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Großbritannien feiert Dickens Sonderkorrespondent der Nachwelt

 ·  Kurz vor dem zweihundertsten Dickens-Jubiläum zeigt sich: In Großbritannien zieht man alle Register. Zum Fest gibt es Biographien, Verfilmungen, Ausstellungen und Kernsätze.

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© The Charles Dickens Museum, London Heute ist er eine britische Institution: Charles Dickens im Jahr 1852

Gemessenen Schrittes wandert eine Figur, die wir nie erblicken, durch die nächtlichen Straßen Londons. Wir sehen, was sie sieht, und während die Bilder über die Leinwand huschen, hören wir den Widerhall männlicher Schuhsohlen auf dem Bürgersteig, ein klackendes Geräusch, das die gesprochenen Beobachtungen atmosphärisch untermalt.

Die Bilder sind von heute, aber die Worte stammen von Charles Dickens, der die Leiden der Schlaflosigkeit durch lange Stadtwanderungen zu bezwingen suchte und sich dabei mit den unzähligen „Unbehausten“ der viktorianischen Metropole identifizierte. Sein Hauptziel sei gewesen, durch die Nacht zu kommen, und dieses Ziel habe ihn in Bezug zu Menschen gebracht, die jede Nacht des Jahres kein anderes Ziel hätten, berichtet der sozial engagierte Dickens am Anfang der Schilderung seiner nächtlichen Streifzüge.

Dickens-Feuilletons für Pakistans Bühnen

Der experimentelle Dokumentarfilmemacher William Raban unterlegt in seinem Filmessay „The Houseless Shadow“ den Text von Dickens mit Szenen aus dem heutigen London bei Nacht. Diese Gegenüberstellung zweier in der unsichtbaren, Dickens wie Raban verkörpernden Figur des Nachtflaneurs zusammenkommender Epochen soll freilich die Aktualität des Schriftstellers vor Augen führen, dessen zweihundertster Geburtstag am 7. Februar in seiner britischen Heimat Anlass gibt zu einer geradezu dickensschen Fülle von Biographien, Verfilmungen, Ausstellungen, Editionen, Tagungen, Aufführungen und Gedenkfeiern jeder Art.

Der British Council nutzt das Jubiläum, um mit dem nach Shakespeare meistwahrgenommenen Schriftsteller der Nation in fünfzig Ländern, von Armenien bis Zimbabwe, Kulturpolitik zu machen. So versammeln sich Claire Tomalin, Autorin der vielgepriesenen neuen Dickens-Biographie, und zeitgenössische Schriftsteller wie A. S. Byatt, John Burnside und Philip Henscher Ende Januar in Berlin, um sich zu der Frage „Was würde Dickens heute schreiben?“ auszutauschen; in Pakistan wird die Theatertruppe Punchdrunk mit örtlichen Künstlern Dickens’ weniger bekannte Feuilletons so bearbeiten, dass sie für das Gastland relevant sind, klassische Dickens-Verfilmungen wie David Leans „Große Erwartungen“ werden durch die Welt geschickt, und Schulen können internationale Dickens-Lehrprogramme wahrnehmen.

Amerika gedenkt unter anderem der beiden Lese-Tourneen des Autors, bei denen Dickens empfangen wurde wie heute die Superstars der Rockszene, und in England finden neben der feierlichen Kranzniederlegung am Dickens-Grab in der Dichterecke von Westminster Abbey am Geburtstag selbst im Lauf des ganzen Jahres landauf, landab etliche Veranstaltungen statt. Dazu zählt auch eine kleine bibliophile Ausstellung der British Library zu Dickens’ Beschäftigung mit dem Paranormalen, die sich in seinen die viktorianische Faszination mit dem Tod spiegelnden Gespenstererscheinungen manifestiert.

Es wird sich schon etwas ergeben

Demnächst kommt außerdem eine neue Zwei-Pfund-Münze in Umlauf, der neben einem aus den Titeln der berühmtesten Werke zusammengesetzten Porträt von Dickens eines der Motti des ewig zuversichtlichen Schuldners Mr Micawber aus dem autobiographischen „David Copperfield“ aufgeprägt ist: „Something will turn up“ - eine passende Devise für die auf Pump lebende Gesellschaft, deren Exzesse Dickens mit moralisch-satirischer Feder angeprangert hätte.

Die Festivitäten belegen nicht nur den nachhaltigen Ruhm des Autors, der nach den Worten seines Freundes William Thackeray „gelassen und bescheiden kam und an der Spitze der englischen Literatur Platz nahm“. Sie bekräftigen zudem die breite Popularität, die George Orwell in einem großen Essay auf Dickens’ Fähigkeit zurückführte, „in einer komischen, einfachen und daher einprägsamen Form dem angeborenen Anstand des gemeinen Mannes“ Ausdruck zu verleihen. Dickens habe einen Kodex artikuliert, an den im Großen und Ganzen selbst jene glaubten, die dagegen verstießen, so Orwell. Anders lasse sich schwer erklären, „wie er sowohl von Arbeitern gelesen werden (was keinem anderen Schriftsteller seines Ranges geschehen ist) als auch in Westminster Abbey begraben werden konnte“.

Literatur mit kinematographischem Eigenschaften

Obwohl die unlängst ausgestrahlten BBC-Bearbeitungen von „Große Erwartungen“ und dem unvollendeten Kriminalroman „Das Geheimnis des Edwin Drood“ den steten Verkauf seiner Werke deutlich angekurbelt haben, wird Dickens zumal in der Schule, wo Lehrer computerbesessenen Kindern Literatur in verdaulichen Häppchen verabreichen, nicht mehr so intensiv gelesen wie noch vor siebzig Jahren, als Orwell seine Gedanken festhielt. Dennoch ist Dickens eine Institution geblieben, sei es durch seine ständige Präsenz auf dem Zehn-Pfund-Schein, seine „Erfindung“ der modernen englischen Weihnacht als geselliges, besinnliches und häusliches Familienfest, durch seine suggestiven Wortschöpfungen, die in den täglichen Sprachgebrauch übergegangen sind, oder durch die berühmtesten seiner 13 143 Typen und Figuren wie Scrooge, Pickwick und Uriah Heep, die sich im populären Bewusstsein verselbständigt haben.

Seine als geradezu kinematographisch empfundene Wahrnehmung, der Wechsel zwischen Groß- und Nahaufnahme, der spannungsreiche Schnitt von einer Szene zur nächsten, die Parallelführung der Erzählfäden, die visuelle Sensibilität, die phantastischen, makabren Handlungen ebenso wie deren moralisches Schwarz-Weiß-Schema haben die Phantasie von Filmemachern seit den Anfängen des bewegten Bildes beflügelt, so dass Dickens sogar als Vorläufer der Filmkunst beansprucht worden ist, wie die faszinierende BBC-Dokumentation „Dickens on Film“ dieser Tage erläuterte.

Eine Liebesaffäre mit London

Besonders treffend erscheint William Rabans filmische Annäherung an Dickens. Sein kurzer, poetisch-eindringlicher Essay ist ein Auftragswerk des Museum of London, das die einer Liebesaffäre gleichende Beziehung von Dickens zur Hauptstadt mit der entsprechend lebendigen thematischen Ausstellung „Dickens and London“ würdigt. Schon zu Lebzeiten hatte sich dessen mitunter überzogene Darstellung der brodelnden Metropole derart eingeprägt, dass die Straßen mit seiner imaginativen Umsetzung des Beobachteten übereinzustimmen schienen und beim erstmaligen Besucher Wiedererkennungsmomente schufen. Ein amerikanischer Reisender schrieb 1843, dass er bei seiner Ankunft in London meinte, schon einmal dagewesen zu sein. Die Droschkenkutscher mit ihrer eigenwilligen Ausdrucksweise, die wandernden Reklamen in der Gestalt eines zwischen zwei Tafeln versteckten Jungen und hundert andere Gestalten seien wie „Inkarnationen von Dickens’ Figuren“ gewesen.

Dickens und London sind unzertrennlich. Die Stadt nährt seine Kunst und ist weit mehr als bloße Kulisse für seine pikareske Welt. Dickens erhebt die Metropole zur schillernden Protagonistin, deren Abgründe ähnlich den Unzulänglichkeiten seiner grotesken Karikaturen die tiefe Anziehung des Abscheulichen auf ihn ausüben. Sein Freund und Biograph John Forster erzählt, wie das damalige Elendsviertel rings um Seven Dials in Covent Garden Dickens „zutiefst glücklich“ machte: „,Großer Gott’, pflegte er auszurufen, ,welch’ wilde Wunder des Bösen, der Not und der Bettlerei sind in meinem Kopf aus diesem Ort entsprungen!’“

Eine ungreifbare Figur

Die Schau veranschaulicht, wie eng des Autors Kreativität mit dem großstädtischen Labyrinth verwoben war. Mit „grabschenden Auge“, so sein Freund, der Schauspieler William Macready, und feinsinnigem Ohr für die Nuancen der Sprache saugte er das Leben der Metropole auf. Der Ökonom Walter Bagehot nannte ihn einen Sonderkorrespondenten der Nachwelt. Durch frühe Fotografien, sentimentale viktorianische Genre-Gemälde, archäologische Funde, Dickens-Handschriften und -Memorabilien, darunter der eigens für seine dramatischen Vorträge angefertigte Lesepult, vermittelt die Schau ein Panorama der wuchernden Stadt und der Umbruchszeit. In seiner fieberhaften, experimentierfreudigen Dynamik, in seinen Widersprüchen, in seiner Rührseligkeit, in seinen Zweifeln und Hoffnungen tritt Dickens geradezu wie die Verkörperung der Epoche hervor.

Seit seinem Tod 1870 sind mehr als zweihundert Biographien erschienen. Trotzdem, so argumentiert der Oxforder Akademiker Robert Douglas-Fairhurst, der zum Jubiläumsjahr mit „Becoming Dickens“ eine hochoriginelle Studie über die „Erfindung des Romanschriftstellers“ vorgelegt hat, lasse sich die Figur so wenig festnageln wie ein Tropfen Quecksilber. Douglas-Fairhurst weist darauf hin, dass wir nicht einmal mit Bestimmtheit sagen können, welche Augenfarbe Dickens hatte. „Klare blaue intelligente Augen“, wie Thomas Carlyle berichtete? Ein „dunkel-stählernes warmes Grau, das aus etwas Entfernung wie Braun wirkte“, so der Maler William P. Frith? Schwarz, wie eine anonyme Amerikanerin behauptete, oder ein „strahlendes Nussbraun“? Im Wust der Informationen sind immer wieder neue Gesichter des Schriftstellers zu entdecken, der sich selbst dem Beinamen „der Unnachahmliche“ verlieh und trotzdem meinte, er hätte genauso gut ein kleiner Dieb werden können.

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Jahrgang 1957, Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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