig schätzte, daß er sie im nächsten Buch vom Tellerrand geschubst hätte. Was wissen wir schon, was im Inneren eines wankelmütigen Monstrums vor sich geht. Daß wir es nicht wissen können, macht den Reiz solcher Bücher aus. Ihre Lektüre dient nicht zuletzt der unterhaltsamen Einfühlung ins Unmenschliche.

          „Hannibal” läßt ihn nicht los: Thomas Harris

          Nur allzu unmenschlich darf es nicht sein: Wir können uns das Böse nun einmal nicht ohne das Gute vorstellen. Der geniale Kunstgriff von Harris war es, Lecter als Übermonstrum und zugleich als Perversen minderen Ranges vorzustellen. Neben Buffalo Bill, dem mottenzüchtenden Mädchenkürschner, erschien uns Lecter nämlich gar nicht mehr so krank im Kopf, im Gegenteil. Der Mann half ja dem FBI und daß er gelegentlich seine Bewacher aufschlitzte und sich an ihren Eingeweiden labte, war zwar nicht ganz richtig, aber Dr. Lecter, so legte uns der Autor nahe, wird schon seine Gründe haben. Mit Hannibal Lecter ließ Harris dem edlen Wilden des neunzehnten Jahrhunderts den edlen Perversen folgen.

          Nie ohne Partitur ins Konzert

          Veredelt, überfeinert und geradezu grotesk kultiviert, so schickte Harris seinen Liebling nach Florenz, wo er als Dante-Spezialist lebte, Sonette zitierte, manierliche Kohlezeichnungen berühmter Kirchen anfertigte und nie ohne Partitur ins Konzert geht. Einem Intimfeind, der ihm besonders am Herzen lag, sägte er so vorsichtig die Schädeldecke auf, daß sein Besucher mitansehen konnte und mußte, wie Lecter Teile des Hirns verspeiste. Die arme Clarice Starling wurde unter Drogen gesetzt, damit sie Lecter bei dem schaurigen Mahl Gesellschaft leistet. Schon damals lag die Vermutung nahe, daß wir es mit einem schwer degenerierten Angehörigen des Hochadels zu tun hätten und Lecter, der ja allein schon durch seinen Namen immer irgendwie amerikanisch wirkte, in Wirklichkeit ein Kind des alten Europa sei. Und tatsächlich verriet Harris im Roman andeutungsweise, daß Lecter aus Litauen stammt, wo er als Kind so schreckliche Dinge erleben mußte, daß er darüber, wie soll man sagen, aus dem Gleichgewicht geriet: Der kleine Hannibal mußte mitansehen, wie seine Schwester Mischa verspeist wurde.

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