05.09.2006 · Als Günter Grass am Montag abend in Berlin erstmals seine Memoiren vorstellte, ließ er sich weder von Demonstranten noch von unbequemen Fragen beeindrucken: „Ich stehe noch auf beiden Beinen und werde auch weiterhin den Mund aufmachen.“
Von Heinrich WefingHätte an diesem Abend, in alter Manier, über der Bühne des „Berliner Ensembles“ eine Losung gehangen, dann hätte sie wohl gelautet: „Schluß der Debatte“. Nicht mit einem Ausrufezeichen versehen, sondern mit einem Punkt: Die erste öffentliche Lesung aus Günter Grass' autobiographischem Werk „Beim Häuten der Zwiebel“ ist nicht als Diskussion angelegt, soll nicht noch einmal vertiefen, worum in den vergangenen Wochen so heftig gestritten und gerätselt wurde: warum der Nobelpreisträger erst jetzt, nach mehr als sechzig Jahren, von seinem Dienst bei der Waffen-SS gesprochen hat.
Der Auftritt, der als klassische Buchpremiere geplant war, soll den Dichter mit seinen Lesern vereinen. Nun möge das Buch sprechen, erklärt der Moderator Wolfgang Herles gleich zu Beginn des friedlichen Abends, und warnt vorsorglich, Grass werde „die berühmten Seiten 126 und 127“ des Buches nicht vorlesen, in denen er schildert, wie er zur SS kam.
Nach den Vorwürfen
Statt dessen liest Herles selbst die Passage und fragt dann doch, freilich nicht als „Großinquisitor“, immer wieder sich hinter der Formulierung verbergend, „nun haben Ihnen einige Kritiker vorgeworfen“. Grass läßt es über sich ergehen, wie einer, der sich nichts vorzuwerfen hat, wie einer, der erduldet, was mit ihm geschieht. Die Vorwürfe seien ihm schon „an die Nieren gegangen“, sagt er, aber „ich stehe noch auf beiden Füßen und werde auch weiterhin den Mund aufmachen“.
Überrascht zeigt er sich, wie häufig „die Literaturkritiker unter ihrem Niveau argumentiert“ hätten. Und wird, bestärkt von dem Beifall, den solche Äußerungen beim entschieden wohlwollenden Publikum hervorrufen, rasch angriffslustig. Über Joachim Fest, den ehemaligen Mitherausgeber der F.A.Z., der nach Grass' Bekenntnis gesagt hatte, er würde von diesem nicht einmal mehr einen Gebrauchtwagen kaufen, spottet der Dichter, man wisse ja, daß sich Fest von Albert Speer einen Zweitwagen habe andrehen lassen.
Lesung als Jungbrunnen
In die SS sei er, Grass, hineingeraten „ohne mein Zutun“. Vorzuwerfen habe er dem Siebzehnjährigen, der er einmal gewesen ist, ganz anderes. Daß er nicht nachgefragt habe, als sein Onkel standrechtlich erschossen wurde, als Mitschüler oder sein Lateinlehrer verschwanden. Daß er erleichtert gewesen sei, als der Kamerad beim Arbeitsdienst, ein Zeuge Jehovas, der den Drill an der Waffe verweigerte, weswegen sie alle geschliffen wurden, plötzlich nicht mehr da war - vermutlich abtransportiert ins Konzentrationslager.
Die Geschichte dieses Jungen, eines Verweigerers mit klassischen Gesichtszügen und edlem Charakter, ist die erste, die Grass aus seinem Buch liest. Tastend zunächst, sich räuspernd, dann gewohnt souverän und fesselnd. Grass nähert sich den Zuhörern wie einer Geliebten, die alles versteht, alles verzeiht, die Wärme und Kraft spendet. Und tatsächlich ist dieses Berliner Publikum ihm herzlich zugetan. Nach jedem der vier Kapitel, aus denen er im Laufe des Abends liest, wirkt er ein wenig frischer, eine Spur heiterer, steht von Mal zu Mal aufrechter, wenn er den Beifall entgegennimmt. Als er schließlich die Ode an seine „mechanischen Musen“ vorträgt, an seine ewig junge, ewig treue Olivetti in dreifacher Gestalt, eine Liebeserklärung an eine Schreibmaschine, hinter der die Frauen seines Lebens beinahe verschwinden, da ist aller Streit vergessen, da ist der Abend fast schon zur ganz normalen Lesung geworden, wie Grass sie unzählige Male zuvor erlebt hat: viel Beifall, lange Signierstunde.