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Günter Grass als SS-Kämpfer : Von Marschrouten und Proteststürmen

Selbstbildnis aus dem ersten Manuskript von „Beim Häuten der Zwiebel“ Bild: dpa

Das Günter-Grass-Haus geht in die Offensive: Die Lübecker Ausstellung porträtiert den Schriftsteller in seiner Militärzeit - mit einer großen Materialfülle, die Kontroversen nicht aussparend, dabei aber sichtlich um Ausgewogenheit bemüht.

          Ganz Lübeck ist auf den Beinen. Teile der Altstadtstraßen sind abgesperrt, Polizei flaniert, hinter rot-weißen Bändern warten zahllose Passanten. Günter Grass feiert seinen 87. Geburtstag, und das Haus, das seinen Namen trägt, präsentiert aus diesem Anlass ein neues Modul seiner Dauerausstellung: „Grass als Soldat“. Es geht darin um jene kurze Phase in seinem Leben, über die der Nobelpreisträger sechzig Jahre lang Entscheidendes verschwiegen hatte: seine Zeit in der Waffen-SS. Als Grass im August 2006 im Gespräch mit dieser Zeitung erstmals öffentlich über seine SS-Mitgliedschaft sprach, war die Empörung groß und das Medienecho weltweit.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Der Schriftsteller, der ein halbes Jahrhundert lang als moralische Instanz des Landes aufgetreten war, sah sich einem Proteststurm ausgesetzt. Seitdem sind acht Jahre vergangen. Still ist es nicht um ihn geworden. Dem Skandal des Jahres 2006 folgte jener des Jahres 2012, als Grass in seinem Gedicht mit dem Titel „Was gesagt werden muss“ Israel die Bedrohung des Weltfriedens vorwarf und abermals für Empörung sorgte. Wie soll das Ausstellungshaus in der Lübecker Altstadt, das seinen Namen trägt, mit den Skandalen umgehen, die der Nobelpreisträger verursacht?

          Das Günter Grass-Haus in Lübecks Glockengießerstraße ist ein Sonderfall unter den literarischen Gedenkorten des Landes: Es ist einem lebenden Autor gewidmet. Betrieben wird es nicht von ihm selbst, sondern von der Stadt Lübeck. Bei seiner Gründung im Jahr 2002 war das Haus als „Forum für Literatur und bildende Kunst“ gedacht und sollte vor allem die Grass’sche Mehrfachbegabung abbilden: das Wechselspiel zwischen dem literarischen Werk und den Zeichnungen, Grafiken und Skulpturen des ehemaligen Steinmetzlehrlings und Kunststudenten.

          Kritisch-despektierliche Äußerungen

          Vor zwei Jahren, zum zehnjährigen Jubiläum, hat der neue Leiter des Hauses, der Germanist und Historiker Jörg-Philipp Thomsa, mit dieser Ausstellungspolitik radikal gebrochen. Seitdem ist das Günter Grass-Haus bemüht, seine Unabhängigkeit unter Beweis zu stellen. Zur Einstimmung empfangen den Besucher Einschätzungen aus mehr als einem halben Jahrhundert. Von der Decke des Entrées hängen Novellen, Romane und Gedichtbände des Nobelpreisträgers in Übersetzungen in mehr als vierzig Sprachen herab, an der Wand stehen Sätze wie dieser: „Seit Thomas Mann hat kein deutscher Schriftsteller eine so große Wirkung auf die Weltliteratur gehabt“ (Nobelpreisträgerin Nadine Gordimer, 1992).

          Daneben erinnert Gerhard Zwerenz an den Bürgerschreck der frühen Jahre, als die Novelle „Katz und Maus“ auf den Index jugendgefährdender Schriften zu geraten drohte: „Günter Grass: Erster Eindruck: Mütter, hütet eure Töchter!“ (1961). Ein Schritt weiter, und man ist bei Friedrich Dürrenmatt angelangt: „Der Grass scheint mir viel zu wenig intelligent zu sein, um so dicke Bücher zu schreiben“ (1981). Mit derlei kritisch-despektierlichen Äußerungen wird nicht gespart. Das Grass-Haus geht in die Offensive. Es zeigt nicht länger allein den Künstler im Zwiegespräch mit sich selbst, sondern auch die öffentliche Person, die verehrt und angefeindet wird.

          Im Hauptraum ist die Ausstellung in fünf Stationen gegliedert: der Nationalsozialismus und seine Folgen, politisches Engagement, Skandale, Literatur und bildende Kunst. Das Thema des fünften Moduls, das alljährlich ausgetauscht wird, bestimmt eine Besucherumfrage: Unter den etwa 1200 Teilnehmern war eine knappe Mehrheit für die Kriegsepisode, dicht dahinter folgte das Thema „Grass und seine Kritiker“.

          Nüchternheit ist eingekehrt

          Das kleine Modul bietet eine große Materialfülle. In einer Wandvitrine sind Teile des Originalmanuskripts von „Beim Häuten der Zwiebel“ in verschiedenen Bearbeitungsstufen zu sehen, auf einem Multimedia-Tisch lassen sich zahlreiche Dokumente abrufen: Sie zeigen die Marschroute der SS-Panzerdivision „Jörg von Frundsberg“, der Grass angehörte, seine Kriegsgefangenenakte sowie den Heranwachsenden 1944 in der Uniform des Reichsarbeitsdienstes - mehr Bildmaterial hat sich aus jenen Jahren nicht erhalten. Klaus Wagenbach hat seine Aufzeichnungen aus dem Jahr 1963 zur Verfügung gestellt, aus denen hervorgeht, das Grass ihm damals von der Mitgliedschaft in der Waffen-SS erzählt hat.

          Korrespondierend lässt sich nachlesen, wie diese Zeitung Wagenbachs Versuch einer Ehrenrettung kommentierte. Auch das Interview vom 12. August 2006 in dieser Zeitung sowie Frank Schirrmachers Leitartikel mit der von Grass kritisierten Überschrift „Das Geständnis“ sind dokumentiert. Sie finden sich im benachbarten Modul mit dem Titel „Skandale“, wo auch der Brief nachzulesen ist, den Grass an den Stadtpräsidenten von Gdansk schrieb, als dort Forderungen laut wurden, ihm die Ehrenbürgerschaft seiner Geburtsstadt abzuerkennen. Wohl nicht alles, was hier gezeigt wird, darf mit rückhaltloser Zustimmung des Nobelpreisträgers rechnen. Die Ausstellung ist erkennbar um Ausgewogenheit bemüht. Hagiographie wird tunlichst vermieden, der Besucher soll sich selbst ein Urteil bilden.

          Nüchternheit ist eingekehrt in Lübeck. Die Feier zum 87. Geburtstag des Schriftstellers fand nicht im kleinen Grass-Haus statt, sondern im Theater der Stadt. Grass saß in der ersten Reihe, lauschte den Reden und dem Freund Mario Adorf, der fast fünfzig Minuten lang aus „Beim Häuten der Zwiebel“ vortrug. Adorf las aus dem vierten Kapitel: „Wie ich das Fürchten lernte“. Draußen standen derweil die Lübecker noch immer hinter rot-weißen Absperrbanderolen und brachen in Jubel und Anfeuerungsrufe aus, wann immer ein Teilnehmer des Lübecker Stadtmarathons in Sichtweite kam. Es war wohl Zufall, dass der Lauf ausgerechnet an diesem Sonntag stattfand. Am Grass-Haus führte die Läufer ihr Weg nicht vorbei.

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