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Günter Grass im Wahlkampf Der Schneckenreiter

16.09.2005 ·  Wahlkampf als Zeitreise: Seit vierzig Jahren wirbt Günter Grass für die SPD. Auch diesmal wettert er gegen die „Petzliesen“ und „Spaßvögel“ der Herausforderer: Auf Tour mit einem wahlkämpfenden Dichter.

Von Hubert Spiegel
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Es war einmal ein Mann, der ließ Frau und Kinder allein zuhause und zog hinaus in die Welt, um für eine Sache zu trommeln, die er zu der seinen gemacht hatte. Damals war alles noch jung: das Land, der Mann, die Sache. Und jedes Wort, das er aus seinem Mund auf das straff gespannte Fell der Trommel fallen ließ, machte einen solchen Lärm, das im ganzen Land darüber gesprochen wurde. Da hatte der Mann seine Freude, und auch im Palast, wo damals kein guter und auch kein schlechter König herrschte, sondern die Große Koalition, nannte man seinen Namen auf den Fluren und Gängen.

Im Intercity, der uns von Fulda nach Dresden bringt, erinnert sich Günter Grass an jenen Abend in Herbert Wehners Wohnzimmer, als er den Alten von seinem Wahlkampfeinsatz, den „Wahlkontoren“, überzeugen sollte. „Wehner spielte das Spiel ,wer als erster das Thema anspricht, hat verloren'. Das Spiel konnte ich auch. Es war schon fast Mitternacht, als er mich plötzlich anbrüllte: ,Sie haben doch was gegen mich!'. Erst danach konnten wir über die Wahlkontore reden und am nächsten Morgen setzte sich Wehner an seine Schreibmaschine und gab uns mit ein paar Zeilen seinen Segen.“

Für wen stehste denn da?

So also hat alles angefangen? Seit vierzig Jahren zieht Günter Grass nun für seine SPD in den Wahlkampf. Fünfzig Auftritte waren es 1965, vier Jahre später hatte sich die Zahl der Wahlkampfauftritte verdoppelt und seine Kinder stellten ihm die Fragen, die Kinder immer stellen, wenn sie ihre Väter nicht mehr zu Gesicht bekommen: „Und wohin gehste jetzt wieder? Und was machste da wirklich? Und für wen stehste denn da? Und was bringste mit?“ Grass hat diese und andere Fragen 1972 in seinem Wahlkampfdiarium „Aus dem Tagebuch einer Schnecke“ notiert, einer fortdauernden Liebeserklärung an das Kriechtier, das ihm den Fortschritt verkörpert. Den Schneckentönen lauscht er noch immer, als wären es Sirenengesänge. Mißklänge werden erwartet und als unvermeidlich hingenommen.

Für wen stehste denn da? Die Antworten fallen heute schwerer als damals. Schröder ist nicht Brandt. Außerdem muß Grass sich die Fragen jetzt selbst stellen, denn auch seine Enkel sind schon im wahlfähigen Alter und haben andere Sorgen. Vor ein paar Tagen sind zwei von ihnen ins Museum für Arbeit im Hamburger Arbeiterviertel Barmbek gekommen, um dem Großvater im Wahlkampf zu lauschen. Henning Voscherau sitzt kerzengerade in der ersten Reihe, ganz hinten hängt Harry Rowohlt lässig in Thekennähe, irgendwo dazwischen hocken aufgeregt zwei noch unentschlossene Jungwählerinnen, von denen die eine dem Großvater am späten Abend sagen wird: „Na gut, du hast mich. Ich wähl' Espede!“ Grass erzählt das mit Stolz und Freude: Erfolgserlebnis eines Wahlkämpfers, der auch als Großvater nicht vergißt, daß jede Stimme zählt.

Die „Petzliese“ und der „Spaßvogel“

Sechs Auftritte absolviert Grass in diesem verkürzten und überhitzten Wahlkampf. Mit Thierse spricht er in Berlin, das Heimspiel in Lübeck ist obligatorisch, Hamburg zählt zur Nachbarschaft. Überall hält er dieselbe Rede: Attacken gegen die „Petzliese“ Merkel und den „gerupften Spaßvogel“ Westerwelle, maßvolle Kritik an der SPD, die er 1993 im Streit über das Asylrecht verließ, wird nicht vergessen. Die Passage gegen Stoiber, den „politischen Amokläufer“, verliest er in München mit besonderem Vergnügen. Sie werden auch im sächsischen Bischofswerda gut ankommen, der vorletzten Station der Reise, die am heutigen Freitag mit einer Kundgebung des Bundeskanzlers auf dem Berliner Gendarmenmarkt ihr Ende finden wird.

Jetzt, auf dem Weg von München nach Bischofswerda, muß Grass umsteigen, zieht ein Köfferchen hinter sich her, das sich als federleicht erweisen wird, und geht Pfeife rauchend an den Wartenden auf dem Bahnsteig vorbei, von denen ihm nicht wenige zunicken wie einem alten Bekannten. Seltsam: Jeder kennt ihn, aber niemand scheint sich zu wundern, wenn der Nobelpreisträger vor ihm steht. Ob Grass Pressekonferenzen gibt, sich über das Rednerpult beugt oder den Zuhörern in den Sälen Rede und Antwort steht, stets ist er mit jener Selbstverständlichkeit am Werk, um die ihn die meisten Berufspolitiker ebenso beneiden dürften wie um seinen Bekanntheitsgrad. Wenn der Wahlkämpfer je eine Rolle war, dann muß sie Grass vor langer Zeit zur zweiten Haut geworden sein.

Die schwarzen Nester

„Zu meiner großen Überraschung“, sagt Grass im Intercity, „macht mir die Sache noch immer großen Spaß.“ Er bedauert, daß er keine Veranstaltung in Fulda hat, denn in „diesen schwarzen Nestern bin ich immer besonders gern aufgetreten. In Würzburg bin ich einmal mit einem Transparent empfangen worden: „Was sucht der Atheist in der Stadt des Heiligen Kilian?“ Ich habe geantwortet: Ich suche Tilman Riemenschneider. Dann war Ruhe.“

Mehr als sechs Wahlkampfveranstaltungen will Grass sich jedoch nicht zumuten. Hamburg, München, Bischofswerda, Berlin, dazwischen noch ein Flug nach Danzig, wo die Verfilmung seiner Erzählung „Unkenrufe“ vorgestellt wurde - wie kann ein Siebenundsiebzigjähriger das bewältigen? Er fahre bereits mit „Reservetank“, sagt Grass seufzend und freut sich im nächsten Moment, daß er die glückliche Gabe besitze, „überall und jederzeit“ ein Schläfchen halten zu können.

Stockholm ist weit weg

Vor vierzig Jahren schlief er auf der Pritsche im VW-Bus, den man gebraucht gekauft hatte. Oft sprach Grass vom Autodach herunter, während Friedhelm Drautzburg, der ihn durch sechzig Wahlkreise kutschierte, im Wagen saß und Radio hörte: „Als die Nachrichten den Nobelpreis für Heinrich Böll meldeten, reichte Drautzburg mir einen Zettel nach oben und ich hab das sofort vom Autodach herab verkündet: Einer von uns kriegt den Nobelpreis!“ Daß er die Auszeichnung selbst einmal erhalten würde, hat er damals noch nicht gedacht. „Später schon, zwanzig Jahre lang riefen ja jeden Herbst die Journalisten an, um mir zu sagen, daß ich auf der Liste stünde.“ Grass schüttelt den Kopf, und Stockholm ist wieder weit weg. Noch zwei Stunden bis Dresden.

In Hamburg scheint niemand etwas dabei zu finden, daß der Wahlkampf der ehemaligen Arbeiterpartei im Museum für Arbeit stattfindet. Aber kann man den engagierten Dichter, der sich solidarisch zeigt und Bündnisse ausruft - mit der Arbeiterklasse, mit der SPD, mit den Opfern von Stasi oder Hartz IV und nicht zuletzt mit anderen Autoren - nicht gleich mit in die Vitrine stellen? Grass weiß, wie groß die Gefahr ist, daß er zum Symbol eines Auslaufsmodells wird. Deshalb ist ihm so wichtig, daß mit Benjamin Lebert, Eva Menasse, Juli Zeh und Michael Kumpfmüller junge Autoren am Wahlkampf teilnehmen (siehe auch: Deutsche Schriftsteller im Wahlkampf), deshalb wettert er bei jeder Gelegenheit gegen das Feuilleton, dem er vorwirft, die jungen Kollegen einzuschüchtern und ihnen das politische Engagement auszutreiben.

Prügel für die Schriftsteller

Dabei zeigt Eva Menasses Hamburger Auftritt, daß der Streit um Engagement oder Nicht-Engagement die deutschen Autoren kaum weniger beschäftigt als die Frage, ob Merkel Schröder ablösen kann: Ausführlich erregt sich die junge Österreicherin über Kolleginnen und deren Artikel, aus denen sie zitiert, ohne die Verfasserinnen zu nennen, so daß kaum jemand im Saal versteht, worum es geht. Grass wird später achselzuckend sagen: „Daran muß sie sich gewöhnen. Jeder Schriftsteller, der sich engagiert, muß lernen, Prügel einzustecken. Auch und gerade von den Kollegen. Das war schon immer so.“

Lebert, Menasse oder Jens Sparschuh, der vom Neuen Forum und der Bürgerrechtsbewegung der DDR kommt, sie alle erhalten von Günter Grass einen Auftrag, der weit über den Wahlkampf des Jahres 2005 hinausgeht: „Daß sich Schriftsteller als Schriftsteller und Bürger einmischen, daß sie Kritik üben und Stellung beziehen, darf doch nicht aufhören. Wir haben ohnehin schon zu viele abgebrochene Traditionen in diesem Land. Ich will, daß das auch nach mir weitergeht.“ So ist dieses Engagement im Wahlkampf auch der Versuch, das eigene Haus zu bestellen.

Volkspartei ohne Volk

Sparschuh, der sich mit seinem Roman „Der Zimmerspringbrunnen“ (1995) schon früh als scharfer und humorvoller Beobachter deutscher Nachwendeverhältnisse erwies, ist an diesem Abend von Berlin nach Bischofswerda gekommen, weil ihn die politischen Verhältnisse in seiner früheren Heimat Sachsen bedrücken: Bei den letzten Wahlen hätten NPD und PDS fast schon die rechnerische Mehrheit geholt. Man könne doch nicht tatenlos zusehen, wie die Mitte immer dünner werde. Eine Volkspartei ohne Volk habe mehr als nur ein Identitätsproblem. Da kann der örtliche Bundestagskandidat nur nicken. Die SPD blieb bei der letzten Landtagswahl unter zehn Prozent, die Arbeitslosigkeit liegt mehr als doppelt so hoch, der Ortsverein von Bischofswerda hat kaum zwanzig Mitglieder und daß einer von ihnen zufällig Günter Grass heißt, hat zwar dazu geführt, daß jetzt der Nobelpreisträger gleichen Namens in der prächtigen Aula des Goethe-Gymnasiums spricht, wird aber auch nicht für den Sitz im Bundestag sorgen.

Den wird vermutlich die Kandidatin der CDU erringen, eine Sorbin wie Jurij Brezan, der über neunzigjährige Nestor der sorbischen Literatur, der an diesem Abend zwischen Grass und Sparschuh sitzt und Texte liest, die von Tod und Vergänglichkeit, Gerechtigkeit und Menschensprechen. Einen Moment, der seltsamer und anrührender wäre als dieser, kann es in diesem Wahlkampf nicht geben: Ein Greis, der von weither zu kommen scheint, aus einem anderen Jahrhundert, einer anderen Welt, unterwegs an einen anderen Ort, gibt nach seiner Lesung mit wenigen Worten zu verstehen, daß er nicht daran denkt, zu erklären, was an seinen Texten nun politisch gewesen sei.

Aus einer anderen Welt

Ist nicht auch dieser Wahlkampf eine Zeitreise? Kommt nicht auch Grass aus einer anderen Welt, in der für die Ostpolitik und gegen den Radikalenerlaß gekämpft wurde? Wie hat das alles angefangen? Mit dem Abendessen bei Wehner? Nein, früher, mit Willy Brandt, Berlins Regierendem Bürgermeister, dessen Reden er redigierte, den er verteidigen wollte, als Adenauer den Konkurrenten in seiner Regensburger Rede als „Herrn Frahm“, als uneheliches Kind und als Emigranten denunzierte. Das war 1961. Oder hat es nicht noch früher angefangen, als Grass sich fragte, wie es wohl kam, daß Willy Brandt, kaum älter als er, vor den Nazis floh, während er selbst noch beharrlich an den Endsieg glaubte?

Grass, der Schneckenreiter, denkt gern zurück. Melancholie, wenn er sie verspürt, läßt er nicht erkennen. Der Fortschritt ist ihm als Tradition liebgeworden. Noch immer sieht er ihn am ehesten in der SPD verkörpert und lacht über alle, die sagen, sie seien nicht „hundertprozentig zufrieden“ mit der Partei. „Mein Gott, womit ist man schon hundertprozentig einverstanden? Nach dem Aufstehen bin ich, wenn's gut geht, vielleicht zu 65 Prozent mit mir einverstanden, dann sinkt die Kurve und geht vielleicht am Abend, nach einem guten Glas, wieder nach oben. Oft liege ich sogar deutlich unter fünfzig Prozent. Ist das bei Ihnen etwa anders?“ Fünfundsechzig Prozent, lautet die Antwort, das sei doch eine absolute Mehrheit, von der selbst die CDU nur träumen könnte.

Quelle: F.A.Z., 16.09.2005, Nr. 216 / Seite 45
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Jahrgang 1962, Redakteur im Feuilleton.

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