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Hannes Hintermeier : Mein Lieblingsbuch: Der Mensch erscheint im Holozän

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Ein lakonischer Triumph, dem Verrinnen der Zeit mit jedem Wort abgetrotzt. Bild: Suhrkamp

Eine abgründige Parabel, ein Trostbüchlein in regnerischen Sommernächten. Die wunderbare Ökonomie der Sprache berührt, weil sie gegen die Gepflogenheiten der Gattung den Menschen klein und die Natur groß macht.

          Max Frisch ist derzeit von der Karte der modischen Sensationen verschwunden. Das ist schade, denn wie sehr gerade der späte Frisch bei seinem vergeblichen Warten auf den Nobelpreis die Übersicht bewahrt hat, zeigt seine 1979 erschienene Erzählung "Der Mensch erscheint im Holozän" bei jedem Wiederlesen - eine abgründige Parabel, die sich als Trostbüchlein in regnerischen Sommernächten einen Ehrenregalplatz verdient hat.

          Denn es regnet und blitzt und tröpfelt viel in diesem Buch, das allein sechzehn Arten von Donner kennt. Sein Held wird als "Herr Geiser" vorgestellt. Ein Witwer im Ruhestand, allein in seinem Haus im Tessin. Das Bergidyll aus Schweizer Know-how und italienischem Flair droht im Dauerregen unterzugehen, der Strom fällt aus, die Verbindung ins Tal ist abgerissen.

          Ein Erdrutsch, der das Dorf ausradieren könnte, scheint möglich. Zu Untätigkeit verdammt, sucht Herr Geiser Halt in Büchern. In Romanen? Nein, da geht es nur um Menschen - "als sei das Gelände dafür gesichert, die Erde ein für allemal Erde". So beginnt Herrn Geisers Wissenswettlauf gegen den Tod - mit einer Zettelsammlung, mit Artikeln, die er aus Lexika schnipselt und an die Wände klebt (und die Frisch in den Text montiert), will er sich seiner selbst vergewissern. Einen Fluchtversuch über die Berge bricht er ab.

          Wunderbare Ökonomie der Sprache

          Die wunderbare Ökonomie der Sprache berührt, weil sie gegen die Gepflogenheiten der Gattung den Menschen klein und die Natur groß macht. Der Homo sapiens als Teilchen eines Panoramas, in dem sich nichts begeben haben wird, wenn er dereinst fehlen wird. Man kann bei Frisch viel über eine aufrechte Haltung gegenüber dieser Vergänglichkeit lernen. "Die Natur braucht keine Namen. Das weiß Herr Geiser. Die Gesteine brauchen sein Gedächtnis nicht." Ein lakonischer Triumph, dem Verrinnen der Zeit mit jedem Wort abgetrotzt.

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