Home
http://www.faz.net/-gr0-ovwe
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Haben Sie den "Ulysses" auch nicht gelesen?

12.06.2004 ·  Hundert Jahre, nachdem Leopold Bloom durch Dublin lief, ist nur noch diese Frage offen. Wir baten um Aufklärung

Artikel Lesermeinungen (0)

Jonathan Franzen
Ich bin kein großer Fan von "Ulysses". Das Buch erinnert mich an eine unheimliche Kathedrale, durch die fröstelnde Touristen eilen, während geweihte Kritiker, die das Geheimnis all der Symbole, mit denen der riesige Raum vollgestopft ist, verstanden haben wollen, von ihren Verehrern um Deutung gebeten werden und Staat und Wissenschaft immerzu beteuern, das sei wirklich garantiert große Kunst. Aber das Problem ist weniger die Schwierigkeit des Buches als vielmehr der besondere Status, den es erreicht hat. Es ist zum Inbegriff für große Literatur geworden. "Ulysses" ist der heilige Text der Moderne und führt regelmäßig die Listen der besten Romane der 20. Jahrhunderts an. Die Botschaft für den normalen Leser lautet folglich: Literatur ist fürchterlich schwer zu lesen. Und die Botschaft für den ehrgeizigen jungen Schriftsteller: Extreme Schwierigkeit ist der beste Weg, Respekt zu erlangen. Das ist bescheuert. Es ist vor allem bescheuert in einer Zeit, in der das gedruckte Wort um sein Überleben kämpfen muß. Wenn jemand sich überlegt, fünfzehn oder zwanzig Stunden zu investieren, um ein Buch von mir zu lesen - fünfzehn oder zwanzig Stunden, die in Kinos oder im Internet oder mit Extremsport verbracht werden könnten -, dann wäre das letzte, was ich wollte, ihn auch noch mit übertriebener Schwierigkeit zu bestrafen.
Jonathan Franzen lebt in New York und wurde 2001 mit seinem Roman "Die Korrekturen" berühmt.
Elke Heidenreich
Ich hab's immer wieder versucht mit "Ulysses", aber mein Freund Otto Jägersberg, Schriftsteller und großer Literaturkenner, hat immer gesagt: Elke, das ist nichts für dich, lies du mal nur die letzten fünfzig Seiten. Also hab' ich Mollys langen inneren Schlußmonolog gelesen und erstaunlich lebendig und erotisch gefunden, gar nicht passend zu dem asketischen Joyce-Gesicht! Danach fing ich frohgemut vorn wieder an und quälte mich durch die Stephen-Dedalus-Kapitel, ging dann auch lange mit Leopold Bloom spazieren, verlor ihn aber immer wieder aus Herz und Sinn und Augen. Ich begreife, daß das Leben eine tägliche Odyssee ist, vom Morgen bis zum Abend, nicht nur der 16. Juni, jeder Tag. Ich bin auch auf dieser Odyssee. Aber mir erzählt sie sich anders. Ich habe die drei großen, ewig angeführten Standardwerke, den "Ulysses", den "Mann ohne Eigenschaften" und "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit", nicht fertig gelesen, ich gebe es zu. Dafür kenne ich alles von Hans Henny Jahnn, das ist "mein" Dichter, und ich kann stundenlang über "Fluß ohne Ufer" und die "Nacht aus Blei" reden. Bitte fragen Sie mich da noch mal wieder, wenn am 17.12. Jahnns 110.Geburtstag ist!!
Elke Heidenreich ist Schriftstellerin und moderiert die ZDF-Sendung "Lesen!".
Peter Esterhazy
Mit voller Entrüstung und ebenso voller Entschlossenheit weise ich die Umfrage der sicherlich renommierten und sicherlich zu Kerneuropa gehörenden oder sich selbst jedenfalls dorthin zählenden, berühmten Frankfurter Allgemeinen Zeitung zurück, da die Umfrage mit ihrer Oberflächlichkeit und ihrer lässig scherzenden Weise nicht nur jenem deutschen Geist eine primitive Falle stellt, ohne den eine solche Umfrage gar nicht erst vorstellbar wäre, und nicht etwa nur, weil diese Umfrage die europäische Tradition, auf die der "Ulysses" (in beiden Werkformen!) zurückzuführen ist, kokett mißachtet, sondern weil sie sich wie eine gräßliche Ohrfeige jener intellektuellen Verantwortung gegenüber ausnimmt, die, genauer gesagt, ohne die... zum Teufel, jetzt habe ich den Anfang des Satzes vergessen.
Wie dem auch sei, diese jämmerliche Frage basiert auf dem mittelmäßigen Scherz, auf dem scheinbaren Witz, daß sich zwar alle auf Joyce berufen, ihn aber niemand liest, und wer ihn liest, ihn bald schon satt hat, wie eine Hündin, die grade sieben Welpen wirft, um es mit dem ungarischen Volksmund zu sagen. Nein, nein und nochmals nein. Ohne die eigene Person in den Vordergrund stellen zu wollen, möchte ich betonen, daß für mich die Lektüre des "Ulysses" eine vergnügliche und leidenschaftliche Unterhaltung war, vor allem war sie leicht und natürlich, in ihrer Leichtigkeit nur mit den "Jerry Cotton"-Heften zu vergleichen, die in meiner geistigen Entwicklung übrigens ebenfalls eine bedeutende Rolle gespielt haben.
Was die Frage "Wovon handelt der Roman?" betrifft, möchte ich mich mit einer konkreten Antwort, die alle feinfühligen geistigen Menschen demütigen würde, zurückhalten, bin aber jederzeit bereit, eine Prüfung vor Professor Klaus Reichert abzulegen, inklusive den Einteilungen der achtzehn Kapitel nach Farben, Schreibtechniken, künstlerischen (wissenschaftlichen) Ausrichtungen und Körperteilen, und für Interessierte würde ich gerne (naturgemäß auf Kosten der Redaktion) in Dublin eine Joyce-Tour durchführen, von der Eccles Street bis zum James Joyce Tower (früher Martello). Daß ich mit der Familie Virag aus Szombathely ein inniges Verhältnis habe, muß ich gar nicht erwähnen.
Als Abschlußdrohung möchte ich noch hinzufügen, daß ich aus "Finnegans Wake" das Kapitel "Anna Livia Plurabell" frei erzählen kann ...
Ich bestehe auf dem wörtlichen und ungekürzten Abdruck dieses Artikels. Meine Handküsse an die Redaktion.
PS: Etwas übertreibend könnte man behaupten, daß seit dem "Ulysses" alle (europäischen) Romane am 16. Juni spielen. Der ungarische Roman muß darüber hinaus noch wissen, daß an diesem Tag auch die Hinrichtung Imre Nagys, der Hauptfigur der 56er Revolution, stattgefunden hat (1958). Ein glückliches Zusammenspiel, könnte ein ungarischer Romanschriftsteller sagen, sagt ein ungarischer Romanschriftsteller.
Peter Esterhazy ist ein ungarischer Romanschriftsteller. Letzte Veröffentlichung ist die "Verbesserte Ausgabe" seines Monumentalwerks "Harmonia Caelestis" (2003).
Lawrence Norfolk
"Ulysses" war die Herausforderung, der größte Fisch im größten Becken. Ich mußte das Buch lesen, weil es existierte, schließlich galt ich in meiner Klasse als das klügste Kind.
Von Seite eins an aber gab es Probleme: das Fehlen einer eindeutigen Handlung, die Symbolik, der versteckte Homersche Aufbau etc. Am schwierigsten war, daß ich die Hälfte der Wörter nicht verstand. Ich begann ein "Ulysses Wörterbuch" zu schreiben, ich glaube, der erste Eintrag war "ineluctable" (unvermeidlich, unentrinnbar). Nach etwa zwanzig Seiten realisierte ich, daß mein Wörterbuch ungefähr so lang wie "Ulysses" selber sein würde, und gab auf. Ich war dreizehn.
Später kam ich zurück zu "Ulysses" (viel später, nach "Lemprieres Wörterbuch"). Diesmal war ich bereit, und ich nahm das verdammte Ding in einer Woche auseinander. Es hat sich angefühlt, wie wenn man einen Wal mit einer Kettensäge aufschlitzt. Ich meine, es hat sich gut angefühlt, aber auf die schlimmstmögliche Art. Danach habe ich mit Proust weitergemacht, wobei ich feststellen mußte, daß diese Fische immer fetter werden. Aber das ist eine andere Geschichte. (Und ja, ich weiß, ein Wal ist nicht wirklich ein Fisch. Ich glaube, Leopold Bloom hat eine Idee davon.)
Lawrence Norfolk ist Schriftsteller ("Lemprieres Wörterbuch") und lebt in London.
Michael Lentz
Jedenfalls geht es da um alles. Um nichts Erlebtes geht es. Oder? Natürlich finden sich alle Nachbarn wieder. Und erkennen einander. Also nicht direkt geht es um Erlebtes. Erlebtes ist vielmehr in tausend Einzelteile zerlegt. Diese Einzelteile werden mit Nichterlebtem in ein unverwechselbares Mischungsverhältnis gesetzt und zu einer irischen Gehirntopographie verdichtet. "Ulysses", eine Gedächtnismumifizierung, ein Stadtplan. Es geht also um sehr genau Recherchiertes. Um riesige Folianten geht es, aus denen der Autor penibel herausgeschrieben hat. Oder herausschreiben ließ. Es ist ein enzyklopädischer Roman. Mit einer Menge Alltagskolorit. Aufgeschnapptes, um die Ecke Gehörtes. Geographisches. Medizinisches. Geburt und Sterben. Um viele Fragen geht es. Die offenbleiben. Auch wenn sie explizit beantwortet werden. Also von vorn: Das Ding gelesen vor Jahren bis zur Seite fünfhundertsoundsoviel. Dann schlappgemacht. Mal am Englischen versucht. Stichprobenartig.

Fortsetzung auf Seite 26 Nie mehr reingeschaut, seitdem. Die deutsche Version fast gänzlich vergessen. Bis auf den Anfang. Die Szene mit der Rasur. Das Waschbecken. Die merkwürdigen Geschehnisse rund um den Turm. Die vielen Geschichten in der Geschichte. Die Abschaffung der katholischen Kirche.
Die mit diesem Riesenbuch endgültig geglückt ist. Also von vorn: Bloom säuft wie ein Loch. Und zwar Radeberger. Dauernd singt er. Molly und er sind selbstverständlich bis zum Zerreißen glücklich. Bloom ist abhängig von Auffälligkeiten. Weil das Leben außerhalb von Büchern langweilig ist, erfindet Bloom erfundene Wörter, manchmal kilometerlange. Damit sie wieder in Büchern stehen, damit das Leben nicht so langweilig ist. Damit die Welt wieder rätselhaft ist. Vorübergehend. Und danach kann sich Bloom nur nach Italien sehnen. Auch so ein Mißverständnis. Vergeßt die Odyssee! Bloom hat sie auch vergessen. Ruft er mitten im Meer nicht dauernd nach dem Meer? Und sucht er nicht ständig nach einem passenden Wort für "Regen"? Das ist der Bloomsday. Nehmen Sie "Ulysses" und durchwandern Sie Dublin. Dann sehen Sie alles.
Michael Lentz schrieb den Roman "Die Liebeserklärung" (2003).

Frank Goosen

(Monolog von einem, der's nicht wissen will): Joyce? Klar, kenn' ich. Ire. Hat nie gelacht. Wie Buster Keaton. Kenne jedenfalls kein Bild, auf dem er mal die Zähne zeigt. In der Kneipe da vorne hängt sein Bild neben dem Dartboard, und manchmal kriegt er einen Pfeil ins Auge. "Ulysses"? Großes Buch, echt! Überformat, viel größer als die meisten Bücher, die ich gesehen habe. Dick auch. Schwer. Gelesen? Soll ich ehrlich sein, oder ist das hier 'ne Gelehrtenparty? Also richtig gelesen kann man nicht sagen, mal reingeschaut. Ab und zu zur Hand genommen. Worum es geht? Weiß doch jeder. Dafür muß man es nicht gelesen haben. Ein Typ geht durch Dublin und denkt nach. Den ganzen Tag. Bloom heißt der, und alles spielt am, warten Sie, nicht daß ich lüge, ja ich glaube Mitte Juni oder so. Am sechzehnten? Ja, sag' ich doch. Bloom also. Leopold. Netter Mann. Kleiner Angestellter. Verheiratet. Molly heißt die Frau. Und die Tochter Milly. Naja. Die Frau betrügt ihn, am Nachmittag. Morgens hat er ihr noch das Frühstück gemacht, und nachmittags steigt sie mit 'nem andern in die Kiste. Kommt in den besten Romanen vor. Und dieser Bloom ist auch nicht ohne. Hat so 'ne Art Brieffreundschaft mit einer Frau. Dabei nennt er sich Henry Flower. Ist wahrscheinlich symbolisch. Ist überhaupt alles ziemlich symbolisch in dem Buch. Das macht es nicht leichter. Und ich glaube, total unterschiedlich geschrieben, die einzelnen Kapitel. Oft kriegt man mit, was der, der gerade dran ist, denkt, als würde der zu sich selber reden, aber nur im Kopf. Selbstbefriedigung kommt wohl auch vor. Und so ziemlich jeder, der in Dublin gewohnt hat, damals. Eine richtige Odyssee ist das. Davon ist es wohl auch abgeschrieben, hab' ich mal gehört. Also das Original ist von diesem Odysseus. Eine Beerdigung gibt es, und eine Geburt auch. Der Bloom trifft einen Typen, der heißt wie Ikarus, nur anders. Zweihundert Seiten ist man im Puff, und der Kerl denkt, also Bloom jetzt, er ist eine Frau, und ich glaube, er läßt sich verhauen und hat Halluzinationen. Er nimmt diesen Ikarus mit zu sich nach Hause, aber da gibt es nur Kakao. Das wirft eine Menge Fragen auf. Schließlich liegt der Bloom wieder neben seiner Frau im Bett, und man kriegt mit, daß sie sich so ihr Teil denkt. Irgendwann ist Schluß. Muß man nicht lesen. Aber ist gut, wenn man weiß, worum's geht.
Frank Goosen ist Kabarettist und Schriftsteller. Letztes Buch: "Mein Ich und sein Leben" (2004).

Stephan Wackwitz

Ich hab's natürlich wieder gelesen, und kann deshalb eigentlich nicht mitreden. Wohl aber bei dieser Umfrage mitmachen, und zwar paradoxerweise aufgrund derselben Belesenheit, die mir seit früher Jugend mehr vermasselt hat als die Teilnahme an lustigen F.A.Z.-Sonntagszeitungs-Umfragen. Ich konnte nämlich die Redaktion - und kann hiermit jetzt sogar die Öffentlichkeit der Republik - auf ein Spiel unter Literaturwissenschaftlern und -kennern aufmerksam machen, das David Lodge (wenn mir recht ist, in "Small World") geschildert hat: das Prunken mit der peinlichsten Lektürelücke. Die Spielregel ist einfach. Man muß mit dem widersinnigsten, beschämendsten, unwahrscheinlichsten Lektüreversäumnis herausrücken, zu dem man sich irgendwie bekennen kann. Das dabei unbedingt direkt auf dem Gebiet vorkommen muß, auf dem man sich am meisten hervorgetan hat und überhaupt dicke tut. Renommierte Shakespeareforscher können bei diesem Spiel zum Beispiel endlich einmal bekennen, daß sie "Hamlet" nie wirklich ganz durchgelesen haben. Hazlitt-Experten können mit der Unkenntnis des "Liber amoris" prunken und punkten. Ich als Hölderlingelehrter könnte einmal damit heraus, daß ich "Emilie an ihrem Brauttage" schlechterdings nicht kenne. Aber in Wirklichkeit habe ich eben auch das wieder gelesen und kann deshalb eigentlich nicht mitreden.
Stephan Wackwitz leitet das Goethe-Institut in Krakau und veröffentlichte 2003 den Familienroman "Ein unsichtbares Land".

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 13.06.2004, Nr. 24 / Seite 25
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel