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Grass-Memoiren : Da liegt der Gammelhund begraben

  • -Aktualisiert am

Mann, der konnte es! Günter Grass am Waschbrett Bild: Helmut Fricke

Günter Grass erzählt in „Beim Häuten der Zwiebel“, er habe in Düsseldorf mit Louis Armstrong gejazzt. Der Mann am Banjo, Günther Scholl, den Grass in seinem Roman „Scholle“ nennt, erzählt die wahre Geschichte.

          Ist das wahr? Hat Günter Grass mit Louis Armstrong gejazzt? So steht es in der Grass-Biographie von Michael Jürgs: Armstrong kam vorbei im Düsseldorfer "Csikós" und war so beeindruckt von der Combo aus Flöte, Banjo und Waschbrett, daß er sich die Trompete aus dem Wagen holen ließ, um eine kleine Glückseligkeit lang mit den unbekannten Musikern eine Dixieland-Jamsession abzuhalten, "die Grass nie vergessen wird". Grass hat die Geschichte immer noch nicht vergessen, sondern in seinem Erinnerungsbuch "Beim Häuten der Zwiebel" soeben noch einmal, freilich die Möglichkeit fiktiver Elemente andeutend, erzählt und im Gespräch mit dieser Zeitung bestätigt.

          Stimmt die Geschichte? Wer soll das wissen, nach einem halben Jahrhundert? Günther Scholl muß es wissen. Er ist der Banjo-Spieler, der von Grass als Teilnehmer der Session benannt wird. Er ist "Scholle", der "Gitarrist" aus der "Blechtrommel", in der der Dichter schon einmal seiner Waschbrettvergangenheit ein Denkmal gesetzt hat. Er ist derjenige, der mit dem Flötisten Horst Geldmacher (dem "Klepp" des Romans) und Grass am Waschbrett in der Düsseldorfer Kneipe gejazzt hat.

          „Ich war genau das, was Grass nicht sein wollte“

          Im Zwiebelbuch kommt er wieder vor. Was Grass über ihn zu sagen hat, klingt ein wenig maliziös: "Der dritte war der Gitarrist und Banjospieler Günther Scholl, der aufs künstlerische Lehramt studierte und später auch prompt Zeichenlehrer wurde, jemand der immer gute Laune zur Schau stellte." Scholl, dazu befragt, formuliert es mit anderem Akzent: "Ich war genau das, was Grass nicht sein wollte: Zeichenlehrer." Ihm war es ernst mit dem Beruf.

          Fiktive Elemente: Günter Grass mit seinem neuen Roman

          Günther Scholl, Jahrgang 1923, lebt heute mit seiner Frau im toskanischen Casesi und in Hersel bei Bonn. Für alle, die ihn kennen, ist er eine Institution. 1955 wurde er Zeichenlehrer am Beethoven-Gymnasium in Bonn und blieb es zweiunddreißig Jahre lang. Generationen von Schülern hat er auf seine Weise unterrichtet. In seinen Kunstkeller, ausgestattet mit Wartesaalbänken, Fotolabor, Schlafgelegenheit und altem Grammophon, konnte man kommen, wann immer man wollte.

          „Das ist dem Scholl sein Tod“

          Vom Großmarkt holte er Gemüsekisten als Fächer für die Arbeiten seiner Schüler. Sie stapelten sich an den Wänden und bildeten ein riesiges Archiv der Begabungen. Seine Schüler lernten einen Künstler-Handwerker kennen, der an der mächtigen Presse die Technik der Radierung lehrte oder im Labor verriet, wie Fotos zu entwickeln sind. Man konnte viel lernen im Keller, weil Scholl Toleranz mit Strenge im Namen der Kunst verband: "Genie ist Fleiß." Der inspirierte Augenblick, der das Kunstwerk hervorbringt, mag sich selten einstellen, aber das Handwerk ist erlernbar: Etwas Gelungenes noch einmal hinbekommen können, das sei das Ziel.

          Als die Grünen Anfang der Achtziger mit Joseph Beuys eine Wahlkampfveranstaltung in der Schulaula abhielten, fand Beuys den Weg in den Kunstkeller und taufte ihn "Organ-Station". Das traf es gut: Hier wuchs, wer wollte. Manfred Seidler, der großbürgerlich-weltläufige Rektor, hielt Scholl unterdessen den Rücken frei. Als die Oberstufenreform mit ihrem Papierkram kam und man die Abiturthemen zur Genehmigung in Düsseldorf einreichen mußte, ahnte Seidler - in Scholls Worten: "Das ist dem Scholl sein Tod." Denn: "Was ich sonst im Affekt erfinde, kann ich auf Kommando nicht." Dank der Symbiose von Bürger und Künstler überlebte der Kunstkeller, ein wunderbares Schülerrefugium, ein Labor der Freiheit.

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