http://www.faz.net/-gqz-85f69

Im Gespräch mit Guido Graf : Beschneidet Amazon die Gedankenfreiheit?

  • -Aktualisiert am

Amazon führt ein neues Vergütungsmodell für die Autoren von E-Books ein. Welchen Einfluss haben diese auf das literarische Schreiben? Literaturwissenschaftler Guido Graf über das Streamen von Literatur und Social Reading.

          Amazon bezahlt seinen E-Book-Autoren 0,006 amerikanische Cent pro gelesener Seite. Bedeutet das eine Gefahr für das Schreiben und vor allem das Endprodukt, den Text?

          Man könnte den Spieß auch herumdrehen: Was ist interessant daran? Man sagt ja immer sofort, dass nun nur noch Cliffhanger eingebaut würden. Aus Autorenperspektive gesehen, ist es aber nicht so einfach, so zu schreiben. Natürlich gibt es Schreibratgeber, wie man einen Thriller oder eine Sitcom schreibt oder wo man einen Plot-Point setzt. Diese Art des Schreibens würde aber bedeuten, dass jahrtausendealte Erzähltraditionen ausgesetzt würden, um algorithmische Muster an deren Stelle zu setzen. Das aber gibt es längst, zum Beispiel vor Jahrzehnten in Frankreich durch „Oulipo“ (Ouvroir de littérature potentielle). Da sind quantitative Methoden längst erprobt worden und zwar selbstverständlich ohne jeden ökonomischen Erfolg.

          Welche Auswirkungen hat Amazons neues Vergütungsmodell auf die professionelle Verlagslandschaft und deutschsprachige Autoren generell?

          Erst mal gar keine. Das Modell betrifft schließlich nur bestimmte Autoren, nämlich vor allem Selfpublisher. Es geht also um eine überschaubare Menge und eine überschaubare Art von Texten. Um sehen zu können, wie es darüber hinaus weitergeht, muss man zwei Parameter wissen: Welche Zeichenzahl gibt Amazon als eine Seite vor und zweitens, wie viel Zeit muss ein Leser auf einer Seite verbringen, damit sie als gelesen gilt. Darüber schweigt Amazon bisher. Wenn man beides wüsste, könnte man versuchen, den Leser dazu zu bringen, dranzubleiben. Da käme man allerdings ziemlich rasch zu einer riesengroßen Zahl an Texten, die alle gleich funktionieren.

          Laut Amazon haben die Autoren um die Abschaffung der bisherigen Tantiemen-Zahlung gebeten. Hat die neue Regelung Vorteile für Autoren?

          Der Grund dahinter ist natürlich, dass es Leute gab, die die gegenwärtige Situation als ungerecht empfunden haben. Amazons bisherige Politik, erst ab zehn Prozent des Gelesenen zu bezahlen, hat für eine Flut an kurzen Texten gesorgt. Menschen, die lange Bücher veröffentlicht haben, wurden benachteiligt. Das wird mit der neuen Regelung anders aussehen.

          Der Verband deutscher Schriftsteller sieht hierin eine Beschneidung der Gedankenfreiheit für Autoren sowie Leser. Besteht tatsächlich eine Gefahr für unser Leseverhalten?

          Der Literaturwissenschaftler und Journalist Guido Graf forscht über Soziale Poetik, Sound-Poetik und Social Reading.

          Das scheint mir oberflächliche Panikmache zu sein. Die Gefahr sehe ich nicht. Aber man sollte sich über die Konsequenzen Gedanken machen, wenn dieses Modell sich über seinen beschränkten Rahmen hinaus entwickelt. Dann würden Parameter verschoben, die das Verhältnis von Qualität und Quantität umkehren. Wenn ein ökonomisches Kalkül für das Schreiben von Literatur entsteht, hat es sicher Auswirkungen auf die Rezeptionsgewohnheiten, die wir in den letzten 200 Jahren erlernt haben. Das als Apokalypse auszumalen, halte ich für fraglich. Wenn dann in dem Feld der erzählenden Literatur sich große Gleichförmigkeit ausbreitet, werden neue Textformen entstehen, mit denen die Gesellschaft sich von sich selbst erzählt.

          Mehr Seiten bedeuten bessere Bezahlung. Könnte hierdurch eine Gegenentwicklung zu den literarischen Kurzformen des Internets entstehen?

          Längere Formate sind interessant, wenn man etwa an serielles Schreiben denkt oder an das, was man „Work in Progress“ nennt. Das sind Texte, die nicht unbedingt abgeschlossen sein müssen, die nicht die Form eines klassischen Romans oder einer Novelle haben müssen, sondern sich wie bei der Fernsehserie eher wuchernd entwickeln können, ohne dass man am Anfang weiß, wie es irgendwann weitergeht. Der Fortgang hängt dann maßgeblich von der Resonanz ab. Das kann man auch an der Serie „Sopranos“ sehen, die aus heutiger Sicht wie ein historischer Monolith, ein Gesamtkunstwerk dasteht. Anfangs wussten die Macher nicht einmal, wie die aktuelle Staffel enden würde. Das sind sicherlich Produktionsbedingungen, die der Literatur heute fremd erscheinen, aber eben noch interessant werden könnten – und die es ja auch schon gegeben hat, denkt man etwa daran, wie während früherer ökonomischer und medialer Umwälzungen Charles Dickens geschrieben hat. Unter gegenwärtigen und künftigen Bedingungen wird es einen starken Akzent auf kollektiven und kollaborativen Formen literarischer Produktion und Rezeption geben.

          Weitere Themen

          Wer ist Arthur Isarin?

          Enttarnung eines Pseudonyms : Wer ist Arthur Isarin?

          Sein Roman „Blasse Helden“ über das Moskau der neunziger Jahre machte uns das Russland von heute begreiflich. Nun zeigt sich der unbekannte Autor aus einer bekannten deutschen Schriftstellerfamilie. Eine Begegnung.

          Topmeldungen

          Richtungsentscheidung : Das Dilemma der AfD

          Tun AfD-Politiker nichts, droht die Partei an ihrer Nähe zum Extremismus zu scheitern. Für eine Mäßigung hingegen müssen sie das Versprechen brechen, die Wähler von politischer Korrektheit zu befreien. Einen Mittelweg gibt es nicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.