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Google-Suchmaschine : Wir nutzen sie ohne einen blassen Schimmer

  • -Aktualisiert am

Mal genauer anschauen: Das Haupteingabefeld der Suchmaschine von Google. Bild: AFP

Fast jeder benutzt Google, und kaum einer weiß, was dabei geschieht. Der tägliche Umgang mit der Suchmaschine läuft auf niedrigstem kognitiven Niveau ab. Ein neues Buch nimmt die Nutzer in die Pflicht.

          Ein Gedankenexperiment: Stellen Sie sich vor, Sie entdecken hinter Ihrem Sofa im Wohnzimmer Schimmel. Würden Sie sofort ihren Vermieter anrufen und sagen: „Mietkürzung Schimmelbefall“? Wahrscheinlich nicht, Schlagwörter anstelle vollständiger Sätze eignen sich bei so heiklen Anliegen nicht. Tatsächlich ist dieser Gebrauch aber längst alltäglich. Menschen denken in Schlagworten und kommunizieren mit ihnen. Weil Google sie versteht. Wer Schimmel bemerkt, hat schon fünf Sekunden später sein Smartphone zur Hand und tippt: „Mietkürzung Schimmelbefall“. Die Alltäglichkeit dieses Verhaltens verdeckt seine Merkwürdigkeit.

          Suchmaschinen machen Informationen einfach handhabbar. Man hat sie zudem fast ständig parat. Nirgends, weder im direkten Gespräch noch bei der Lektüre eines Medienangebots, zeigen Menschen derart „niedrigen kognitiven Aufwand“ im Umgang mit Informationen. Der „Mangel an Wissen“, wie eine Suchmaschine funktioniert, kombiniert mit dem „Vertrauen in Googles Objektivität“, gepaart mit der Machtposition des Unternehmens sei deshalb als „äußerst kritisch“ zu bewerten - so lautet das Urteil mehrerer Mainzer Medien- und Kommunikationswissenschaftler. In einem Sammelband tragen sie zusammen, was wir über Suchmaschinen im Allgemeinen und Google im Besonderen wissen. Dieser Wissensstand lässt sich leicht zusammenfassen: Wir wissen eigentlich nichts über Suchmaschinen, wir benutzen sie nur.

          Nutzer in der Mitverantwortung

          Genauer: Egal wie alt und gebildet Menschen sind, sie verwenden nur eine Suchmaschine - Google. Fünf Milliarden Suchen verarbeitet das Unternehmen inzwischen täglich. Damit sei es zum überragenden „Player auf dem Meinungs- und Informationsmarkt“ geworden, schreibt Mitherausgeberin Birgit Stark in ihrem Beitrag. Wie dem Rundfunk falle dem Unternehmen Suggestivkraft zu. Entsprechend reguliert werde das System jedoch nicht.

          Dabei stellt Google keine eigenen Inhalte zur Verfügung, sondern sortiert lediglich die Inhalte Dritter. Lassen sich klassische Medien inhaltlich kritisieren, entzieht sich Google dieser Strategie. Ob das Unternehmen das Wissen der Welt nach neutralen Kriterien sortiert, weiß allerdings niemand, da die Algorithmen intransparent sind und die Nutzer wenig Ahnung haben.

          Eine von der Autorin vorgeschlagene Regulierung Googles ruht daher auf drei Säulen: Neutralität, Transparenz und Kompetenz. Der letzte Punkt betrifft die Nutzer, denen sie eine Mitverantwortung zuschreibt. Die Gründe leitet sie aus Befragungen von Nutzern ab. „Für mich ist Google eigentlich das Internet“, lautet der Satz eines Befragten, der beispielhaft für das Gesamtergebnis steht. Mehr als die Hälfte der Probanden folgt den Wortvorschlägen, die Google beim Tippen eines Suchworts unterbreitet.

          Doppelte Sparsamkeit

          Erst aufwendige Suchen, die nicht bloß grammatikalisch richtige Schreibweisen, Öffnungszeiten von Behörden oder Preise von Waren ermitteln sollen, führten die tatsächlichen Beschränkungen der Internetsuche vor Augen, schreibt Stark. Doch diese Suchen sind selten. Es werde fast ausschließlich nach einzelnen Wörtern gesucht. Es gelte eine doppelte Sparsamkeitsregel. Auf der einen Seite des Bildschirms sitzt der Nutzer, der ohne großen Aufwand sucht, auf der anderen Seite des Bildschirms versuchen Googles Computer herauszufinden, worum es dem Nutzer eigentlich geht.Tippt der einen Begriff ein, wertet Google diesen und zusätzlich rund zweihundert weitere Signale aus. Die Suchmaschine kennt die vorherigen Suchbegriffe der Person, vergleicht sie mit denen anderer Nutzer, ermittelt Ort und Zeit der Anfrage, um daraus Schlüsse zu ziehen.

          Überdies ist die Informationssuche nicht bloß eine Angelegenheit von Suchmaschine und Nutzer. Hinzu treten die Anbieter der Inhalte und Werbetreibende, die längst auch Googles Vorgaben und Pfaden folgen. Wer werben will, kann es nur nach Googles Richtlinien tun. Gleiches gilt für diejenigen, die in den Suchergebnissen prominent vorkommen wollen. Google hat den Prozess für die Nutzer so sehr vereinfacht, dass es faktisch keine Rolle mehr spielt, was jenseits des dritten Suchergebnisses pro Suche geschieht.

          Mit welchem Kalkül diese Informationsangebote präsentiert und Alternativen ausgeblendet werden, weiß nur Google. Gerade einmal fünfundzwanzig von 1012 Befragten konnten acht allgemeine Fragen zum Funktionieren der Suchmaschine fehlerfrei beantworten, obwohl jeweils nur zwei Antwortmöglichkeiten angeboten waren. Der Weg zu einem kompetenteren Umgang mit Googles Angeboten, das führt dieser Band deutlich vor Augen, ist lang.

          Internet : Googles Vision von der totalen Vernetzung

          „Die Googleisierung der Informationssuche“. Suchmaschinen zwischen Nutzung und Regulierung. Hrsg. von Birgit Stark, Dieter Dörr und Stefan Aufenanger. Verlag de Gruyter. Berlin 2014. 327 Seiten. 79,95 Euro.

          Quelle: F.A.Z.

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