16.08.2006 · Günter Grass hat in einem Fernsehinterview noch einmal das lange Schweigen über seine SS-Vergangenheit verteidigt. Sein Verlag gab den Verkauf seiner Autobiographie ab sofort frei. Ursprünglich sollte das Buch erst am 1. September in den Handel kommen.
Der Schriftsteller Günter Grass hat das jahrzehntelange Verschweigen seiner Mitgliedschaft bei der Waffen-SS wieder damit begründet, er sei aus Scham vorher nicht in der Lage gewesen, darüber zu sprechen. Trotz aller Kritik an seinem späten Bekenntnis müsse er nun dazu stehen, „und ich werde mir sicher noch lange diese Vorwürfe anhören können“, sagte der Literatur-Nobelpreisträger in der ARD.
Der 78jährige verwies ansonsten auf seine Autobiographie „Beim Häuten der Zwiebel“: „In diesem Buch, da ist es Thema, ich habe drei Jahre daran gearbeitet, und da steht alles, was ich zu der Sache zu sagen habe. Wer richten will, mag richten.“ Grass' spätes Bekenntnis wird seit Tagen in der Öffentlichkeit kontrovers diskutiert.
Verkaufstart vorgezogen
Das neue Buch ist ab sofort im Handel. Der ursprünglich für den 1. September vorgesehene Verkaufsbeginn sei angesichts der aktuellen Debatte vorgezogen worden, teilte eine Sprecherin des Steidl Verlags am Mittwoch in Göttingen mit. Die Startauflage des Buches beträgt 150.000 Exemplare. Einige Buchhandlungen hätten wegen des großen Interesses bereits vor der Freigabe das Werk verkauft, sagte die Verlagsprecherin.
Die von manchen Kritikern geforderte Aberkennung des Nobelpreises hatte die schwedische Nobelstiftung am Dienstag jedoch ausgeschlossen. Die Kritiker werfen Grass unter anderem vor, er hätte seine Waffen-SS-Mitgliedschaft schon viel früher öffentlich machen müssen, er sei des Nobelpreises nicht mehr würdig oder habe mit seinem Schweigen selbst seine moralische Integrität untergraben. Dazu sagte Grass: „Was ich jetzt zur Zeit erlebe, das hat - von einigen Leuten jedenfalls - mit sehr viel Selbstsicherheit zu tun und führt zu einem Aburteilen, ja, als sollte ich zu einer Unperson gemacht werden und all das im Nachhinein in Frage stellen, was mein späteres Leben ausgemacht hat. Und dieses spätere Leben war unter anderem von dieser Scham gezeichnet.“
„Heuchelei von verblüffender Dimension“
Der SPD-Politiker Egon Bahr (84) verteidigte Grass gegen die Vorwürfe. Grass' Lebenswerk werde durch die Waffen-SS-Mitgliedschaft und sein langes Schweigen „nicht berührt“, schrieb Bahr in der „Frankfurter Rundschau“ am Mittwoch. Grass hat in der Vergangenheit in Wahlkämpfen häufig die SPD unterstützt.
Die rechtsliberale dänische Tageszeitung „Jyllands-Posten“ meint am Mittwoch zum Eingeständnis des Schriftstellers: „Bei Günter Grass hat sich eine Heuchelei von verblüffenden Dimensionen offenbart. Mehr als 60 Jahre hat er seine dunkle Vergangenheit verheimlicht, während er gleichzeitig Deutschlands moralisches Gewissen, den geistigen Züchter und Wahrsager für die ganze Nation gab. Grass ist der chronische Verärgerte gewesen. Immer wieder hat er sogar den Knüppel ausgerechnet über den deutschen Hang zum Verschweigen der düsteren Nazi-Zeit geschwungen. (...) Man hat gemeint, daß Grass mit der Enthüllung seines Geheimnisses zögerte, weil er Jahrzehnte lang Anwärter auf den Nobelpreis war. Den hätte die Akademie in Stockholm ihm vielleicht nicht zuerkannt, wenn seine Vergangenheit in der Waffen-SS bekannt gewesen wäre. Das kann schon sein, aber der Preis sollte auf keinen Fall annulliert werden. Er ist der meistverdiente seit vielen Jahren. Grass ist als Autor von einzigartigem Format.“