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Veröffentlicht: 28.03.2015, 15:46 Uhr

Buch zu Goethes Farbenlehre Schattenspiele in der hellen Welt des Lichts

Goethes Farbenlehre gilt allgemein als missglückter Ausflug in die Naturwissenschaften. In einem neuen Buch wird sie von Olaf L. Müller rehabilitiert.

von Wolfgang Krischke
© Bildagentur-online/StockConnecti Einfaches Experiment, kontroverse Deutungen: zerlegter Lichtstrahl

Auf seine Dichtung bilde er sich nichts ein, erklärte Goethe, wohl aber darauf, dass er in seinem Jahrhundert „in der schwierigen Wissenschaft der Farbenlehre der Einzige“ sei, „der das Rechte weiß“. Er war allerdings auch nahezu der Einzige, der seine Leistung so einschätzte. Als 1810 seine 1400 Seiten dicke Farbenlehre erschien, stieß sie auf höfliche Reserviertheit oder verlegenes Schweigen: Die Mehrheit der Gelehrten empfand das Werk als eine Verirrung des Dichters ins Dilettantentum. Diese Einschätzung besteht bis heute. Wissenschaftlicher Wert wird allenfalls den psychologischen Aspekten der Farbenlehre zugemessen. Das physikalische Herzstück jedoch gilt als netter, aber zum Scheitern verurteilter Versuch, Intuition und Subjektivität in das kalte Herz der exakten Naturwissenschaft zu pflanzen. Goethe, so die vorherrschende Meinung, hat Phänomenologie mit Physik verwechselt.

Ein glattes Fehlurteil, findet der in Berlin Wissenschaftstheorie und Naturphilosophie lehrende Olaf L. Müller. Er präsentiert Goethe als ernstzunehmenden Physiker, der empirisch und methodisch auf der Höhe seiner Zeit und wissenschaftstheoretisch ihr sogar voraus war. Das Buch fokussiert auf den Aspekt der Farbenlehre, der den stärksten Widerspruch herausgefordert hat: Goethes harsche Kritik am „neuen Poltergeist“ der newtonschen Lehre, der zufolge sich das weiße Sonnenlicht aus unterschiedlichen Spektralfarben zusammensetzt. Diese Theorie lehnte Goethe entschieden ab.

Wie lebten wir mit einer schwarzen Sonne am Himmel?

Zum Stein des Anstoßes geriet ihm Newtons berühmtes Experiment: Ein Strahl weißen Sonnenlichts fällt durch ein Loch in eine Dunkelkammer und wird dort auf ein Prisma gelenkt, das ihn in die Spektralfarben auffächert. Newton zeigte zudem, dass sich diese Farben nicht weiter zerlegen, aber durch eine Linse wieder zu Weiß vereinigen lassen. Goethe allerdings sah in all dem nur bizarre Effekte, hervorgebracht durch eine höchst künstliche Laborsituation. Um Newton mit dessen eigenen Waffen zu schlagen, kehrte er den Versuch um und ließ in heller Umgebung einen Schatten durch das Prisma fallen. Auch jetzt zeigte sich ein Spektrum, aber nicht wie bei Newton aus Blau, Grün und Rot, sondern aus Gelb, Purpur und Türkis. Nach Newtons Logik, folgerte Goethe, müsste man also sagen, dass es nicht nur Lichtstrahlen gibt, sondern auch Finsternisstrahlen, die sich ebenfalls aus Farben zusammensetzen und ein Komplementärspektrum erzeugen. Goethe hielt beides für verstiegen, er postulierte die Finsternisstrahlen nur, um die Absurdität zu verdeutlichen, die für ihn die ganze Idee von der spektralen Zusammensetzung des Lichts darstellte.

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Müller sieht hierin eine schlagende Widerlegung der Behauptung Newtons, er habe mit seinen Dunkelkammer-Experimenten die wahre Natur des Lichts unzweideutig gezeigt: Goethe mache deutlich, dass Newtons Theorie keineswegs die einzige ist, die sich mit den empirischen Befunden vereinbaren lasse. Dass die Existenz von „Lichtstrahlen“ uns selbstverständlich erscheint, während wir „Finsternisstrahlen“ abwegig finden, liegt einzig daran, dass wir in einem vorwiegend dunklen Universum leben, in dem eine weiße Sonne Licht in die Finsternis schickt. Lebten wir hingegen in einer lichtdurchfluteten Welt mit einer schwarzen „Sonne“ am Himmel, würde ein Newton nicht die Natur des Lichts, sondern die des „Schattenstrahls“ erforschen. Müller verweist auf aktuelle physikalische Experimente mit „Schattenstrahlen“ in einer gleißend hellen Streulichtkammer, die Newtons Dunkelkammer gewissermaßen umstülpen und Goethes Postulate bestätigen. Solche Rückbindungen an die Empirie gehören zu den Stärken des Buchs. Mit guten Gründen erklärt Müller Goethe nicht nur zu einem mit allen wissenschaftlichen Wassern gewaschenen Kritiker szientistischer Borniertheit. Er schreibt ihm auch eine sehr modern anmutende wissenschaftstheoretische Position zu, die erst im 20. Jahrhundert durch Otto Neurath und Willard Van Orman Quine ausformuliert wurde: Jede naturwissenschaftliche Theorie ist „unterbestimmt“, denn aus den Daten, auf denen sie beruht, lassen sich alternative Theorien genauso schlüssig herleiten.

Dass Goethes Newton-Schelte trotz ihres Scharfsinns beim Publikum durchfiel, hat für Müller mehrere Gründe: Goethe plazierte sie taktisch ungeschickt zwischen ganz anderen Themen und beraubte sie so ihrer Wirkung. Fatal war auch, dass die Leser Goethes Begriff des „subjektiven Experiments“ als Gegensatz zum „objektiven“, also überprüfbaren Versuch missverstanden und deshalb von vornherein den Verdacht der Schöngeisterei hegten. Doch Goethe meinte damit keineswegs private Empfindungen, sondern optische Versuche, deren Effekte sich nur auf der Netzhaut des Experimentators abzeichnen im Unterschied zu Lichteffekten, die, auf eine Wand geworfen, für mehrere Personen zugleich sichtbar sind. „Subjektive“ Experimente, in denen die hohe Lichtempfindlichkeit der eigenen Augen den Mangel an einer geeigneten optischen Ausrüstung ausgleichen musste, betrieb auch der „objektive“ Newton.

Müllers Analyse vernachlässigt den Kontext

Ins Reich der - schon von Goethe gepflegten - Legende verweist Müller hingegen, dass die gesamte Physiker-Zunft sich von vornherein gegen ihn verschworen habe. Einige profilierte Wissenschaftler, unter ihnen Johann Wilhelm Ritter, dem der Nachweis des ultravioletten Lichts gelang, zeigten sich von seiner Newton-Kritik durchaus angetan. Dass sie sich nicht durchsetzten, ist einer Kette von Zufällen und den besseren publizistischen Netzwerken der Newton-Anhänger geschuldet. Dass sich das Bild von Goethe als Möchtegern-Physiker bis heute gehalten hat, dafür macht Müller - von der wissenschaftsphilosophischen Kanzel herab - auch die Goethe-Kommentatoren der Gegenwart verantwortlich. Ihnen wirft er beim Umgang mit der Farbenlehre szientistische Scheuklappen, editorische Unzulänglichkeiten und textkritische Oberflächlichkeit vor. Müller selbst muss sich allerdings fragen lassen, ob er einem wichtigen Grund für die Wirkungslosigkeit der Newton-Kritik nicht zu wenig Beachtung schenkt: Goethes Argumente gegen die Spektralfarben wurden ja mit Blick auf seine eigene Theorie gelesen. Für ihn waren Licht und Dunkel homogene Ganzheiten und dort, wo sie aneinandergrenzen, „im Trüben“, sollten die Farben entstehen. Diese Idee stieß auf weitgehendes Unverständnis, und das beeinflusste auch die Rezeption der Newton-Kritik. Auch Müller kann nach eigenem Bekunden mit Goethes farbtheoretischer Alternative zu Newton nichts anfangen und lässt sie deshalb außer Acht. Er begründet seine philosophische Rosinenpickerei, die Aspekte des historischen und werkimmanenten Zusammenhangs bewusst ausblendet, mit einem rein systematischen, auf Goethes Newton-Kritik fokussierten Interesse. Müllers Goethe ist ein Präparat aus dem philosophischen Labor - durchaus erhellend, aber mit scharfem Skalpell aus seinem lebendigen Kontext herausgetrennt.

Das Buch durchmisst anspruchsvolles Gelände. Dabei nimmt der Autor den Leser an die Hand, indem er jeden seiner Schritte kommentiert und reflektiert. Für die nötige Anschauung sorgen die Abbildungen der Experimente. Im letzten Abschnitt, der den Feinheiten der Unterbestimmtheitstheorie gewidmet ist, schlägt der didaktische Duktus des Autors allerdings in eine Pedanterie um, die an Klausurvorbereitungen im philosophischen Seminar erinnert. Hier und an manchen anderen Stellen hätte eine Straffung der Sache keinen Abtrag getan, aber dafür das Lesevergnügen an diesem Buch, das des Lesens wert ist, erhöht.

Glosse

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