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Donnerstag, 09. Februar 2012
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Googles Buchimperium Operation Parasitenverlag

31.07.2009 ·  Google will nur unser Bestes: Geld. Beim umstrittenen Buchsuche-Projekt redet man endlich Klartext und täuscht nicht länger Visionen vor. Wohin die Reise geht, ist klar: Google strebt an, über den Schleichweg „Online-Zugang“ den gesamten Buchhandel zu dominieren.

Von Oliver Jungen
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Wirklich geglaubt hatte man es Google ja nie, bloß spielen zu wollen und nebenbei Ordnung ins Weltwissen zu bringen. Viele Jahre lang aber gab es zu dem gewaltigen Buchscan-Projekt nur nebulöse Informationen. „In Deutschland durfte man dazu überhaupt nichts sagen“, verriet jetzt der Google-Pressesprecher Stefan Keuchel. Diese Strategie hat sich soeben grundlegend geändert. Das Unternehmen gibt sich plötzlich gesprächig – und legt dabei die Maske des digitalen Freiheitskämpfers ab. Nichts nämlich wäre hemmender als das alte Gratis-Image. Plötzlich wird deutlich, worum es hier von Anfang an ging: das große, ganz große Geschäft.

Nun hat das Softwareunternehmen zum „Round Table Buchsuche“ in die Münchener Niederlassung geladen, die sinnigerweise in der Dienerstraße liegt. Im Dienste des Universalwissens zu stehen, damit hatte Google lange geschickt kokettiert. Das „kulturelle Erbe der Welt“ führte der Direktor der Google-Buchsuche für Europa, den Nahen Osten und Afrika, Santiago de la Mora, noch vor einem Jahr im Munde. In München war jedoch nur noch von „komplett neuen Businessmodellen“ die Rede. „Dinge verändern sich, Situationen verändern sich“, erklärt Annabella Weisl, die für Deutschland zuständige Buchsuche-Managerin, dazu lapidar. Es ist wohl eher so, dass Dinge und Situationen irgendwann sichtbar werden.

Politik der vollendeten Tatsachen

Vor fünf Jahren hat Google mit der systematischen Digitalisierung von Büchern begonnen. Große Teile der Bestände von dreiundzwanzig amerikanischen, sechs europäischen und einer asiatischen Spitzenbibliothek werden zurzeit eingescannt, darunter auch urheberrechtlich geschützte, nicht mehr im Handel befindliche Werke. Während gemeinfreie Texte auf „Google Books“ schon heute komplett einsehbar sind, werden von den noch geschützten Büchern nur einzelne Schnipsel anzeigt: Ob das schon Piraterie ist oder nur Zitation, ist rechtlich noch nicht geklärt.

Ergänzend kommt das Partnerprogramm hinzu: Fünfundzwanzigtausend Verlage lassen Google heute digitale Komplettkopien ihrer Bücher für Vorschauzwecke erstellen, wobei in der Regel nur zwanzig Prozent des Inhalts in der Google-Buchsuche sichtbar sind. Wer das ganze Buch lesen möchte, muss es – bislang noch regulär – erwerben. Insgesamt umfasst die Datenbank bereits zehn Millionen neue und alte Bücher. Unruhig wurde die Buchbranche erstmals am 28. Oktober 2008, als der bislang noch nicht gerichtlich bestätigte Vergleich bekanntgegeben wurde, den Google mit amerikanischen Rechteinhabern geschlossen hat. Von Raub oder Enteignung ist die Rede, weil der einzelne Autor der Google-Vermarktung seines Werkes nicht mehr zustimmen muss, sondern nur das Recht hat, dies im Nachhinein ablehnen zu können („Opt out“). Die VG Wort versucht, ein allgemeines Opt-out für Bücher deutscher Rechteinhaber durchzusetzen.

Auf dem Sprung zum Buchmonopolist

Wie also sieht Googles Geschäftsmodell der Zukunft aus? Die gemeinfreien Bücher bringen weniger Geld (über Werbung) als Reputation. Sie sind das Unterfutter des Portals. Wirtschaftlich viel bedeutender sind die urheberrechtlich geschützten und vergriffenen Titel („Die große Mehrzahl der Bücher dieser Welt fällt in diese Kategorie“): Hier soll der Nutzer – vorerst nur in den Vereinigten Staaten – einen Online-Zugang bei Google erwerben können. Die Einnahmen teilt sich das Unternehmen mit den Rechteinhabern, wobei deren Auffindung und Entgeltung einer Buchrechte-Registratur überlassen bleibt. Das war schon bekannt.

Ende dieses Jahres wird nun eine dritte Einkommensquelle erschlossen. Die Partnerverlage, auch die deutschen, sollen dann vergriffene Titel bei Google neu auflegen können: eine virtuelle Backlist für den Longtail-Abverkauf also, wieder unter satter Beteiligung des höflichen Dieners, versteht sich. Dann fällt auf dieser selten freimütigen Pressekonferenz der kaum hörbare Satz, das gelte übrigens auch für lieferbare Titel. Schließlich hat man die Komplettkopien ja bereits. Damit ist klar, wohin die Reise geht: Google strebt an, über den Schleichweg „Online-Zugang“ zum weltgrößten Buchhändler zu werden, zugespitzt formuliert: in naher E-Book-Zukunft den gesamten Handel und in etwas fernerer Zukunft wohl auch die Verlage zu ersetzen.

Buchhandel unter Illiteraten

Am erstaunlichsten ist es, dass dieses vielleicht endgültige Ende der Gutenberg-Galaxis in einem Rahmen angekündigt wird, der illiterater nicht wirken könnte. Unter Büchern stellt man sich bei Google am liebsten gar nichts vor, Medien eben, so ähnlich wie Musik oder Filme. Wenn es doch einmal sein muss, dann sind es Gartenbau-Ratgeber. Überhaupt: Was ist das für ein Büro? Knallbunte Sofaecke, knallbunte Theken, überall Lavalampen. So sehr nach Kindergarten sieht ja nicht einmal ein Kindergarten aus. Dann führt Annabella Weisl die Buchsuche vor: „Pünktchen und Anton“ tippt sie ein. „Das gibt es auch für gesamte Korpusse (sic!)“, erklärt sie, verhaspelt sich aber bei „institutionelle Subskriptionen“: „Das Wort kann ich immer nicht aussprechen.“ „Klingt doch super“, sekundiert Keuchel jovial.

Eine schriftliche Erklärung hat das Management auch vorbereitet. Der erste Satz ist das, was durchdringen soll – und der lautet so: „Autoren, Verlage und Google haben ein richtungsweisendes Abkommen erreicht, dass (sic!) den Zugang zu Millionen von Büchern in den USA ermöglicht und einen neuen Markt für Autoren und Verlage geschaffen, auf dem diese ihre Werke verkaufen können.“ Der entscheidende Satz – grammatisch nahe am Analphabetismus. Ist hier, ganz abgesehen einmal vom rechtlichen und marktverzerrenden Aspekt, das kulturelle Erbe der Welt wirklich richtig aufgehoben?

Ein Leserspion?

Nicht nur in Deutschland schlägt die Branche Alarm. Die EU-Kommission hat vor wenigen Tagen Verleger und Autoren zu Stellungnahmen über eine mögliche Gefährdung des Urheberrechts aufgefordert. Das amerikanische Justizministerium hat kartellrechtliche Bedenken, was möglicherweise zu einer erneuten Verschiebung des für Anfang Oktober geplanten Termins der „Settlement“-Genehmigung durch das New Yorker Bundesgericht führen wird. Soeben hat die amerikanische Bürgerrechtsbewegung Electronic Frontier Foundation (EFF) auf eine weitere, naheliegende Gefahr aufmerksam gemacht: Google könnte Daten über die Lesegewohnheiten seiner Nutzer erheben und verwerten. Man dürfe, so EFF, nicht gezwungen werden, für den Zugang zu Büchern mit seiner Privatsphäre zu zahlen. Keuchel wiegelt ab, man halte sich doch immer an Recht und Gesetz. Eine Stellungnahme zu diesem Thema werde er allen Interessierten sofort zukommen lassen: Es kam nichts.

Schließlich dreht die per Video zugeschaltete juristische Lobbyistin des Konzerns, Annette Kroeber-Riel, den Spieß um: Die Medien hätten vieles falsch dargestellt. Das strittige Abkommen nämlich habe Auswirkungen nur für den amerikanischen Markt. Keines der in den Vereinigten Staaten digitalisierten Bücher deutscher Autoren werde von Deutschland aus zugänglich sein. Ergo liege auch kein Verstoß gegen das Urheberrecht vor, wie das deutsche Justizministerium am 1. Juli bestätigt habe. Auf den Einwand, es sei doch geradezu lächerlich einfach, IP-Sperren zu umgehen, antwortet sie: „Das ist richtig, das geht auch.“

Ende einer Utopie

Um sich als Buchhändler von morgen nicht komplett zu disqualifizieren, ließ man noch Klaus Ceynowa, den stellvertretenden Generaldirektor der mit Google unter höchst geheimen Bedingungen kooperierenden Bayerischen Staatsbibliothek, antreten, einen echten Buchmenschen also. Und der machte seine Sache mehr als gut, war sich Ceynowa doch nicht zu schade, ein Zitat des Google-Generaldirektors Eric Schmidt („das ich einfach sehr schön fand“) an die Wand seiner ehrwürdigen Institution zu werfen, in dem es heißt, Google verfolge einzig die Strategie, die gesamte Information der Welt zu organisieren.

Es gebe also gar keine Monopol-Pläne, erklärt Ceynowa: „Das ist ja immer wieder dieses Furchtszenario der Krake Google.“ Vielmehr biete sich Google als natürlicher Partner seiner Bibliothek an, die immerhin eine identische Kopie aller Digitalisate (über eine Million) zur freien Verfügung erhält. Zugleich sei Google ein Konkurrent. Dass dieser bereits heute bei der Aufbereitung der Digitalisate – etwa durch Frakturleseprogramme – die Nase vorn hat, räumte Ceynowa freimütig ein.

Und wer wollte dem Bibliothekar seine Sympathien für die Vision einer kostenlosen Volltext-Weltbibliothek verdenken? Hat man Google nicht doch allzu gerne glauben wollen, spielerisch Ordnung ins Weltwissen zu bringen? Dafür steht auch der renommierte Historiker Anthony Grafton ein, der im Schlusskapitel seines neuen Buches „Worlds Made by Words“ die Google-Buchsuche als Demokratisierung des Wissens feiert. Dass man sich von solchen Vorstellungen verabschieden muss, ist schmerzhaft.

Aber spätestens jetzt ist klar, wie viel schmerzhafter es wird, wenn man es nicht tut. Das Bibliotheksprogramm war immer nur schmückendes und noch zu bewirtschaftendes Beiwerk einer gigantischen Offensive, die den gesamten Buchhandel überrollen soll. Warum verdienen wir eigentlich nicht an jedem verkauften Buch dieser Welt die Hälfte mit, hat man sich eines Tages in Mountain View gefragt. Wenige Jahre später scheint das plötzlich möglich.

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