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Götter in Jugendbuchserien : Der Hades ist kein Ponyhof

Halb Gott, halb Teenager mit Legasthenie und chronisch missverstanden: Percy Jackson, hier die Verfilmung des zweiten Teils. Bild: obs

Die Vielgötterei gehört zum ältesten Erbe der Menschheit und verjüngt sich immer wieder – zuletzt in weltweit erfolgreicher Jugendliteratur, die mitten in der Gegenwart spielt.

          Am Ende wird auch Kalypso erlöst. Die Nymphe, die seit den Tagen des Odysseus immer wieder Heroen auf ihrer Insel Ogygia empfing und sie immer gehen lassen musste, erlebt zum ersten Mal, dass ein Sterblicher zu ihr zurückkehrt – obwohl es sich eigentlich um einen Gestorbenen handelt, schließlich ist der nette Leo kurz vorher im dramatischen Kampf mit der Erdgöttin Gaia umgekommen, dann aber mit Hilfe der Siegesgöttin Nike auferstanden.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          So steht es im zehnten und vorerst letzten Band einer Jugendbuchreihe, die in zwei Staffeln („Percy Jackson“ und „Helden des Olymp“) von den Abenteuern moderner Halbgötter erzählt, die als Kinder jeweils eines menschlichen und eines olympischen Elternteils in einem der Welt entrückten Camp zusammengefasst werden und dort eine von dem Zentauren Chiron geleitete Schule besuchen. Der amerikanischen Autor Rick Riordan zitiert dabei so gut wie alles herbei, was in der griechischen und römischen Mythologie irgend vorkommt, und sei es in einer winzigen Nebenrolle – selbstredend Zeus, Athene, Poseidon, Hades und Ares, Satyrn, Zyklopen und Zentauren, aber auch gründlich vergessene Quellnymphen oder bösartige Monstren, die es oft nicht einmal in einschlägige Lexika schaffen. Und auch bei den Schauplätzen lässt Riordan, der zu Beginn seiner Schriftstellerkarriere noch als Lehrer arbeitete, nichts liegen, was aus der antiken Mythologie stammt und sich für die Abenteuer seiner Helden anbietet: den Olymp so wenig wie die Unterwelt mit Styx und Tartaros, den Hain der Artemis oder das Labyrinth des Minos.

          Mehr Gustav Schwab als Fantasy

          All das ist verborgen hinter der Fassade einer Welt, die unserer ähnelt, bestimmte Ereignisse verweisen auf die Gegenwart, und das Ergebnis ist eine eigentümliche Verfremdung sowohl der mythischen Gestalten wie auch unserer Welt. So gerät etwa Percy Jackson, der Held der ersten Staffel, auf einem Roadtrip durch die Vereinigten Staaten in einen Schnellimbiss, dessen Vorgarten lauter Skulpturen zieren, und entkommt dann nur knapp dem versteinernden Blick der Medusa, die im Imbiss auf ihn lauert. Der Anhang jedes Bandes aber verrät den Pädagogen: In einem umfangreichen Glossar, das etwa von „Amazonen“ bis „Zyklopen“ reichen kann, werden die Vorbilder der Romanfiguren sachlich erläutert – mehr Gustav Schwab als Fantasy.

          Riordans Rezept ist immens erfolgreich, zusammen mit dem im Oktober auch auf Deutsch erschienenen Abschlussband „Das Blut des Olymp“ verkauften sich die beiden Staffeln um Percy Jackson seit 2005 weltweit mehr als fünfzig Millionen Mal, davon etwa zwei Millionen in Deutschland. Wie üblich im Jugendbuchmarkt schossen allerdings in den vergangenen Jahren die Nachahmerserien aus dem Boden und setzten im allgemein der Magie gegenüber recht aufgeschlossenen Fantasybereich einen Schwerpunkt: Statt mit Vampiren oder Elfen bekommen es die Helden dieser Serien mit tradierten Göttergestalten zu tun. So muss das Mädchen Aristanae, eine entfernte Nachfahrin der Medusa, in einem Roman der amerikanischen Autorin Kelly Keaton den Zorn der Athene fürchten. In Josephine Angelinis Büchern versucht eine neue Helena, auch sie eine Halbgöttin, den Ausbruch eines neuen Trojanischen Krieges zu verhindern, ebenso wie zwei Kinder in der „Stormgard“-Serie den nordischen Weltuntergang Ragnarök.

          Halbgott mit ADHS

          All dies ist mal mehr, mal weniger gelungen, an die erzählerische Kraft von Riordans Romane reicht allerdings keines dieser Bücher heran. Vollends ausgehebelt wird der Ansatz dann aber, wenn die jugendlichen Protagonisten aus ihrer Zwischenstellung – halb Gott, halb Mensch – entlassen und ganz den Göttern zugeschlagen werden. „Die sagenhaften Göttergirls“ sind im selben Verlag erschienen, der auch „Hanni und Nanni“ nach Deutschland brachte, und sehr viel anders liest sich die Sache auch nicht: Da drücken Athene, Artemis, Poseidon und Ares die Schulbank, über sie wacht ein Zyklop, und Schuldirektor ist ein etwas vertrottelter Zeus – was Mythos war, geht unter in den üblichen Internatsklischees.

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