05.01.2006 · Der Held aus Tausendundeiner Nacht lehrt uns, daß man verlorenen Reichtum zurückgewinnen kann, daß die Welt bunt und voller Abenteuer ist und vor allem, daß die Sehnsucht nach dem Meer mächtiger ist als die nach dem Gelde.
Dachbodenphantasien aus dem Kinderland: Zwei Namensvettern in Bagdad, der eine ein armer Lastenträger, der andere ein reicher Kaufmann. Der Arme hadert mit seinem Schicksal, der Reiche erteilt ihm - erzählend von seinem Leben - eine Lehre: von nichts kommt nichts. Denn Sindbad der Seefahrer, wie sie den Reichen nennen, hat erst alles verloren, um dann von seinen sechs Reisen erneut mit Schätzen nach Hause zu kehren.
Man hätte als Kind diese grausigen Prüfungen nicht bestehen mögen, und noch als Erwachsenen kann einen der Schauder packen. Sindbads Reisen führen ins Unbekannte, nach Afrika und Indien. Da ist gleich am Anfang jene Insel, die sich als riesiger, stehender Fisch entpuppt, auf der Sindbad sein Schiff verliert. Das Schicksal treibt den Schiffbrüchigen auf die nächste Insel, auf welcher Sindbad eine geheimnisvolle weiße Kuppel erblickt. Es handelt sich bei dem Riesenei um das Gelege des Vogels Roch - ein fliegendes Untier, das keine Kinderseele je vergessen kann.
Riesenschlangen, Menschenfresser, Affenschwärme
Aber Sindbad das Schlitzohr findet auch hier einen Ausweg, nur um ins nächste Abenteuer zu stürzen: Er entkommt dem Scheich des Meeres, der den tapferen Seefahrer zu erwürgen droht, nicht weniger knapp als einer Grube voller Riesenschlangen, Menschenfressern, heuschreckengleichen Affenschwärmen. In ein Holzgerüst gekeilt widersteht er den Bissen eines Drachens, in der Schatzhöhle der Toten schläft er zwischen Gebeinen. Und doch erreicht er nach jedem Schiffbruch stets seine Vaterstadt.
Ein Hinweis für Augenmenschen darf nicht fehlen: Kongenial in verheißungsvoll leuchtende Bilder umgesetzt hat diese und andere Abenteuer ein heute vergessener Graphiker namens Stefan Mart, und zwar in seiner Ausgabe der „Märchen der Völker“, die er 1933 für den Cigaretten Bilderdienst Hamburg-Bahrenfeld gestaltete - Sammelbilder also, die mehrere Generationen von Märchenvorlesern und -zuhörern fesselten. Sie haben nichts von ihrer Ausstrahlung eingebüßt.
Mächtige Sehnsucht nach dem Meer
Am Ende wird Sindbad der Dienstbote begriffen haben, daß unter solchen Umständen erworbene Schätze wohlverdient sind. Sein Namensvetter nimmt ihn auf und teilt seine Besitztümer fortan mit ihm. Eine Lehre unter anderen: Reichtum vermag vieles, gegen die Sehnsucht nach dem Meer ist er machtlos. Sie ist unstillbar - und so geheimnisvoll wie das Rauschen im Ohr, wenn man eine Muschel daran hält.