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Googles Freizeitzentrum : Venice Beach, wo der Circle Wirklichkeit wird

  • -Aktualisiert am

Das Binocular Building in Venice Beach, wo Google-Mitarbeiter ihre Freizeit verbringen Bild: Jan Brandt

Kalifornische Firmen bestimmen unser Leben. Googles Büro in Los Angeles ist ein Symbol der Beobachtungswelt, wie sie Dave Eggers Roman „The Circle“ entwirft. Eine Zurückbeobachtung.

          Venice Beach hat zwei Seiten. Da ist zum einen der Strand mit seinen Freaks, die auf der Promenade abhängen: Unter einem Plastikpavillon liegt ein Hund mit Spitzenunterwäsche voller Geldscheine. Ein ganz in Weiß gekleideter Mann mit Turban und Gitarre fährt auf Rollschuhen an den Touristen vorbei und spielt Songs von Jimi Hendrix. Ein anderer zieht eine Box hinter sich her, hält ein Mikro in der Hand und rappt, je nachdem, wer ihm begegnet oder was die Leute zu ihm sagen. Der Weg ist gesäumt von mobilen Henna-Tattoo-Studios und Handlese-Ständen. Skater zeigen ihre Kunststücke in einem Betonpool. Bodybuilder schwitzen in der Mittagssonne unter kiloschweren Hanteln. Maler und Schmuckdesigner stellen ihre Werke aus. Und überall gibt es T-Shirts mit dem Aufdruck „Venice Beach“ zu kaufen.

          Abseits davon gibt es noch das andere Venice Beach, östlich der Main Street, das in keinem Reiseführer beworben wird: Busparkplätze, Reinigungen, Lagerhäuser. Wenn das Binoculars Building nicht wäre, würde es wie ein ganz normales Industrie- und Wohngebiet aussehen. Aber das gigantische, von Claes Oldenburg und Coosje van Bruggen entworfene Fernglas ist nicht zu übersehen.

          Aufrecht steht es zwischen einem weißen und einem braunen Kasten, als hätte es dort ein Riese abgestellt. Konzipiert hatte der Architekt Frank Gehry das ganze Gebäude Mitte der achtziger Jahre für die Werbeagentur Chiat/Day – jene Agentur, die für den preisgekrönten „1984“- Spot und die „Think Different“- Kampagne von Apple verantwortlich war. Doch es wirkt wie gemacht für seinen neuen Besitzer: das alles und jeden durchschauende Unternehmen Google.

          Ich stelle meinen Wagen in einer Parallelstraße ab, der 3rd Street, unter einem Schild mit der Aufschrift: „Dieses Gebiet wird rund um die Uhr von Kameras bewacht.“ Aber wohin ich auch blicke: Ich kann nur kreisrunde Spiegel erkennen. Keine Kameras. Womöglich sind sie so klein wie die SeeChange-Geräte in Dave Eggers’ „The Circle“. Dafür liegen überall Pappkartons, Matratzen und Decken herum. Und in den Bäumen sind Hängematten vertäut. Dann gehe ich zurück zum Binoculars Building, vorbei am Fahrradstand – wo mehr Surfbretter stehen als Fahrräder –, an einer Grünfläche aus Kunstrasen und unter dem Fernglas hindurch auf die gläserne Eingangstür zu.

          „Guten Tag, was kann ich für Sie tun?“ Die Stimme kommt aus einer Box neben mir. Die Frau, die zu der Stimme gehört, sitzt am Empfangstresen, den ich durchs Fenster sehen kann.

          „Ich würde mir gerne das Gebäude anschauen.“

          „Dies ist ein Büro.“

          „Dann das Büro.“

          „Das geht nicht.“

          „Warum nicht?“

          „Weil es nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist. Nur für die Mitarbeiter von Google.“

          Von der Einfahrt aus mache ich ein Foto, und in dem Moment sehe ich in einem der Fenster junge Menschen Billard und Computerspiele spielen. Das Fernglas und der Raum davor sind das Freizeitzentrum von Google. Und da denke ich: Das passt zu Venice. Denn der Ort, der seit langem zu Los Angeles gehört, wurde 1905 als Kurort vom Tabak-Tycoon Abbot Kinney gegründet. Im sumpfigen südlichen Teil ließ er Kanäle anlegen– daher der Name –, ein Vergnügungsviertel mit Konzerthallen, Tanzlokalen und schwimmenden Restaurants und eine Einkaufsstraße mit Säulengängen im italienischen Stil. Während der Wirtschaftskrise verkam die Gegend zum „Slum by the Sea“, und nach dem Krieg zog die Beat Generation in die billigen Häuser ein, Künstler, Musiker, Schriftsteller – junge Bohemiens, die, wenn sie noch leben, alt geworden sind und bald einer neuen Generation Platz machen müssen.

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