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Grass und die SPD Lasst diese Partei nicht im Stich!

07.04.2009 ·  Wir wollen unseren alten Kaiser Willy wiederhaben: Günter Grass, der Pionier des politischen Engagements, eröffnet in der Berliner Parteizentrale der SPD seinen persönlichen Wahlkampf und gibt sich kampfeslustig wie eh und je.

Von Andreas Kilb
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Auf einem Foto, das Robert Lebeck im Sommer 1965 während der ersten Wahlkampfreise von Günter Grass aufgenommen hat, sitzt der Autor der „Blechtrommel“ in der Halle des Stuttgarter Bahnhofs. Er reist mit großem Gepäck, darunter zwei dicken Rollen mit Wahlplakaten, und der Straßenfeger, der hinter ihm den Bahnhofsboden kehrt, möchte den bärtigen Mann mit den vielen Koffern und Taschen am liebsten gleich mit wegfegen, so eifrig schwingt er hinter ihm seinen Besen. Aber Grass bleibt sitzen. Er wirkt erschöpft und dennoch kampfeslustig, sein Weg ist noch weit, seine Mission noch nicht erfüllt. Vielleicht liegt ja Würzburg noch vor ihm, die Stadt Sankt Kilians, wo er den Messdienern des Bischofs den Namen Tilman Riemenschneider entgegenschleudern wird, oder Cloppenburg, wo, wie er später schreibt, selbst die Kühe katholisch sind. Sie werden seinen Plakaten nicht entgehen.

Es ist dieser Günter Grass, den die SPD im Wahljahr 2009, dem vielleicht schwersten ihrer jüngeren Geschichte, zu ihren Fahnen rufen will, der Kämpfer, der Nimmermüde, der Pionier des politischen Engagements. Und es gehört zur leisen Tragik des Abends im Berliner Willy-Brandt-Haus, auf dem die Berufung verkündet wird, dass dieser Kraftkerl Grass nicht mehr da ist, obwohl ihn alle, auch der heutige Günter Grass, sehnlichst herbeiwünschen. Fünfundvierzig Jahre später hat die Zeit ihr Werk getan, und vor dem Foto, das jetzt Teil einer Grass-Ausstellung ist, steht am Rednerpult der Nobelpreisträger, der Weltschriftsteller, der literarische Repräsentant Günter Grass, ein Mann, dem die Denkmäler, die man ihm dereinst setzen wird, schon auf die Schultern drücken. Lasst die SPD nicht im Stich, sagt er, „wir sind auf diese Partei angewiesen“. Es klingt, als riefe ein alter Medizinmann noch einmal die Hilfe der Götter herab für seinen bedrohten Stamm.

Ein Bürger für Brandt

Strenggenommen geht es an diesem Abend noch gar nicht um die Bundestagswahl. Es geht um die Ausstellung, die der Freundeskreis des Willy-Brandt-Hauses, das Kulturforum der Sozialdemokratie und das Lübecker Günter-Grass-Haus für den Einundachtzigjährigen eingerichtet haben: „Ein Bürger für Brandt. Der politische Grass“. Die kleine, an einer Seite des dreieckigen Innenhofs aufgebaute Schau aus Stelltafeln, Flugblättern und Faksimiles historischer Presseerzeugnisse gewährt einen kurzen, aber tiefen Blick in die Zeit, als die Frauen noch toupierte Haarhelme und die Männer Hornbrillen trugen, als die DDR noch in Anführungszeichen stand und die Forderung nach Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze ein Sakrileg war.

Man erfährt, wie Grass nach Jahren des Künstlerekels vor jeglicher Politik durch die Begegnung mit Willy Brandt zum SPD-Wahlkämpfer wurde, wie er nicht nur den „Schwarzen“, sondern auch vielen Genossen ein Dorn im Auge war und sich im Herbst 1969 schließlich doch zu den Siegern der bundesdeutschen Geschichte zählen durfte. Die Schlusstafel der Ausstellung ist der Kritik von Grass an Tempo und Modus der Wiedervereinigung gewidmet, und auch wenn der schrille Ton seiner Kommentare von damals immer noch befremdet, steht die Hartnäckigkeit seines Neins heute doch in milderem Licht. Der Katalog, ein fünfzigseitiges „Weiter so!“, vergleicht ihn mit Cato dem Älteren, dem reinsten aller Römer.

„Ohne 1969 kein 1989“

Und „Weiter so!“ ruft auch die SPD in Gestalt ihres Kanzlerkandidaten Steinmeier dem Gefeierten an diesem Aprilabend zu. Nur dass sie ihre Aufmunterung in eine Bitte kleidet: „Bleib dabei!“ Zwar kommt in dem kurzen Abriss seiner éducation sentimentale, mit dem Frank-Walter Steinmeier sein Bekenntnisbuch „Mein Deutschland“ beginnt, der Name des Nobelpreisträgers nicht vor, aber vor dem Publikum in der Berliner SPD-Zentrale ist Steinmeier der ranghöchste Grass-Bewunderer der Republik. Seine Rede, die den dichtenden Wahlkämpfer von damals mit dem Deutschland-Skeptiker von heute versöhnen möchte („ohne 1969 kein 1989!“), kann den Staub ehrlicher Routine nicht ganz abschütteln. Vielleicht ist nicht Schröder, sondern Brandt das Vorbild, dem Steinmeier nacheifern muss.

Grass bedankt sich, indem er liest: das Wehner-Porträt aus seinem „Tagebuch einer Schnecke“, das Warschau-Kapitel aus „Mein Jahrhundert“, dann ein paar mehr oder weniger politische Kurzgedichte aus dem Band „Fundsachen für Nichtleser“. Anschließend erzählt er, wie er Herbert Wehner in einem langen Streitgespräch vom Sinn privater Wählerinitiativen überzeugte. „Das“, habe Wehner endlich gesagt, „ist Leninsche Bündnispolitik!“ So verstand man sich durch Nichtverstehen.

Über den Köpfen der Grass-Leser, die sich vor dem Autogrammtisch anstellen, während die Zuhörer ins Freie strömen, hebt Rainer Fettings Willy-Brandt-Statue ihre segnende Hand. Der Platz des Schutzheiligen gegenüber ist noch frei. Würde heute Abend abgestimmt, wäre klar, wem er gebührt.

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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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