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Handschriften-Verkauf : Deutschland verschleudert seine Vergangenheit

  • Aktualisiert am

„Stundenbuch des Markgrafen Christoph I. von Baden” (um 1490) - vielleicht schon bald im Angebot Bild: AP

Amerikanische und britische Kunsthistoriker sind entsetzt: Die baden-württembergische Landesregierung plant, wertvolle Handschriften zu verkaufen, um mit dem Erlös Schloß Salem instandzuhalten. Ein Brief an die Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Der von der baden-württembergischen Landesregierung geplante Verkauf wertvoller Handschriften aus der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe, um mit dem erhofften Erlös in Höhe von siebzig Millionen Euro die Instandhaltung von Schloß Salem im Besitz der Markgrafen von Baden zu refinanzieren und für die Zukunft durch eine Stiftung zu sichern (siehe Kuhhandel mit Büchern), stößt auf immer schärferen Widerspruch.

          Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) hat Kritik an seinem Verkaufsschlager zurückgewiesen: „Die Kritik kommt im Kulturteil der Zeitungen, nicht auf den Wirtschaftsseiten.“ Und sie kommt nun aber noch von anderer Seite, nämlich von dem Kunsthistoriker Jeffrey F. Hamburger, auf Mittelalter spezialisierter Professor in Harvard, und den Mitunterzeichnern eines Briefs an die Herausgeber dieser Zeitung, den wir hier dokumentieren. Die internationale wissenschaftliche Gemeinde, repräsentiert durch Gelehrte amerikanischer und britischer Eliteuniversitäten, ist entsetzt über deutsche Kulturpolitik nach Hausmacherart.

          An die Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

          22. September 2006

          Es fehlen uns die Worte, unserer Verwunderung, unserem Schock und Entsetzen Ausdruck zu geben, angesichts der noch immer fast unglaublichen Nachrichten über den skandalösen Plan, den größten Teil der Handschriftenbestände - ungefähr 3500 von insgesamt 4200 Bänden - aus der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe zu verkaufen, um es dem Haus von Baden zu erlauben, seine Schulden zu begleichen und seinen letzten Wohnsitz in Salem zu renovieren. Andere Nationen, zum Beispiel England, haben Wege gefunden, durch Instrumente wie den National Trust ein Gleichgewicht zwischen Konservierung und privaten Besitzansprüchen herzustellen. Nicht zuletzt dank Dostojewski bleibt Baden-Baden, die frühere Residenz des markgräflichen Hauses, weltbekannt als Sitz des heute unbedeutenden Spielkasinos, aber wer hätte gedacht, daß die Regierung von Baden-Württemberg sich als die größte Spielerin von allen erweisen würde?

          Abgesehen von allen anderen Erwägungen, ist es fraglich, ob der Weltmarkt so viele Handschriften, von denen viele unvergleichliche Schätze sind, auf einmal und innerhalb so kurzer Zeit aufnehmen kann. Deshalb steht zu befürchten, daß eine große Zahl von ihnen zu Preisen verschleudert werden, die in keiner Beziehung zu ihrem echten Wert stehen. Abgesehen von der finanziellen Verantwortungslosigkeit, wird mit dieser Aktion, die unter der Hand und ohne öffentliche Debatte oder Rechnungsprüfung beschlossen wurde, eine der größten Sammlungen der Welt in alle Winde verstreut und damit zerstört.

          Dieser Handschriftensammlung repräsentiert in vielerlei Hinsicht einen unvergleichlichen Nachweis und ein Repositorium von mehr als tausend Jahren europäischen Mönchstums und europäischer Geschichte, einschließlich bedeutender Monumente der Kunst, Literatur, Theologie, Mystik und Musik. Bücher, die (unter beträchtlichen Kosten seitens des Staats) konserviert, katalogisiert und ausgestellt wurden, werden nun Gott weiß wo enden. Viele werden in Privatsammlungen verschwinden und damit unzugänglich für Studenten, Wissenschaftler und die breite Öffentlichkeit von kultur- und geschichtsbeflissenen Einzelpersonen.

          Historische Sammlungen - Klosterbibliotheken, die über Jahrhunderte hinweg entstanden - werden verstreut, wodurch es nahezu unmöglich wird, sie systematisch oder kohärent zu erforschen. Es ist kaum zu glauben, daß Bücher, die den Dreißigjährigen Krieg, die napoleonischen Kriege, die Säkularisation und sogar zwei Weltkriege überstanden haben, auseinandergenommen und zu Opfern des Marktes werden - und wofür? Um die Würde einer aristokratischen Familie in finanziellen Schwierigkeiten zu erhalten, in anscheinendem Bruch mit dem demokratischen Verfahren, ganz zu schweigen vom öffentlichen Interesse.

          Eine Bibliothek ist mehr als nur eine Sammlung von Büchern. Sie ist ein Repositorium von Erinnerung, oder besser gesagt, sie ist eine Ressource, die die Arbeit an Gedächtnis, Geschichte und kulturellem Selbstbewußtsein ermöglicht. Obwohl die Sammlung während des Zweiten Weltkriegs ausgelagert war, wurde der Großteil des Karlsruher Bestands - ungefähr 360 000 gedruckte Werke - von Bomben vernichtet. Andere wichtige, großartige Bibliotheken, von Alexandria bis Sarajewo und der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar, sind heute verloren durch Unglücksfälle, Vandalismus oder Gewalteinwirkung. Sollen wir jetzt Karlsruhe in die Liste von Desastern einordnen? In diesem Fall wird es einen Sonderplatz einnehmen, denn in diesem Fall wird eine bedeutende Bibliothek zerstört, nicht zufällig, sondern unter der Leitung derer, die zu ihrem Schutz bestellt waren.

          Es wäre weniger schlimm, wenn die Sammlungen in Karlsruhe von nicht mehr als rein antiquarischem Interesse wären, von nur lokaler oder bestenfalls regionaler Bedeutung. Selbst unter diesen Bedingungen wäre ihre Auflösung skandalös. Das ganze Mittelalter hindurch und auch noch danach war der Oberrhein jedoch eine Wiege der Zivilisation, ein wichtiger Platz des europäischen Urbanismus, ein Arterie zwischen Nord und Süd, kurz gesagt, eine treibende Kraft in der Geschichte Europas. Die Versteigerung der Karlsruher Handschriften wird weltweit als deutliches Signal registriert werden, daß in Deutschland die Vergangenheit zum Verkauf steht - und das zu Schleuderpreisen. Im Verkauf von solchen Schätzen macht die Regierung von Baden-Württemberg nicht nur das demokratische Vorgehen, sondern auch ihreVerpflichtungen gegenüber Bildung, Kultur und dem Gemeinwohl zur Farce.

          Prof. Dr. Jeffrey F. Hamburger, History of Art & Architecture, Harvard University

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