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Großbuchhändler in der Krise Kein Einfachhandel

Der Weg zum Buchautomaten ist nicht mehr weit: „Können Sie mir etwas empfehlen?“ Schon jetzt scheint diese Frage in großen Buchkaufhäusern ausgestorben. Nun entlassen Hugendubel, Weltbild und Buch Habel das dazugehörige Personal.

© picture-alliance/ dpa Vergrößern Zweitgrößter Buchhändler Deutschlands seit 2007: Die DBH-Handelsgruppe

Als Heinrich Hugendubel 1964 die Buchhandlung am Münchener Salvatorplatz übernahm, die sein Urgroßvater mehr als siebzig Jahre zuvor gegründet hatte, hatte er einen Traum. Er wollte der größte Buchhändler aller Zeiten werden. Gemäß seines Mottos „Stillstand ist Rückschritt“ eröffnete er immer mehr Filialen und schuf 1979 am Marienplatz in München die erste Großbuchhandlung Deutschlands mit Rolltreppen, Leseinsel und Kaffeebar. Heute zählt seine „Welt der Bücher“ mit deutschlandweit 37 Filialen zu den Buchhandelsriesen und bildet unter dem Dach der DBH-Handelsgruppe zusammen mit Buch Habel, Weiland, Weltbild, Jokers und Wohlthat eine gigantische Verkaufsfront. Nach wie vor scheint gerade das Hugendubel-Modell die Kunden scharenweise anzulocken: Die Filiale in der Frankfurter Innenstadt jedenfalls ist zu Stoßzeiten in diesen Tagen wie immer überfüllt; vor den Kassen stauen sich die Kunden.

Doch nun gerät der Buchhandelsriese ins Wanken. So verkündete zunächst die Schwesterfirma Weltbild Ende Mai, dass in ihren 330 Buch-Discountern 322 von 1571 Stellen, also rund zwanzig Prozent, gestrichen werden. Als Anfang Juni der Arcandor-Konzern Insolvenz anmeldete, dessen Buchabteilungen in den Karstadt-Warenhäusern von Hugendubel und Weltbild bespielt werden, gab auch Hugendubel einen massiven Stellenabbau bekannt. Gründe nannten die Geschäftsführung, die nach Heinrich Hugendubels Tod vor vier Jahren an seine Kinder Nina und Max Hugendubel überging, mehrere: die inflationsbereinigt rückläufigen Umsätze des Buchhandels, das Flächenwachstum im Einzelhandel, die starke Online-Konkurrenz sowie verändertes Einkaufsverhalten. Ungefähr 400 Beschäftigte bei Hugendubel, vor allem im Berliner Raum, und 106 Beschäftigte der Schwesterfirma Buch Habel sollen davon betroffen sein, sprich ein Drittel der Belegschaft. Überdies wurden die Verträge der Auszubildenden aufgelöst, die im Herbst beginnen sollten.

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Selbstverstümmelungsmaßnahmen

Das ist überraschend: Zwar profitieren von ungefähr viertausend Buchhandlungen in Deutschland nur die allerwenigsten von den trotz Wirtschaftskrise immer noch stabilen Umsätzen der Branche, aber neben dem Online-Buchhandel sind in den letzten Jahren gerade die großen Ketten gewachsen, allen voran die Marktführer Thalia und DBH. So sprachen auch die Hugendubels vor einigen Monaten noch von einem überraschend guten Start ins neue Jahr, während der schwindende Mittelstand ums Überleben kämpft. In Frankfurts Innenstadt beispielsweise musste nach dem Zuzug von Hugendubel im Jahr 1990 ein Bucheinzelhandel nach dem anderen schließen. Von den größeren Buchläden ist hier einzig Carolus übrig geblieben - „dank eines klaren Profils“, wie die Geschäftsführerin Karin Lademann mit Nachdruck betont. Neben Belletristik, Taschenbüchern und Kinderbüchern, die auch bei Hugendubel zu finden sind, hat sich Carolus auf weibliche Themen, religiöse Literatur und Devotionalien spezialisiert, die der Großfilialist in diesem Umfang nicht anbietet.

Hugendubel 1 © picture-alliance / dpa/dpaweb Vergrößern Immer gut besucht: Die Leseinseln in der Hugendubel-Filiale in Frankfurts Innenstadt

Was bedeutet nun ein solch drastischer Personalabbau und Ausbildungsstopp im zweitgrößten Buchhandelsunternehmen Deutschlands für die Branche? Zunächst einmal folgt auf die Schlankheitskur der DHB-Filialen eine buchhändlerische Selbstverstümmelung: Wenn an Service- und Beratungspersonal gespart wird, muss folglich das Sortiment eine stärkere Zugpferdrolle spielen. Wie „selbstbedienungsorientiert“ kann Weltbild aber überhaupt noch werden? Während die Filialen mit schmalem Angebot, niedrigen Preisen und kaum Personal heute schon spartanische Resterampen sind, will sich Hugendubel künftig auf Unterhaltung, Kinderbücher, den Bereich „Besser leben“ und sogenannte Non-Books, also Geschenkartikel, Schreibwaren und ähnliches, konzentrieren.

Buchhändler vom Aussterben bedroht

Weniger Buchhändler, weniger Bücher, mehr Selbstbedienung - dies setzt einen Kurs fort, vor dem die Initiative Probuch München schon länger warnt: der Demontage des Buchhändlerberufes speziell bei Großfilialisten. Weil Buchhändler dort mehr und mehr zu Gemischtwarenhändlern würden und nur noch auspacken, was andere bestellen, sieht dieser Zusammenschluss angestellter und selbstständiger Buchhändler die Entwicklungen der Branche kritisch.

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Veröffentlicht: 05.07.2009, 13:29 Uhr